Tolstoj und Dostojewskij waren Zeitgenossen und hatten nie das Bedürfnis, sich zu treffen und miteinander zu plaudern. Der russische Schriftsteller ist wie ein Kind davon überzeugt, dass die Wahrheit nur ihm gehört. Vielleicht geriet deshalb der 67. Internationale PEN-Kongress, der kürzlich in Moskau stattfand, zum absurdesten Ereignis in der Geschichte der PEN-Bewegung.

Dahinter stand eine große Lüge. Obwohl man die Russen manchmal als Meister der Lüge bezeichnet, verbargen die russischen Schriftsteller diesmal ziemlich plump ihre Spaltung in der Frage des Tschetschenienkrieges.

Dabei hatte alles so froh und stolz angefangen! Ungeachtet des chronischen Geldmangels hatte es der russische PEN-Club fertig gebracht, Geld aufzutreiben und den ungläubigen Gästen Komfort und Sicherheit nach westlichem Standard zu bieten. Der Ehrengast des Kongresses, Günter Grass, tanzte gar russische Volkstänze auf einem Schriftstellerpicknick in unmittelbarer Nähe der Pasternak-Datscha bei Moskau.

Nur das kleine Tschetschenien verdarb alles. Günter Grass begann seine Eröffnungsrede, indem er seine Besorgnis um dieses Land zum Ausdruck brachte, doch der russische PEN-Club ließ sich nicht lumpen. Er hatte eine derart radikale Resolution gegen den Krieg vorbereitet, dass sogar die polnischen und finnischen Kongressteilnehmer, die diesem Krieg äußerst unversöhnlich gegenüberstehen, angenehm verblüfft waren. Allerdings musste es sie irritieren, dass auf dem Kongress mit jedem Tag die Anspannung innerhalb der russischen PEN-Gemeinde wuchs.

Die Russen rauchten mürrisch, und bald machten sich unter ihnen konspirative Aktivitäten bemerkbar. Auf der abschließenden Pressekonferenz gaben dann meine alten Freunde, der bärtige Sibirier Jewgenij Popow und der in Washington lebende amerikanisierte Wassilij Axjonow eine Erklärung ab, die wie ein Schlag vor den Kopf war: Wir sind gegen die Resolution. Sie ist einseitig, darin wird nichts gesagt über die Bedrohung durch den internationalen islamischen Terrorismus. So erhielt der Krieg in Tschetschenien seine indirekte Rechtfertigung.

Die Situation ist vergleichbar mit der Spaltung französischer Schriftstellerkreise in den fünfziger Jahren, damals ging es um den Krieg in Algerien. Oder mit der Spaltung amerikanischer Schriftsteller beim Thema Vietnam. Jetzt ist die Zeit gekommen, uns gegenseitig für einen schmutzigen Krieg zu hassen. Die ehemaligen sowjetischen Dissidenten standen mit ihren Ansichten immer schon den europäischen Parteien rechter und allzu rechter Schattierungen nahe - zum einen, weil diese Parteien knallhart antikommunistisch waren, und außerdem wegen ihrer nationalistischen Neigungen. Ihr instinktiver Rassismus lässt viele russische Intellektuelle weit abdriften.

ÜBERSETZUNG BEATE RAUSCH Viktor Jerofejews Anthologie Vorbereitung für die Orgie, in der er junge russische Literatur zusammengestellt hat, ist bei DuMont erschienen