Die Idee

Schmucklose Lagerhallen, rostige Verladekräne, Düngerberge, Schrotthaufen und Silos prägen den Hildesheimer Mittellandkanalhafen. Die Kantine öffnet morgens um Viertel nach fünf, hier spannt das Filmteam nach dem Nachtdreh aus. Der Set befindet sich gegenüber in der 1000-Quadratmeter-Halle K 31, in der es im Sommer drückend heiß ist und im Winter bitterkalt. Hier entsteht unter dem Arbeitstitel Coconut Dream der dritte Spielfilm von Wenzel Storch.

Der Regisseur trägt Bergstiefel und Blaumann, überm T-Shirt ein zerfetztes Hemd, mit dem er öfter in den Kulissen hängen bleibt. Seinen Kopf schmückt die Wenzel-Storch-Frisur, die er erfunden hat: hinten und an den Seiten ganz kurz und oben etwas länger, glatt nach vorn gekämmt. Storch ist eine Ausnahmeerscheinung in der Filmbranche: 1993 baute der Autodidakt für Sommer der Liebe die siebziger Jahre nach, der in kleinen Kinos lief. Über 30 000 Zuschauer machten ihn zu einem der erfolgreichsten Filme, die jemals im Eigenverleih vertrieben wurden. Für die Zeitschrift Wiener avancierte Storch damit zum, man ahnt es, Kultregisseur, Titanic nannte ihn Deutschlands besten Regisseur. Jetzt erschaffen Storch und sein Team ein Fantasiereich, das von einem König Knuffi sowie diversen Tierlakaien (Menschenkörper mit Giraffenköpfen und Ähnliches) und einem echten Bären bevölkert wird.

Zur Handlung: Kapitän Gustav strandet mit seinem Schneckenschiff auf einer Insel, wo ein sadistischer König haust. Die Schiffscrew wird im Palast gefangen genommen. Doch Kapitän Gustav schlägt zurück, und König Knuffi flieht mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit. Mehr wird nicht verraten, sagt Storch.

Der Mann geht auf die 40 zu und arbeitet Tag und Nacht an einem Ausstattungsfilm, wie es ihn in Deutschland sonst nur als Major-Produktion à la Die unendliche Geschichte gibt. Eigentlich braucht man für so was mehrere Millionen, aber Storch kommt mit privaten Darlehen im sechsstelligen Bereich und knapp 500 000 Mark Filmförderung aus. Mit unglaublicher Improvisationsfähigkeit setzt sein Team die Visionen des Meisters um und versucht mit minimalen Mitteln das Maximale zu erschaffen: eine neue Welt.

Das Material

Ralf Sziele, 32, sieht aus wie der kleine Bruder von Willem Dafoe. Nach der Lektüre von Storchs Drehbuch sammelte der Großhandelskaufmann ein Jahr lang Rohmaterial: Ich fuhr durch die Gegend und suchte Dinge, die eine Funktion erfüllen konnten: eine Wäschemangel, ein Rückenmassagegerät oder Hirschgeweihe. Schade, dass es keine festen Termine für den Sperrmüll mehr gibt, das hätte vieles erleichtert. So hieß es Flohmärkte abklappern, eine wunderbare Sache für Filmschaffende mit schmalem Budget, weil dort Requisiteure gebrauchte Kulissen verkaufen. In Lüttich fand er sein teuerstes Requisit: einen Zahnarztstuhl für 400 Mark. Die lederbezogene Antiquität aus dem 19. Jahrhundert wurde mit blauem Samt und Silberlametta zum Thron von König Knuffi. Anstelle eines Reichsapfels muss er sich mit einem vergoldeten Mundspülbecken begnügen.