Wer einen guten Arzt will, muss ehrlich sein - nicht nur zu ihm, sondern auch zu sich selbst. Unsere Debatte über den Umgang mit neonazistischer Gewalt ist aber oft mehr geprägt vom Schatten der Vergangenheit als von nüchterner Sicht auf die heutige Wirklichkeit. So kommt es, dass grundsätzliche Irrtümer, ja sogar versteckte Unehrlichkeiten uns dort im Wege stehen, wo wir wirksame Lösungen gegen die Gewalttaten einer sehr kleinen Minderheit suchen.

I. Irrtümer: Keine prinzipiell demokratische und befriedete Gesellschaft ist deswegen schon gewaltfrei

demokratische Erziehung und auch jahrhundertealte demokratische Traditionen haben die menschlichen Gewaltinstinkte nicht auslöschen können. Das evolutionäre menschliche Erbgut selbst birgt nun einmal erhebliche Gewaltpotenziale - überall. Kein gesellschaftlicher Konsens zur Gewaltlosigkeit schließt jemals alle Mitglieder ein. Jede friedliche Gesellschaft bedarf starker Ordnungskräfte - Gesetz, Polizei, Gerichte -, um latente und offene Gewaltpotenziale in Schach zu halten. Wer das nicht anerkennt, irrt gefährlich über den Menschen.

Diese Gewaltpotenziale entzünden sich am häufigsten gegenüber dem "Anderen", dem "Fremden". Es ist ebenfalls ein Irrtum zu glauben, der Mensch sei instinktiv freundlich zu Fremden. Horden, Gruppen, den Anderen ausschließende Gemeinschaften (von der religiösen bis zur nationalen) sind tief verwurzelt in unserem anthropologischen Sein. Die menschliche Neigung, Fremdes abzulehnen, lässt sich deswegen auch nicht einfach durch Information und gutes Zureden ausrotten. Am ehesten können positive Erfahrungen im Umgang mit dem Fremden die xenophobe Urangst auflösen. Aber gerade während diese Erfahrungen gemacht werden, entsteht zunächst eine kritische soziale Phase.

So war es zum Beispiel in England während der pakistanischen Immigrationswelle in den siebziger Jahren oder in den Niederlanden, als Bewohner Indonesiens einwanderten. In solchen Phasen haben Polizei und staatliche Gewalt eine besonders schwierige Ordnungsaufgabe. Dass solche Spannungsphasen sehr lang sein können, beweist der amerikanische Süden, beweist Nordirland, beweisen Südspanien und das Baskenland, beweist Marseille, beweisen Israel und Palästina, beweist Zypern - beweist, kurz gesagt, die ganze Welt. Deutschland macht da keine Ausnahme.

Es ist deswegen unehrlich, den Vergleich mit Geschehnissen in anderen Ländern als deutsche "Weißwäscherei" oder Ablenkungsmanöver zu diffamieren. Denn ehrlich befragt, wissen wir doch, dass man eine Sache überhaupt nur im Vergleich beurteilen kann. Vergleich bedeutet ja nicht, die Probleme bei uns zu bagatellisieren. Im Gegenteil: Nur so können wir überhaupt deren Dimensionen begreifen. Es hat zuweilen fatale Folgen, dass wir uns daran gewöhnt haben, bei der Beschreibung von Antisemitismus und Diktatur in der Geschichte Deutschlands jeden Vergleich abzulehnen: Nur im Vergleich erweist sich ja auch die Einzigartigkeit von Auschwitz.

Deshalb wäre es falsch, die markanten Unterschiede im Umfang rechtsradikaler Ausschreitungen zwischen Ost und West in Deutschland durch Hinweise auf Mölln oder Solingen einzuebnen. Denn es gibt diese Unterschiede. Der Vergleich ist legitim - und die Unterschiede sind auch nicht zufällig. Haben wir denn so wenig Vertrauen in die freiheitliche Erziehung, dass wir die 40-jährigen Unterschiede zwischen Ost und West schlicht für unerheblich erklären könnten?