Helmut Kohl, im Schmollen ebenso groß wie im Aussitzen, hat seine Teilnahme an dem Staatsakt zum 3. Oktober abgesagt, nachdem man ihn als Festredner nicht hatte haben wollen. Ist das nun zu beklagen oder nicht? Kohl selbst denkt wahrscheinlich, durch sein Fernbleiben einen Schmerz auszulösen, der seiner Partei wie dem ganzen Land einmal so recht die Undankbarkeit vor Augen führt, mit der seine Verdienste um die deutsche Einheit vergessen wurden, nur weil es in seiner Amtszeit gewisse Unregelmäßigkeiten gegeben haben soll. Tatsächlich aber hat seine Verdienste niemand vergessen

es fragt sich nur, ob geschichtliche Bedeutung mit Gesetzesverstößen verrechnet werden kann.

Helmut Kohl war der Kanzler der Einheit, das ist gewiss

wieweit er sie treibend vorangebracht hat oder selbst nur ein Getriebener war, darüber mögen Spätere streiten. Helmut Kohl lebt aber noch unter uns, er ist der höchst lebendige Gegenstand der höchstnotpeinlichen Untersuchung, die über die Finanzierung seiner Partei geführt wird. Helmut Kohl ist mitnichten schon Geschichte, über die wir mit gnädiger Unschärfe urteilen könnten

auch wenn er selbst der Historisierung seiner Person unablässig vorzuarbeiten versucht.

Es gibt eine solche Tendenz auch in der Gesellschaft, das Zeitgeschehen in eine nostalgische Perspektive zu entrücken

daher die Gedenktage, die früher nach 25 oder 50 Jahren, heute aber oft schon nach einem Jahr gefeiert werden.