Motiv 1: Hafen. Die Karre ist aber schön vor die Wand gefahren. Oder besser: zwischen die Wände. Ein rasanter Viertürer, die Schnauze zerquetscht, die Scheiben zerborsten, aber die toten Scheinwerfer haben 1a-Hafenblick, nach links auf die Kehrwiederspitze, nach rechts auf die Landungsbrücken, und geradeaus die Elbe runter. Eine hübsche Variante von Caspar David Friedrichs berühmtem Eismeer-Verzweiflungsbild Die gescheiterte Hoffnung. Das hängt als Hamburger Ikone ein paar hundert Meter Luftlinie hinter dem Auspuff in der Kunsthalle. Auch die Schrottkarre ist Kunst: Roman Signer hat sie für den "Außendienst", eine Reihe von "Kunstprojekten in öffentlichen Räumen Hamburgs", von einem Stuntman kunstvoll zwischen zwei aufeinander zulaufende Betonmauern rammen lassen. Da steckt sie nun und tut sinnbildlich.

Aber was will uns das Wrack sagen? Selten war in Hamburg so viel auf Anfang: Vier neue Intendanten treten demnächst ihre Ämter an, in den großen Theatern, der Oper, der Kulturfabrik Kampnagel. Und doch: Kennt sich die propere Hansestadt nicht auch prima mit dem Scheitern aus? Zum Beispiel beim leichten Musikspektakel, bei dem sie immer vorneweg segelte. Die Tage der Musicals sind gezählt, und beim pompösen Opernzirkus Carmen 2000 in Hagenbecks Tierpark schwingt zwischen den Tigerkäfigen der Konkursverwalter die Peitsche. Oder nehmen wir die Kehrwiederspitze selbst, den Ort des bedeutungsschweren Kunst-Unfalls. Eigentlich sollte die Bebauung des toten Dreiecks Hafenland die Stadt an den Fluss zurückbringen. Was daraus wurde, sieht man glasklar und backsteinrot: eine Büroraumödnis, tagsüber halb belebt, abends ganz tot.

Und schon droht die nächste Havarie. Hafencity heißt der zweite, größere Versuch, Hamburg dichter ans Wasser zu bringen. Eines der ehrgeizigsten Stadtbauprojekte europaweit, es geht um hundert Hektar Land, Millionen Quadratmeter Wohn- und Büroraum, ein Milliarden-Mark-Ding, wie es selbst im sich ständig neu erfindenden Berlin keins gibt. "Wir hatten einen Beirat vorgeschlagen, der über die Seele des neuen Viertels nachdenken sollte", erzählt Ullrich Schwarz, der Geschäftsführer der Hamburgischen Architektenkammer. "Darin sollten keine Bauexperten sitzen, sondern Intellektuelle, Schriftsteller, Philosophen. Schließlich planen wir hier für die nächsten Generationen." Auch dieses Vorhaben - gescheitert. Hier haben allein Investoren was zu sagen, keine Schöngeister. Was nicht tragisch wäre, wenn man mit den gebauten Ergebnissen nicht leben müsste.

"In Hamburg gibt es keine Atmosphäre für offene, intellektuell anspruchsvolle Diskussionen", sagt Schwarz resigniert. Da klagt er nicht allein. Verleger, Galeristen, Museumsleute, Theatermacher, Unternehmer, eigentlich alle vermissen ein Forum für den Gedankenaustausch. Aber wo soll das auch herkommen? Klischees transportieren immer ein Stück Wahrheit, und der Hamburger Pfeffersack ist eben nicht nur Folklore, sondern prägend für eine Stadt, die selten eine der Künste, immer eine der Geschäftigkeit war. Über Geld aber redet man nicht, das hat man, wozu also ein Debattenort. Die Uni, zerfranst am Rand der Innenstadt gelegen, war es nie und hat viele gute Leute verloren, insbesondere an Berlin.

Eine vernünftige Tageszeitung hat die selbst ernannte Medienhauptstadt der Republik in mehr als 50 Jahren auch nicht hervorgebracht. Bleibt das Literaturhaus, das tapfer gegen die Kontoführungsmentalität andenkt. Aber eine Literaturstadt wird Hamburg nimmermehr

die großen Alten, Rühmkorf, Lenz, Biermann, sind keine Stimmen, sondern nur Spaziergänger in der Stadt, und die jungen Wilden sind bestenfalls lesende Gäste mit DJ-Begleitung im Mojo Club auf der Reeperbahn. Wenn es dann einen wie Matthias Weiberroman Politycki hierher verschlägt, wird sein Name gleich wie eine seltene Trophäe von allen apportiert als einer, der den Sexappeal der höheren Tochter Hamburg beweist.

In Wahrheit aber ziehen immer mehr Leute, die denken, streiten, vorankommen wollen, nach Berlin. Ein Journalist, früher New York und Hamburg-Winterhude, heute HauptstadtMitte: "Jedes Mal, wenn ich hierher komme, wundere ich mich, dass überhaupt noch Leute da sind."