Vielleicht ist Helmut Kohl eben doch der überragende Stratege der Union.

Jedenfalls kommen selbst gegensätzliche Optionen auf merkwürdige Weise immer ihm, dem Altkanzler, zugute - wie gerade erst wieder im Streit um die Rednerliste zu den Dresdner Einheitsfeiern.

Sicherlich hätte der Altkanzler seine Dresdner Rede virtuos genutzt, um von den Höhen der Historie aus auf die vielen Kleingeister inner- und außerhalb seiner Partei herabzublicken, die ihn noch immer wegen der läppischen Finanzaffäre kritisieren. Wäre es aber bei Biedenkopfs Ablehnung geblieben, hätte das der Legende weiter Nahrung gegeben, Kohl solle vom politischen Gegner unter tätiger Mithilfe aus der eigenen Partei um sein Ansehen und die Union um ihre Zukunft gebracht werden.

Doch Kohl hat keine der beiden angebotenen Varianten akzeptiert, sondern stattdessen seine Teilnahme an den Dresdner Feiern einfach abgesagt. So wie er seinerzeit der CDU-Führung unter Wolfgang Schäuble den Ehrenvorsitz vor die Füße warf, als sie gerade zaghaft begann, ihm mit Entzug des Ehrenamtes zu drohen, so bleibt er auch diesmal wieder Herr des Verfahrens. Fast erinnert der Brief , in dem er jetzt seine Absage begründet, an die souveräne Art, mit der der geschlagene Helmut Kohl am Wahlabend 1998 seine Niederlage akzeptierte. Hätte man seither nicht den andern Helmut Kohl kennengelernt, den, der von der Macht nicht lassen kann, der seine Autorität zur Demontage seiner Nachfolger nutzt, der seine Person trotzig und selbstherrlich ins Zentrum seines politischen Weltbildes setzt, man würde ihm die aktuellen Einlassungen gerne glauben: dass nicht einzelne Personen, sondern die Sache der Einheit bei der Dresdner Feier im Mittelpunkt stehen solle, dass auch nur der Anschein von Streit vermieden werden müsse und vor allem dass er deshalb die Konsequenz seiner Nichtteilnahme in aller Gelassenheit ziehe.

Wie zurückhaltend und großmütig. Da dürfte es der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel gleich wieder ein wenig unbehaglich werden. Ihrer Idee einer CDU-Feier "um den 3. Oktober herum, die Helmut Kohls Verdienste in angemessener Form würdigt", hat der Altkanzler gleich auch noch eine Absage erteilt. Die Chance, ihn würdigen zu dürfen, wird Angela Merkel ebenso wenig mehr bekommen wie die Chance, ihn in absehbarer Zukunft in der Rolle des elder statesman zu neutralisieren.

Sie weiß das längst. Und sie sagt es in schönen Worten: "Kohl wird am 3.

Oktober im Bewusstsein der Menschen und in meinem eigenen eine besondere Rolle spielen."