Selten hat sich eine deutsche Redaktion so schnell und radikal von ihrer eigenen Berichterstattung distanziert wie die des sterns. Nur eine Woche später fand das Blatt seine Aufbereitung des Concorde-Absturzes "geschmacklos", "menschenverachtend", "widerlich", "beschämend", "pietätlos".

Unter Leserbriefe mit diesen Vokabeln setzte die Redaktion den Satz: "Unsere Leser haben Recht" und eine Entschuldigung. Vor der Veröffentlichung hatte die Redaktion heftig gestritten, in welcher Form die Katastrophe aufbereitet werden sollte. Die Zurückhaltung fordernde Fraktion unterlag - der stern machte mit einem großen Bild auf, das verkohlte Leichen zeigt. Unfreiwillig verschärft wurde der Eindruck des Ruchlosen durch die Überschrift Das Leben geht weiter. Dieser Zynismus soll niemandem aufgefallen sein, weil das Redaktionssystem dem Texter nicht die Fotos anzeige. Die Bunte, die gegen den Wunsch der Angehörigen noch einmal fast alle Opfer abbildete, sah keinen Anlass für Selbstkritik. Sie ließ sich von Prominenten in Leserbriefen loben.

Nur fünf Monate nach ihrem Relaunch ist die taz in einer unangenehmen Finanzkrise. Die Abounterbrechungen während der Ferien und die nur zögerlich steigende Zahl der Neuabonnenten haben ein besorgniserregendes Sommerloch in den Kassen der tazler erzeugt. Immer noch machen die Abos über 60 Prozent der Einnahmen aus. Die Gehälter für August, mit knapp über 2000 Mark netto für einen Redakteur ohnehin nicht gerade luxuriös, werden in zwei Tranchen überwiesen. Doch wie kommt das Blatt an neue Abonnenten? Vergangene Kampagnen mit ihrem halb jammernden, halb drohenden Charakter waren zwar erfolgreich, wirken im Nachhinein aber peinlich. Die gegenwärtige Abokampagne argumentiert mit den Regeln des Fair Play: Die taz müsse eine ebenso lange Restlaufzeit haben wie die Atomkraftwerke. Auch nicht berauschend - klingt defensiv und irgendwie nach Auslaufmodell. Das beste Argument für die taz sind nach wie vor die genialen Überschriften wie jene zu den vielen arg gut gemeinten Initiativen gegen rechts: Herzilein, Du sollst kein Nazi sein.

Nils Minkmar, Stefan Niggemeier (offline@zeit.de)