Bei einer Routineuntersuchung sagte der Arzt der Mutter, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimme. Symptome zeige das Kind zwar keine. Aber später, da drohe Umgemach. Der Mediziner prophezeite der vierjährigen Sabine eine schwierige Zukunft: Konzentrationsstörungen würden das Kind beeinträchtigen, ein Zappelphilipp werde es, Probleme in der Schule seien die fast zwangsläufige Folge - wenn man nicht schon jetzt etwas gegen das Problem mit dem Namen KiSS unternehme.

So wurde aus dem bis dahin gesunden Mädchen für die nächsten Monate eine Dauerpatientin in der Orthopädiepraxis einer Kleinstadt nahe Hamburg. "Bevor man etwas falsch macht, folgt man besser dem Rat des Arztes", sagte sich die verunsicherte Mutter. Langweilen musste sich Sabine beim Arzt nicht, ihr kleiner Bruder Stefan begleitete sie. Denn obwohl auch er der Mutter völlig gesund schien, hatte der Arzt ebenfalls das KiSS-Syndrom diagnostiziert.

KiSS ist die Abkürzung für Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störungen. Weil ihr Kopfgelenk blockiert sein soll, liegen die betroffenen Kinder mit etwas gebogenem Rücken im Bett. Oder sie drehen ihren Kopf nur zu einer Seite. Glaubt man den KiSS-Ärzten, dann hat die für Unkundige harmlos aussehende Schiefhaltung fatale Folgen: Sie machen das Syndrom für Schlafstörungen, Fieberschübe und Hyperaktivität verantwortlich. Bei bis zu 90 Prozent der Kinder mit chronischem, dauerhaftem Kopfschmerz ist KiSS die Ursache, schätzt Lutz Erik Koch, Allgemeinmediziner und KiSS-Therapeut aus Eckernförde in Schleswig-Holstein.

Derart eindeutig ist die Diagnose aber längst nicht für alle Fachleute. KiSS hat vielmehr einen heftigen Medizinerstreit ausgelöst. Auf der einen Seite stehen die Verfechter des KiSS-Syndroms, zumeist Einzelkämpfer aus den Reihen der niedergelassenen Ärzte. Auf der anderen Seite behaupten Experten an Universitäten und Kinderzentren, dass es KiSS gar nicht gibt. Immer wieder fordern sie Beweise und Belege. "Man darf nicht über Jahre etwas propagieren, ohne in dieser Zeit Studien vorzulegen", kritisiert Dieter Karch, ärztlicher Leiter der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie in Maulbronn. Der Chef der Universitäts-Kinderorthopädie in Heidelberg, Claus Carstens, bezeichnet KiSS gar als "puren Humbug" und spricht von Behauptungen, "die durch nichts belegt sind. KiSS hält einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand."

Trotz aller Zweifel beharren viele Eltern darauf, ihre Kinder seien KiSS-krank. Der Befund ist Balsam auf ihre Seelen, vermutet der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Die handfeste medizinische Diagnose "entlastet die Eltern unheimlich". Macht der Balg Schwierigkeiten, dann gibt es für die Probleme endlich einen wissenschaftlichen Namen. Die Erziehung kann ja nicht schuld sein, wenn das Kind eine Krankheit wie Masern oder Röteln hat.