Die Erschließung des Internet ähnelt einer virtuellen Blitzbesiedelung. Als der Science-Fiction-Autor William Gibson in den frühen Achtzigern den Begriff Cyberspace erfand, herrschte noch spärlich verdatetes Dunkel. Inzwischen ist eine ganze Welt im Netz aufgeflackert, mit Landschaften, Handelswegen, Zockerparadiesen, Sexshops und endlos chattenden Gemeinden. Nichts Menschliches, das dem Elektronischen fremd wäre, für jedes Bedürfnis einen Link. Was Wunder, dass neben den vielen Superhelden und Kunstwesen, die den Cyberspace bevölkern, eines Tages auch das Ende der Schallplattenindustrie gesichtet wurde.

Es hat spitze Ohren und einen runden Kopf. Ikonografisch bewegt es sich zwischen Batman und niedlichen japanischen Pokémons, doch der Software, die hinter dem Logo umgeht, wird Gespenstisches zugetraut: Sie soll alles umwälzen im Reich der Unterhaltung, und das ganz ohne physische Kraftanstrengung. Eine Revolution per Mausklick - allerdings, das haben Revolutionen nun einmal an sich, auf ungeklärter Rechtsgrundlage.

Mit Napster, so der Name des Programms, lassen sich Musikstücke in bester Qualität vom Netz ziehen, ohne auch nur einen Pfennig an Industrie und Autoren zu zahlen. Die Basis ist ein elektronisch formalisierter Tausch unter Sammlern: Blitzschnell durchsucht Napster die Festplatten von geschätzten 20 Millionen Usern auf das Gewünschte hin. Die klassische Distribution durch Grossisten und Einzelhändler entfällt ebenso wie der materielle Tonträger.

Theoretisch genügt eine einzige ins Netz gestellte Kopie eines Titels, um den Markt auf ewig zu sättigen.

Künstler fühlen sich ausgebeutet von Hackern und Plattenfirmen Den kapitalistischen Geist, dem auch Cyberschöpfungen gehorchen sollen, hat dies so nachhaltig das Fürchten gelehrt, dass die Phonobranche einen Schauprozess gegen Napster anstrengte. Mit mäßigem Erfolg: Die einstweilige Verfügung, Ende Juli von der US-Bundesbezirksrichterin Marilyn Hall Patel ausgesprochen, war wenige Tage später schon wieder außer Kraft. Bis zum 18.

August nun müssen die Napster-Betreiber sich hinsichtlich der Eigentumsfrage schriftlich erklärt haben, ironischerweise zum selben Termin, an dem die diesjährige Popkomm eröffnet.

Auch auf der Kölner Messe für Popmusik und Entertainment ist die Zukunft der Unterhaltung in digitaler Zeit das beherrschende Thema. Parallel zum eigentlichen Parcours, der immer noch ein Boulevard Bio ist, findet - Präsenz zeigen! - eine virtuelle Phonokomm im Netz statt bereits seit Wochen läuft eine Musik Kampagne 2000 zum Schutz des Copyrights, mit prominenten Zugpferden wie Rapper Smudo von den Fantastischen Vier. Die Auseinandersetzung um Napster hat Züge eines Kulturkampfs angenommen, wobei Streitfrage wie Szenario selbst ein wenig an ein Computerspiel erinnern: Wer regiert die Netzwelt? Händler oder Piraten?