In Abschnitt 143 der Fröhlichen Wissenschaft äußert sich Nietzsche zunächst lobend über den Polytheismus und fügt dann hinzu: "Der Monotheismus dagegen, diese starre Konsequenz der Lehre von einem Normalmenschen - also der Glaube an einen Normalgott, neben dem es nur noch falsche Lügengötter gibt - war vielleicht die größte Gefahr der bisherigen Menschheit." Nietzsche will darauf hinaus, dass wir zwar der sozialen Ordnung halber das Verhalten normalisieren müssen, nämlich die Menschen dazu bringen müssen, sich ähnlich und vorhersagbar zu verhalten -, dass aber die Idee, eine solche Normalisierung sei mehr als zweckmäßige Notwendigkeit, verheerend ist.

Wer die Einheitlichkeit unter Menschen nicht bloß als ein notwendiges Übel, sondern als etwas an sich Gutes versteht, der glaubt, es gebe so etwas wie "das gute Leben", eine "menschliche Natur" oder den "Sinn menschlicher Existenz". Doch indem wir an diese Vorstellungen glauben, hemmen wir den Drang nach kreativer Selbstbestimmung. Das heißt: Die monotheistische Theologie und ihr säkulares Gegenstück, die Metaphysik, richten sich beide gegen "die Freigeisterei und Vielgeisterei des Menschen", die, wie Nietzsche sagt, "im Polytheismus ... vorgebildet" war.

In dieser Verteidigung des Polytheismus steckt Nietzsches perspektivische, quasi-pragmatistische Auffassung von Wahrheit. In ihr ist auch der Polytheismus schon angelegt. Folgen wir diesem Wahrheitsverständnis, dann ist die Einheit der Perspektive und die Einheit des Glaubens nur insoweit von Wert, wie sie uns die soziale Kooperation bei kollektiven Vorhaben erleichtert. Solche Vorhaben, zum Beispiel der Bau von Städten und die Entwicklung von Zivilisationen zum Beispiel, werden selbst danach beurteilt, wie sehr sie die kreative Selbstbestimmung erleichtern. Sie sollen nämlich dafür sorgen, dass Menschen die Welt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven sehen können. So bestünde die Hauptfunktion von Gesetzen und Bibliotheken, Polizisten und Opernhäusern darin, es der Freigeisterei und Vielgeisterei zu ermöglichen, besser zum Zuge kommen.

Monotheisten und Metaphysiker meinen, die Normalisierung des Glaubens sei notwendig. Sie glauben an die Wahrheit - an die Wahrheit in dem Sinne, dass sie unabhängig von allen menschlichen Bedürfnissen das ist, was sie ist, und dass alle Menschen dies pflichtschuldigst anerkennen müssen. Nietzsche vertrat die Ansicht, diese nichtperspektivische Idee von Wahrheit und die Idee, wonach es nur genau eine Art gibt, wie die Dinge an sich sind, wären in einem frühen Stadium der Zivilisation vielleicht nützlich gewesen, doch nun sei diese Wahrheit eine Leiter, die wir fortwerfen sollten. Denn wenn wir uns ihrer nicht entledigen, würden wir jene Vision niemals wiedergewinnen können, die den Griechen vorschwebte: jenes Bedürfnis nach einer"Mehrzahl von Normen", einem Himmel, in dem "der eine Gott nicht die Leugnung oder Lästerung des anderen Gottes war".

Wenn es uns jemals gelingen sollte, eine bleibende soziale Ordnung zu schaffen, die allen Menschen den Freiraum gibt, den sie zu ihrer kreativen Selbstbestimmung brauchen, werden wir Nietzsche trotz seiner snobistischen und kurzsichtigen Polemik gegen die Demokratie als einen Propheten verehren. Sollte dieser Tag jemals kommen, werden wir ihm die billigen Ausfälle gegen John Stuart Mill verzeihen (Götzendämmerung, Sprüche und Pfeile 12: "Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer tut das"). Wir werden Nietzsche als einen Denker im Gedächtnis behalten, der mit Mill und Wilhelm von Humboldt darin übereinstimmte, dass die beste Gesellschaft die ist, die zur größtmöglichen Vielfalt frei gewählter Lebensweisen ermutigt. Darum sollten wir Nietzsche so lesen wie Alexander Nehamas (in Nietzsche, Life as Literature): als Ermutigung, es ihm gleichzutun und unser Leben zu einem idiosynkratischen Kunstwerk zu machen.

Gewiß, Nietzsche glaubte fälschlicherweise, demokratische Gesellschaften seien nicht in der Lage, der Vielfalt Raum zu geben. Doch William James, der Nietzsches Misstrauen gegen den Monotheismus und die Metaphysik teilte, wusste es besser. Wir sollten Nietzsches und James' gleichsinnige Kritik an konventionellen Ideen über die Wahrheit so lesen, als entsprängen sie der Hoffnung, die das Leben beider Männer beherrscht hatte - die Hoffnung, die Freigeisterei und Vielgeisterei des Menschen werde in Zukunft stärker und vollständiger zum Ausdruck kommen.