Haben Sie schon Viren gesehen, die mit Kalaschnikows schießen?", fragt Jaques Grange in das Rauschen der gewaltigen Belüftungsanlage. Der technische Direktor hält die Vorwürfe der Bürger von Lyon für absurd. Welchen Viren, bitte sehr, soll der Ausbruch aus dem neuen Hochsicherheitslabor der Marcel-Mérieux-Stiftung gelingen? Warum soll es gefährlich sein, ein derartiges Labor in die Nähe von Wohnhäusern und einem Fußballstadion zu bauen?

Grange versteht den Aufruhr nicht. Vorbei die Zeit, als das P4, wie der Mikroben-Hochsicherheitstrakt genannt wird, aus Anlass seiner Eröffnung im März 1999 glanzvolle Schlagzeilen machte. Heute ist die öffentliche Reaktion weniger erfreulich: "Die Sicherheit des P4 ist fraglich" oder "Angst in der Stadt" lauten nun die Meldungen. Statt Prestigeforschung "an den gefährlichsten Viren der Welt" zu betreiben, wie man damals vollmundig verkündete, muss Direktor Grange nun um die Betriebserlaubnis für den 50 Millionen Franc teuren Bau bangen.

Nicht nur in Lyon wachsen Bedenken wegen angeblicher oder tatsächlicher Sicherheitsmängel und die Angst vor bioterroristischen Attacken. In vielen Industriestaaten werden neue Zentren für die Forschung an Organismen der höchsten Gefahrenstufe hochgezogen, bestehende erweitert und technologisch aufgerüstet. Allein in den USA werkeln Forscher außer in den bekannten Seuchenlabors der Centers for Disease Control (CDC) in Atlanta und dem Armee-Forschungszentrum Amriid in Fort Detrick in drei weiteren Hochsicherheitslabors. Vier Neubauten sind geplant. Demnächst werden weltweit rund 30 solcher BSL4-Labors (Biosafety Level 4) in Betrieb sein. In Schweden öffnet im Herbst eines, die Briten stocken ihre Forschungskapazitäten auf fünf Hochsicherheitslabors auf, und auch in Deutschland wird eines von zwei Zentren, das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, mit 21 Millionen Mark ausgebaut und modernisiert.

Motiviert ist der Bauboom durch eine undurchsichtige Melange aus tatsächlichem Forschungsbedarf angesichts immer neuer Unholde aus der Mikrobenwelt, ausgeprägtem nationalen Prestigedenken sowie transatlantischen Rivalitäten zwischen Europäern und Amerikanern. Auch in der Forschergemeinde munkelt mancher inzwischen von einem "hot lab race". Der Bau neuer Zentren sei schon extrem wichtig, sagt Herbert Schmitz vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, "aber manchmal fragt man sich schon, wie viele es denn sein müssen".

Nicht einmal die Gegner des Renommierprojekts in Lyon leugnen indessen, dass der Bau des Hochsicherheitslabors prinzipiell sinnvoll ist. Noch immer sind Infektionen weltweit die Todesursache Nummer eins. Unbekannte Viren tauchen aus dem Busch auf, andere erobern neue Gebiete. Längst besiegt geglaubte Infektionskrankheiten kehren zurück:

New York meldet in dieser Woche den dritten Patienten, der sich mit dem gefürchteten West-Nil-Virus infiziert hat. Der Erreger wird durch Mücken übertragen und ruft beim Menschen eine Hirnhautentzündung hervor. Zwischen Boston und New York zittern nun die Amerikaner vor dem Virus, das vergangenes Jahr sieben Menschen tötete. Die Verwaltungen sagen aus Furcht vor der Verbreitung des Erregers öffentliche Großveranstaltungen ab. 1996 hatten sich in Rumänien Hunderte mit dem 1937 erstmals entdeckten Virus angesteckt. Viele erlagen den Folgen der Infektion.

In der vergangenen Woche bestätigten die kalifornischen Gesundheitsbehörden eine neue Infektionsgefahr. Vor vier Jahren lediglich in der Blutbahn von Nagern gesichtet, sprang das Whitewater-Arroyo-Virus im April auch auf den Menschen über - und tötete eine 14-Jährige. In ihrem Blut konnte der Erreger jetzt direkt nachgewiesen werden. Der texanische Virologe Charles Fulhorst arbeitet bereits an einem Schnelltest, um weitere Verdachtsfälle zu überprüfen.