N I E T Z S C H E   Ich leide an zerrissenen Stiefeln

Der Overbeck-Briefwechsel und neue Nietzsche-Biografien

Am 6. Januar 1889, es ist ein Sonntagmorgen, ereignet sich in Basel Ungewöhnliches. Jacob Burckhardt, der Kultur- und Kunsthistoriker der Universität, sucht den Kirchenhistoriker Franz Overbeck auf. Es ist alles andere als Besuchszeit, besonders für Basel, wo man auf Distanz hält. Doch beide sind über ihre kollegialen Kontakte hinaus durch die Beziehung zu einem Dritten verbunden: zu Nietzsche, Burckhardt distanziert-wohlwollend, Overbeck als Nietzsches bester Freund. Und Burckhardt hat gerade aus Turin einen verstörenden Brief erhalten:

"Lieber Herr Professor,

zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muß Opfer bringen, wie und wo man lebt ... Ich ... leide an zerrissenen Stiefeln und danke dem Himmel jeden Augenblick für die alte Welt, für die die Menschen nicht einfach und still genug gewesen sind ... In herzlicher Liebe Ihr Nietzsche."

Ein bewegendes Dokument, geprägt von einer verzweifelten Komik, offensichtlich diktiert vom Wahn. Overbeck nimmt unverzüglich Kontakt auf zu Professor Wille, dem Direktor der Basler Psychiatrie. Wille rät zu sofortiger Intervention. Noch am Abend des 7. Januar bricht Overbeck mit der Bahn nach Turin auf. Dort kommt es zu einer "fürchterlichen" Wiederbegegnung. "Ich erblicke Nietzsche in einer Sophaecke kauernd und lesend ... entsetzlich verfallen aussehend, er ... stürzt sich auf mich zu, umarmt mich heftig, mich erkennend, und bricht in einen Tränenstrom aus."

Mit der Hilfe eines Begleiters gelingt es Overbeck, Nietzsche nach Basel zu überführen. Am 10. Januar 1889 wird er in die Basler Psychiatrie eingeliefert. Eine Woche später trifft Nietzsches Mutter in Basel ein. Sie bringt den Sohn in die Jenaer Nervenklinik. Ein Jahr danach erhält sie die Erlaubnis, ihn in ihre Naumburger Wohnung zu nehmen, wo sie ihn bis zu ihrem Tod 1897 hingebungsvoll pflegt.

Dann aber bemächtigt sich die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die Witwe des militanten Antisemiten Bernhard Förster, des inzwischen berühmten Bruders. In der Weimarer Villa Silberblick lässt sie den "lieben Kranken" pflegen und verwaltet sein Werk. Sie stilisiert, mystifiziert seine Biografie. Sie, die er einst auf das Kosewort Lama getauft hatte, ohne schon so viel Böses zu ahnen, spuckt gegen ihre Feinde Gift und Galle. Sie fälscht seine Schriften und Briefe.

Aber nicht bei allen hat die Schwester Erfolg, schon gar nicht kann sie alle überzeugen, am wenigsten Overbeck. Er stört sich an ihrer Nietzsche-Vermarktung, ihrem Nietzsche-Kult. Ihre Zeitgeistpropaganda ist ihm zuwider, vor allem ihr Antisemitismus, der aus dem Anti-Antisemiten Nietzsche einen NS-Propheten macht. Aber Overbeck hat eine Schwäche: Er scheut den öffentlichen Konflikt. So wird der Schwester nicht Paroli geboten, die Chance, dass Nietzsches fatale Wirkungsgeschichte eine andere Wendung hätte nehmen können, verspielt. Mehr Overbecks hätten weniger Nazis unter den Nietzsche-Lesern bedeutet.

Indessen ist das verständlich, weil Overbeck persönlich berührt ist. Durch die Schwester fühlt er nicht nur das Bild Nietzsches, sondern auch seine Freundschaft zu Nietzsche bedroht, die er das "Hauptereignis seines Lebens" nennt. Es ereignet sich eine innere Tragödie, ein Kampf um Nietzsche, während sich zugleich öffentlich der Herold des Übermenschen, der Heros des "Willens zur Macht" zu Tode siegt.

Nietzsches Leben, anschaulich und vollständig

Zwei Publikationen geben Einblick in diesen Kampf: die nachgelassenen Aufzeichnungen Franz Overbecks und der kommentierte Briefwechsel zwischen Nietzsche und dem Ehepaar Overbeck, beides unvergleichliche Dokumente. Zusammen mit der voluminösen Chronik in Bildern und Texten, die als Begleitband der Weimarer Nietzsche-Ausstellung (Schiller Museum, bis 31. Dezember) erschienen ist, und einer an den "Landschaften seines Lebens" orientierten Bildbiografie lässt sich Nietzsches Leben nun Schritt für Schritt so vollständig und so anschaulich wie nie verfolgen.

Die Chronik ist wie die Ausstellung als philosophisch uninteressantes Potpourri kritisiert worden. Aber sie bietet eine Fundgrube selbst für Nietzsche-Kenner. Eher mag man an der Bildbiografie mäkeln, die Nietzsche ästhetizistisch zurichtet und uns den Amoralisten diesseits von Gut und Böse als "guten Europäer" empfehlen zu müssen glaubt. Beide Bände haben indes wesentliche philosophische Implikationen. Weil für Nietzsches große Mythen, mit denen er das Leben im Zeitalter des sich vollendenden Nihilismus noch einmal zu "rechtfertigen" versucht, die zeitliche Dimension zentral ist - am deutlichsten für die "Ewige Wiederkunft", aber auch für den "Übermenschen und den auf Steigerung ausgerichteten "Willen zur Macht" -, ist er zumeist als Philosoph der Zeit verstanden worden. Die Chronik, die sich als Itinerar entpuppt, zeigt, welche komplementäre und korrektive Bedeutung Orte, Landschaften, Räume für sein Leben und Denken haben. Am deutlichsten wird das in der Korrespondenz mit Overbeck.

Mit gerade 24 Jahren war der noch nicht einmal promovierte Nietzsche 1869 auf den Lehrstuhl für griechische Sprache und Literatur an der Universität Basel berufen worden, 1870 dann Overbeck, obwohl bekennender Nichtchrist, auf den Lehrstuhl für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte. Beide wohnten im selben Haus, der "Baumannshöhle", Schützengraben 45. Bald entwickelte sich daraus eine stabile Freundschaft, auf das Ganze von Nietzsches und Overbecks Leben hin gesehen die überhaupt stabilste, eine echte Lebensfreundschaft. Overbeck war sieben Jahre älter als Nietzsche. 1876 beginnen mit Nietzsches Beurlaubung die Jahre seiner unablässigen Wanderschaft. Jetzt wird Overbeck, vollends in der Rolle des treuen Freundes und Vertrauten, zum entscheidenden Basler Relais. Keine Mühe ist ihm zu viel. Er sorgt rundum für Nietzsche. Mit einem Porträt von Stefan Zweig gesagt: "Er ist der Postmeister, der Kommissionär, der Bankier, der Arzt, der Vermittler, der Nachrichtenüberbringer, der ewige Tröster, der sanfte Beruhiger."

Immer wieder ist der Nomade Nietzsche auf seiner Odyssee durch Mittel- und Südeuropa auf der Suche nach einem Ort, an dem es sich für ihn, den Augen-, den Magen-, den Migränekranken, den an Herz und Kopf Leidenden, endlich, endlich leben ließe. Jeder neue Ort soll der einzig wahre, der heilende, der erlösende Ort sein mit dem reinen, wolken- und gottlosen Himmel, den Nietzsche braucht. Und jeder Ort entpuppt sich als der falsche - nur der unablässige Wechsel von jäh aufkeimender Hoffnung und jäher Enttäuschung ist beständig.

Nietzsches Nomadenleben ist im Gegensatz zu den magischen Beschwörungen seiner Philosophie der "Ewigen Wiederkunft des Gleichen" eine einzige Nichtwiederkehr. Auch wenn die Zyklik der Bewegung zwischen Alpen und Mittelmeer sich jahreszeitlich bedingt erneuert - zu Hause ist Nietzsche nirgendwo und nie. Nur in Sils-Maria, daneben in Genua, Venedig und Nizza, findet er eine dauerhaftere Bleibe. Meta von Salis rühmt ihm nach: "Nietzsche besaß das ausgeprägteste Talent, bevorzugte Stellen der Erde aufzufinden." Doch wie sehen selbst diese bevorzugten Orte des Bleibens aus: "Gestern rechnete ich 21 Wohnungen nach, die ich in den sieben Wintern in Genua und Nizza bewohnt habe: ebenso viele Strapazen und Degouts in jedem Betracht." Extremer hat sich in einem Philosophenleben die Verdammnis zur Rastlosigkeit, zur nicht bloß "transzendentalen", sondern auch immanenten "Obdachlosigkeit" nicht gezeigt: "Ein Gefühl von Welt-Fremdheit, Vorüber-Eilendem, Wanderer-Haftem sitzt sehr tief in mir drin."

Erst der Wahn wird ihn buchstäblich stationär machen. Sein Leben ist ein andauerndes Leidensleben, der dunkle Basso continuo eine unablässige Klage. Nicht das manische Ecce-Homo - Nietzsches Briefe sind seine Autobiografie: die einer Passion. Zu den tragischen Ironien des Briefwechsels gehört es, dass die Möglichkeit, wahnsinnig zu werden, öfters thematisiert wird, um ebenso oft verneint zu werden. Der Todeswunsch ist unaufhörlich präsent. Wenn Nietzsche in seinen Werken den "großen Mittag" feiert, das "Ja- und Amen-Lied" auf das Leben in all seinen Formen singt, da capo, noch einmal, noch einmal die Welt "verklärt" und das Leben heilig spricht, so geben die Briefe den Kommentar dazu: "Nein! Dieses Leben! Und ich bin der Fürsprecher des Lebens! Ich habe mich so satt."

Ist nach einer prägnanten Formel Nietzsches Lehrer Schopenhauer "der Selbstmörder, der am Leben blieb", so Nietzsche der Selbstmörder, der nur um den Preis des Wahnsinns am Leben bleibt. Und als es zu spät ist, quält Overbeck sich selber mit dem Vorwurf einer verpassten Sterbehilfe. In den Jahren nach dem Zusammenbruch korrespondiert Overbeck mit Nietzsches Mutter. Zweimal besucht er die Pflegerin und ihr Kind. Dass Nietzsche nicht Anfang 1889 auf der Turiner Piazza Caro Alberto gestorben ist, sondern noch fast elf Jahre gelebt hat, gesprochen, gelallt hat, wie die bemerkenswerten Aufzeichnungen der Mutter zeigen, macht vor allem die Chronik eindrucksvoll deutlich.

Dann aber, mit der Machtergreifung der Schwester, deren Manipulationen nicht wirkungslos an Overbeck vorübergehen, beginnt die zweite, die postume innere Tragödie des Kampfes um Nietzsche, eine rückwirkende Vertrauenskrise. Doch noch am tiefsten Punkt seines Zweifels hält Overbeck an der "Schattenlosigkeit" der lebendigen Beziehung fest. Er ist der eigentliche Held dieses Briefwechsels: statt des "Übermenschen" der Freund als Inbegriff des menschlichen Menschen, statt des Willens zur Macht Zuneigung und Vertrauen, statt des Amor Fati der Amor Amici und in der Spanne eines ganzen Menschenlebens jenes unverbrüchliche Gefühl, jene Haltung, die man getrost "Treue" nennen darf: die einzig verlässliche Wiederkehr des Gleichen.

Diese Treue befähigt Overbeck, auch den fürchterlichen Anblick des wahnsinnigen Nietzsche und den - schlimmeren - Verdacht des Freundschaftsverrats auszuhalten; "Nietzsche ist der Mensch, in dessen Nähe ich am freiesten geathmet habe ... Ich habe den lebendigen Menschen lieb gehabt."

Friedrich Nietzsche/ Franz und Ida Overbeck:Briefwechsel
Hrsg. von Katrin Meyer und Barbara von Reibnitz; J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 2000; XXXII, 535 S., 88,- DM

Franz Overbeck:Werke und Nachlaß in neun Bänden
Band 7/2: Autobiographisches. "Meine Freunde Treitschke, Nietzsche und Rohde"; hrsg. von Barbara von Reibnitz und Marianne Stauffacher-Schaub; Metzler Verlag, Stuttgart/ Weimar 1999; 404 S., 108,- DM

Friedrich Nietzsche:Chronik in Bildern und Texten
Im Auftrag der Stiftung Weimarer Klassik zus.gestellt von Raymond Benders und Stephan Oettermann; Hanser Verlag, München 2000; 855 S., 98,- DM; bei dtv 48,- DM

David Farell Krell/ Donald L. Bates:Nietzsche - der gute Europäer
Eine Biographie in Bildern und Selbstzeugnissen; aus dem Amerikanischen von S. Denzel und S. Naumann; Knesebeck Verlag, München 2000; 256 S., 98,- DM

 
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