Kann man gegen Gewebeersatz sein, wenn man die Geschichte von Rita Säckinger kennt? Rita Säckinger, 52, war immer eine aktive Frau. Sie hat Beruf und Familie, arbeitet bei einer Bank im südbadischen Müllheim und ehrenamtlich beim Roten Kreuz. Zwei Enkel halten sie auf Trab. 1995 bekam Rita Säckinger plötzlich eine Gefäßentzündung. "Erst hatte ich so ein taubes Gefühl in den Beinen, am nächsten Morgen bin ich mit roten Pusteln bis zur Hüfte aufgewacht." Aus den Pusteln wurden Blasen, die Blasen gingen auf, es blutete. Diagnose: offene Beine. Rita Säckinger hatte ständig Schmerzen. Die Behandlung war mühselig. Immer wieder musste abgestorbenes Gewebe aus den Wunden gekratzt werden. Sie bekam Kortison. Nach und nach verheilten die Beine. Eine Wunde von drei Zentimeter Durchmesser am rechten Unterschenkel jedoch schloss sich nicht. Im Herbst letzten Jahres bekam sie dann den Tipp: "Haut aus der Tube". Die Freiburger Firma BioTissue Technologies züchtet Ersatzgewebe aus körpereigenen Zellen der Patienten; die Behandlung findet in der Hautklinik der Freiburger Universität statt.

Ende November 1999. Aus der Leiste wurde Rita Säckinger ein kleiner Hautlappen entnommen. Unter sterilen Bedingungen im Labor vermehrten sich die Zellen aus der Hautprobe, bis nach drei Wochen genügend da waren. Vier Tage vor Weihnachten fand die Übertragung statt. Die gelartige Masse wurde auf die desinfizierte Wunde aufgetragen - ein Transplantat aus eigenem Gewebe. Zwei Wochen später zeigte sich, dass die neue Haut wirklich anwuchs. Nach sechs Wochen war die Wunde abgeheilt, seit der Therapie ist sie nicht mehr aufgebrochen. Nur Unterschiede der Pigmentierung lassen erahnen, wo die Beine offen waren. "Toll, was die erfunden haben", sagt Rita Säckinger, "meine Schmerzen sind weg. Ich fühle mich wie neugeboren."

Björn Stark, Ärztlicher Direktor der Abteilung Plastische und Handchirurgie an der Freiburger Uniklinik, forscht an künstlichen Geweben. Der 42-Jährige stammt aus Furtwangen, einem fast 1000 Meter hoch gelegenen Ort im Schwarzwald, wo der Winter Überstunden einlegt. Hier machen die Menschen nicht viele Worte. Auch Stark, der Pionierarbeit auf dem Gebiet des Gewebeersatzes geleistet hat, redet wenig. Während seiner ärztlichen Tätigkeit hat er immer wieder erlebt, dass Menschen durch Unfälle oder Erkrankungen Organe verloren oder Gewebedefekte erlitten. Die Transplantation von Haut oder Körperteilen anderer Menschen hilft nur wenigen dieser Patienten, der Bedarf ist zu groß, als dass er durch Spender gedeckt werden könnte. Stark kam deshalb die Idee, Haut von Patienten zu entnehmen, sie im Labor zu vermehren und später zurückzuübertragen. "Wir helfen den Selbstheilungskräften des Körpers etwas nach", sagt er, "Stammzellen von Embryonen brauchen wir dazu nicht."

Die Firma BioTissue Technologies wurde 1997 gegründet und hat die Vermarktung der Laborhaut übernommen. Mittlerweile sind etwa 80 Patienten damit behandelt worden. Doch allein in Deutschland warten noch anderthalb bis zwei Millionen Menschen mit chronischen Hautwunden auf Hilfe.

Die Züchtung anderer Gewebe ist komplizierter als die vergleichsweise einfache Vermehrung von Haut. Zellen von inneren Organen oder aus dem Gehirn wachsen im Reagenzglas nur nach, wenn man bestimmte Tricks benutzt. Einer davon ist die Gewebezucht aus embryonalen Stammzellen. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern glaubt, dass dies der beste Weg zur Schaffung von Ersatzorganen sei. In Großbritannien haben Experten aus Medizin und Biologie vergangene Woche diese Forschung empfohlen. Unter dem Vorsitz des obersten britischen Gesundheitsbeamten, Liam Donaldson, verfassten sie einen umfangreichen Bericht, der am 16. August veröffentlicht wurde. Im September wird das Parlament entscheiden, ob die umstrittene Forschung in Großbritannien erlaubt wird. Zweifel daran gibt es kaum.

Ausdrücklich empfehlen die britischen Wissenschaftler die Forschung mit Embryonen ("Research using embryos") zur Organzüchtung. Langfristig erhoffen sie sich davon die Behandlung chronischer Krankheiten durch Zell- und Gewebeersatz. In dem britischen Bericht werden daher besonders die Therapieaussichten betont - um das Potenzial dieses Verfahrens zu unterstreichen. Genannt wird etwa die Züchtung von Zellen, die Insulin produzieren. Damit sollen Diabetiker behandelt werden. Neu gewonnene Leberzellen sollen Zirrhosekranke gesunden lassen. Und durch die Übertragung von Nervenzellen wird Patienten nach Schlaganfall, mit Alzheimer oder Parkinson Hoffnung auf Genesung gemacht. Je größer die Heilversprechen, desto eher werden umstrittene Techniken konsensfähig.

In Großbritannien war seit 1990 die Forschung mit bis zu zwei Wochen alten Embryonen erlaubt - sofern man Sondergenehmigungen besaß. Im Königreich beginnt Leben, rechtlich gesehen, erst 14 Tage nach der Verschmelzung von Ei und Samenzelle. Von den dort seither fast 800000 durch künstliche Befruchtung erzeugten Embryonen sind fast 50000 in die Hände der Forscher gelangt. Eine Einschränkung hat die britische Kommission in ihrem aktuellen Bericht immerhin gemacht: Unter Strafe gestellt werden soll die "Einbringung durch Kerntransfer im Labor erzeugter embryonaler Stammzellen in eine weibliche Gebärmutter", das "reproduktive Klonen".