B E R L I N  Deutscher Nachlass

Welche Fundamente braucht die Berliner Republik? Soll sie das Schloss der Hauptstadt neu erbauen? Oder den Palast der Republik erhalten? von 

Ein Denkmal sollte man ihm setzen, ganz gleich, ob das Schloss gebaut wird oder nicht. Denn hätte es Wilhelm von Boddien nicht gegeben, dann wäre eine der größten Architekturdebatten, die dieses Land je gesehen hat, wohl nie entflammt. Längst hätte sich die Mitte Berlins beruhigt und geordnet, der Palast der Republik wäre rasch saniert worden, man hätte ein paar neue Restaurants eröffnet, vielleicht eine Bibliothek und die Tourismuszentrale eingebaut. Der uferlose Parkplatz vor dem Palast wäre von Gartenarchitekten gefasst und gepflegt worden, ohne dabei zu verdecken, dass hier einst etwas war, das nicht mehr ist.

Es ist diese Abwesenheit, die Boddien nicht dulden mag. Das Gefühl von Verlust und Unwiederbringlichkeit ist ihm eine Zumutung, deshalb begann er mit Verve und Gewitztheit seine Kampagne für eine Wiederkunft des Schlosses. Eigens ließ er 1993 eine riesige Kulisse aufstellen, als Mahnung und Appell, doch bitte dem DDR-Herrscher Walter Ulbricht, der 1950 die Schlosssprengung befohlen hatte, nicht das letzte Wort zu überlassen. Viele waren beeindruckt von Boddiens Ruf nach einer Wiedererweckung der alten Schönheit, zumal der Palast der Republik immer mehr herunterkam und zur Dauerbaustelle (bis 2001) umgewidmet wurde. Davor parken im Sommer die Wohnmobile, im Winter blinken Kirmesbuden, und dauerhaft hat sich ein schäbiges Kabarettzelt hier niedergelassen. Während vor Schinkels Altem Museum gerade der Lustgarten in größter Sorgfalt neu erwachsen ist, gönnt man dem Schlossplatz nur das Provisorische. Allein die barocke Pracht der Schlossfassaden kann dem Elend noch abhelfen - das ist die Logik dieser inszenierten Lieblosigkeit.

Die PDS ausgenommen, folgen mittlerweile alle Parteien des Bundestages dieser Logik. Selbst die Grünen stimmen für einen Nachbau der Hohenzollern-Residenz, fast als sei dies unterdessen eine Frage der Staatsräson geworden. Tatsächlich ist die Schlossdebatte längst den lokalpatriotischen Gefilden entwachsen, es geht nicht mehr allein um nostalgische Schwärmerei, wie sie vielerorts gepflegt wird und die etwa in Hildesheim das Knochenhaueramtshaus neu entstehen ließ und in Frankfurt die Alte Oper. Worüber auf dem Schlossplatz verhandelt wird, ist eine nationale Frage: Die Ästhetik der Macht und das Verhältnis des Staates zur eigenen Vergangenheit wird hier neu entworfen. Nicht um die Vorlieben und den Geschmack Einzelner geht es also, sondern um die historische Selbstverortung eines Landes.

Deshalb haben nun das Bundeskabinett und der Berliner Senat in dieser Woche eine Kommission berufen. Zwar ist man sich weitgehend einig darüber, dass auf dem Schlossplatz etwas Schlossähnliches entstehen soll, ob nun mit neobarocken oder hypermodernen Fassaden. Unklar ist allerdings weiterhin, wozu man das Schloss denn nun eigentlich braucht, ob sich ein Nachbau technisch bewältigen lässt, was ein solches Gebilde kostet, wer es bezahlen und wer es nutzen soll. Und, wichtigste Frage, auf welche geistigen Fundamente sich die Berliner Republik auf dem Schlossplatz stellen will.

Als Erstes wird die Kommission den Lindenkorso hinunterschlendern, wird den Platz umkreisen und feststellen: Der bella figura der barocken Stadt fehlt das Haupt, der Allee Unter den Linden ist der Fluchtpunkt abhanden gekommen. Die Schlossfassade war Ziel und Zentrum des absolutistischen Straßensystems, die ganze Stadt bezog sich mit ihrem Koordinatensystem auf die Residenz. Will man diesen Zusammenhalt wiedergewinnen, brauchte man also einen Gebäudeblock, der in Größe und Lage identisch mit der einstigen Residenz sein müsste. Es liegt nahe, dann auch Stil und Ornament dem Vorläufer entsprechend zu gestalten.

Doch wie lässt sich ein Haus restituieren, dessen Sprengung vor genau einem halben Jahrhundert, am 6. September 1950, begann und von dem bis auf die Fundamente und einige Skulpturen nichts geblieben ist? Das ist der zweite Aspekt, mit dem sich die Kommission befassen muss. Rasch wird sie erfahren, dass es unzählige Fotos und viele Pläne gibt, die das Innen und Außen des Schlosses dokumentieren. Hochgezüchtete Computerprogramme könnten daraus Baupläne entwickeln, mit denen man dem Originalschloss sehr nahe käme - zumindest den barocken Fassaden, die Andreas Schlüter und Johann Friedrich Eosander 1698-1713 entworfen hatten. Weit schwieriger dürfte es bei den Innenhöfen und Treppenhäusern werden, denn diese Räume des Architektenbildhauers Schlüter sind von großer Komplexität und Dichte. Noch problematischer wird es mit einem Nachbau beim vorbarocken Teil der Residenz, der von den Schlossfreunden in ihrer Argumentation gern übergangen wird. Sie sprechen stets von den Glanztaten Schlüters und Eosanders und verschweigen Konrad Krebs und Kaspar Theiß, Johann Arnold Nering und Johann Gregor Meinhardt. Deren Arbeit am 1443 begründeten Feudalbau war zwar zum größten Teil von den barocken Fassaden verdeckt worden, doch blieb der Ostflügel bis zur Schlosszerstörung ein malerisches Gewimmel aus An-, Um- und Überbauten. Hier verblendeten sich Gotik, Renaissance und Historismus zu einem Baurätsel, das sich auch mithilfe der Computer nicht lösen ließe. Zumal die leisen Spuren der Abnutzung und Neuaneignung, der schleichenden Veränderung durch neue Dachziegel und ausgetauschte Fenster, nicht reproduzierbar sind. Die Patina des Geschichtlichen ist unwiederbringlich und das Gerede von einer "originalgetreuen Rekonstruktion" blanker Unsinn.

Die eifrigsten Verfechter einer Schlosswiederkunft sehen das allerdings anders, sie glauben fest an die Wunder der Technik und eigene Erfindergaben. Wenn man nicht weiß, wie es war, kann man ja immer noch so bauen, wie es hätte sein können. Diesem Gedankenspiel folgend, mag die Kommission sich drittens fragen, was das Ganze kosten würde. Vom Berliner Architekten Ralf Schüler, der lange gemeinsam mit Boddien die Möglichkeiten eines Nachbaus geprüft und durchgerechnet hat, gibt es darauf eine klare Antwort: Wer alles wiederhaben will, die Fassaden, die Interieurs, die Skulpturen, der braucht 25 Jahre und 8 Milliarden Mark.

Welche adäquate Nutzung, wird man nun viertens wissen wollen, gäbe es für ein Gebäude, das fast doppelt so viel kostet, wie Daimler für den Potsdamer Platz ausgegeben hat? Sehr viele, sehr ehrenhafte Nutzer haben ihren Bedarf angemeldet: Die Universität braucht ein Auditorium und eine Bibliothek, der Bund möchte einige Festsäle, auch ein Medienzentrum und eine europäische Behörde wären denkbar. Zuletzt wurde die Idee geäußert, das Museum für außereuropäische Kunst könnte in die neuen Räume der Mitte ziehen.

Das also wäre das Szenario, wenn alles gut geht: Nach einem Vierteljahrhundert Baustelle hätte die Stadt zumindest architektonisch wieder ein Zentrum, ein teils nachempfundenes, teils nacherfundenes Schloss, das Unsummen verschlungen hätte und einer beliebigen, aber immerhin öffentlichen Mischmaschnutzung dienen würde. Das, wie gesagt, ist das Maximum. Eine abgemagerte Version, wie sie Boddien vorschlägt, kostet geschätzte 1,6 Milliarden, dauert lediglich zehn Jahre, dafür werden aber auch nur die Fassaden nachgebaut, und die wertvollen Teile, für die das Schloss berühmt ist, blieben ausgespart. Das feudale Interieur mit seinen sieben Meter hohen Räumen würde ersetzt durch ein zweckrationales Business-Eingeweide, Büros und ein Luxushotel zögen ein, die öffentliche Nutzung bliebe Untermieter. Nur so, sagt Boddien, könnte sich ein solches Objekt für den Investor lohnen - der Staat, das sei doch ein Vorteil, dürfte sich ganz zurückziehen und müsste nur das Grundstück stellen.

Ganz so leicht wird es sich der Kanzler dann aber doch nicht machen können. Denn der Schlossplatz, auch wenn ihn viele gesichtslos und öde finden, ist doch ein Ort der Denkmäler, ein Dokument unserer Diktatur- und Demokratiegeschichte. Das Jahrhundert der Extreme wird hier sichtbar und spürbar. Und jedes Bauvorhaben, sei es seriös-staatlich oder billig-kommerziell, wird dieses Dokument der Geschichte umprägen und unser Bild der Vergangenheit verändern. Es wird politische Konsequenzen haben, und mit diesen muss sich die Kommission an fünfter und wichtigster Stelle befassen.

Ganz gleich, welche Art Schloss man baut, immer wäre es eine Zerstörung der Zerstörung. Das mag sich absurd anhören, doch ist die Schlosssprengung ein Symbol und zugleich eine Warnung. Sie dokumentiert den Hass auf das Überkommene, den fanatischen Glauben an das Neue und die Unerbittlichkeit, mit der sich die SED zum Alleinherrscher über Geschichte und Gegenwart erhob. Gemeint war die Sprengung gleichwohl als ein Akt der Befreiung, die Stätten der Unterdrücker sollten ausradiert werden: Es war die Rache der Revolution.

Ein gutes Jahrzehnt später wollte die DDR einen Teil dieser Selbstverstümmelung ungeschehen machen. Für den Neubau des Staatsratsgebäudes an der Südflanke des Schlossplatzes (damals Marx-Engels-Platz) wurde das Portal IV der Hohenzollernresidenz nachgebildet. Vom üppig ornamentierten Balkon dieses Portalrisalits hatte Karl Liebknecht 1918 die sozialistische Republik ausgerufen, und dieser Teil der Schlossgeschichte war der SED eine prominente Inszenierung wert. Was geschähe mit dieser Wiederaneignung, wenn sich die Schlossbefürworter nun durchsetzten? Gäbe es dann zwei Portale, die im Wettstreit um die größere Authentizität stünden? Wohl kaum - denn um das Neoschlossprojekt nicht völlig ins Absurde abgleiten zu lassen, müsste man konsequenterweise den Sandsteinbogen am Staatsratsgebäude einreißen. Was aber wiederum bedeutete, dass ein Stück DDR-Geschichte zerstört würde; und ein Stück der Schlossgeschichte, denn zu dieser gehört ja auch die Rezeption.

Dann der Palast der Republik - auch er müsste weichen, wenn das barocke Doppelgeviert wiederaufgeführt würde. Denn just dort, wo sich vormals der Schlüterhof, der kostbarste Teil des Schlosses, befand, steht seit 1976 das Volks- und Staatshaus der DDR. Während Westdeutsche nie eine tiefere Begeisterung für ihre Parlamentsbauten entwickelten und diese vermutlich nur noch schwach in Erinnerung haben, ist für viele Ostler der Palast bis heute ein Stück lebendiger Vergangenheit. Denn nur knapp zehn Prozent der dortigen Veranstaltungen waren parteipolitischer Natur, zum allergrößten Teil wurde "Erichs Lampenladen" für Konzerte, Kabarettaufführungen und Kegelabende genutzt. Hier im Palast schien der Osten sehr westlich, es gab von allem reichlich, die Kultur wurde zum Sympathieträger der SED. Nach einer neuen Umfrage wollen 46 Prozent der Ostberliner das Gebäude erhalten, nur 26 Prozent favorisieren ein Schloss. Offenbar verkörperte der Palast für viele Menschen eine DDR, wie sie in ferner Zukunft einmal hätte werden sollen - zumindest in materieller Hinsicht.

Doch auch politisch machte der Palast Demokratiegeschichte. Denn von April bis September 1990, ein langes halbes Jahr lang, tagte im Volkskammersaal das erste deutsche Parlament, das aus einer erfolgreichen Revolution hervorgegangen ist. In seiner Bedeutung kann man diesen Teil des Palasts nur mit der Frankfurter Paulskirche vergleichen, er ist einer der wichtigsten öffentlichen Erinnerungsstücke an die friedliche Revolution von 1989. Man mag dieses Staatshaus also hässlich finden und monströs - es ist doch Denkmal und Vorbild. Es erinnert uns daran, dass eine Umkehr der Verhältnisse möglich ist, auch im Bestehenden und ohne alles Gewesene zu zertrümmern. Und es weist uns in seiner vielfältigen Mischung der Funktionen auch einen Weg, wie die Gebäude am Schlossplatz künftig genutzt werden könnten.

Ein mehrdimensionales Denkmal müsste also geschleift werden, um ein anderes Denkmal nachzuschöpfen - tertium non datur, eine vermittelnde Lösung gibt es nicht. Zwar schlägt Boddien als Kompromiss vor, die Ostfassade des Palastes zu erhalten und diese nahtlos an einen Nachbau der Schlüterschen Fronten anzuschließen. Dahinter sollen aber nicht die ursprünglichen Raumfolgen des DDR-Baus bewahrt bleiben, sondern gegenwartsgemäße Bürowaben eingerichtet werden. Eine mühselige Wiedererschaffung des vorbarocken Schlosskonglomerats würde man sich so ebenfalls sparen, denn an just jener Stelle stünden die Palastfronten. Doch ausgerechnet die bräunliche Glashaut zu erhalten, während das Innenleben ausgeräumt wird, wäre geradezu obszön. Denn architektonisch und städtebaulich ist der Palast nur sehr bedingt erhaltenswert, seine eigentliche Bedeutung lag im Inneren. Und dieses ließe sich nach Abschluss der Asbestsanierung ohne weiteres wiedergewinnen.

Die Alternative ist klar: Wer ein Schloss baut, der muss Geschichte abräumen - und genau darum scheint es vielen Schlossbefürwortern auch zu gehen. Elke Leonhard etwa, die kürzlich zurückgetretene Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, gibt ihre Sympathie für Ulbrichtsche Gesten unumwunden zu: Sie hätte den Palast "gerne in einem großen Knall in die Luft gehen sehen". Zugegeben, auf dem Schlossplatz dokumentiert sich keine Geschichte, die ausschließlich glanzvoll gewesen wäre, sie bietet uns keinen Nachlass, der besonders schön ist. Doch wollen wir sie deshalb schönen? Akzeptieren wir Geschichte nur, wenn sie behaglich daherkommt? Wollen wir, damit unser Stadtraum wieder adrett aussieht, die authentischen Spuren einer wechselvollen Vergangenheit tilgen?

Authentisch - was soll das schon heißen, wenden die Schlossfreunde ein. Das Adlon, dieses im historistischen Stile nachgeformte Luxushotel, belege doch, dass auch eine künstlich zurückgeholte Vergangenheit schnell wieder wirke wie echt. Es ist ein authentisch neuer Altbau, der von allen gehasst wird, die sich mit architektonischen Stilmöbeln im öffentlichen Raum nicht abfinden wollen. Gesellschaftlich ist das Adlon aber ein Erfolg, der größer kaum hätte sein können - ob Bundespräsident oder Yuppie-Literat, alle nutzen sie das Nostalgie-Hotel als Bühne.

Auch das neu-alte Schloss hätte diesen Erfolg, rasch würde man es als Original akzeptieren, binnen kürzester Zeit wäre der Verlust vergessen. So wie beim Charlottenburger Schloss oder beim Warschauer Schloss, deren Verlust kaum noch jemand erinnert. Doch gerade diesen Vergangenheitsschwund müssen wir verhindern, denn anders als in Charlottenburg und Warschau hatte die Zerstörung des Stadtschlosses eine Nachgeschichte. Und diese darf nicht einfach von ein paar barocken Fassaden ausgeblendet werden. "Wenn die Geschichte überhaupt zur Lehrmeisterin taugt, dann als eine kritische Instanz", sagt Jürgen Habermas. Von ihr ließe sich erfahren, wie wir es nicht machen sollten. "Es sind Erfahrungen negativer Art, aus denen wir lernen."

Doch den Schlossbegeisterten geht es nicht um Lehren, ihnen geht es um Ästhetisierung. Eine Wiederkehr der Residenz wäre das Signal, um "in die deutsche Geschichte heimkehren" zu können, schreibt die FAZ. Als könnte man so ein halbes Jahrhundert ungeschehen machen, um in einem unschuldigen Vormals aufs Neue zu beginnen. Nur durch das Schloß ließe sich der Platz zu einem "nationalen Gedächtnisort" verwandeln, sagt der Verleger Klaus Wagenbach. Nur so werde ein Symbol entstehen für die Einigung von Ost und West. Als könne man sich einzig in einer fernen Vergangenheit wiederbegegnen, unter Auslöschung aller trennenden Geschichte.

Lässt sich ein halbes Jahrhundert ungeschehen machen?

Rasch müsse der Palast nun abgerissen werden, sagt Boddien, dann werde er bald vergessen sein und endlich dürfe ein "Gegenpol zu den Neubaukomplexen" der Moderne entstehen. Man brauche das Schloss, weil es eine "manifeste Sehnsucht nach einem historischen Identifikationspunkt gebe", heißt es in einer Erklärung des Kanzleramts. Und der Berliner Senat lässt durch seinen Baudirektor Hans Stimmann mitteilen, der Schlossplatz solle zum "Ort der kulturellen und politischen Wiedervereinigung" umgewandelt werden. Es gehe hier um "nationale Vergewisserung und um nicht mehr als um die Normalisierung eines europäischen Stadtzentrums".

Die Anomalie soll beseitigt, die Doppelgesichtigkeit deutscher Geschichte operativ behoben werden. Eine bruchlose, organische Nationalgeschichte möchte man konstruieren. Die Denkmäler unserer Vergangenheit, die Kultur überhaupt, hat in diesem Szenario nur noch die Funktion des Seelentrosts, sie wird reduziert auf den "Anmutszauber der Geschichte" (Spiegel), der über die barsche Alltäglichkeit hinweghelfen soll. Als wäre das Schloss eine Bastion überzeitlicher Werte, zu der man Zuflucht nehmen könnte in Zeiten des Werteverfalls, als böte sich hier Kompensation für die Zumutungen der Globalisierung und als brauchte man wärmende Anschaulichkeit, um die Abstraktions- und Kälteschübe der Moderne zu ertragen. Nur als Lehrmeisterin hat die Vergangenheit ausgedient.

Gern würde man die Schlossdebatte als Einzelfall abtun, doch ist sie Teil eines breiten geistigen Wandels, der Erinnerung durch Erbauung ersetzen möchte und nach Erhabenheit strebt. Geschichte, das war gestern, jetzt sind wir Freigänger der Vergangenheit. Schon in der Debatte um den Denkmalschutz, ausgelöst von der Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer, wurde eine politische Strömung sichtbar, die unsere gebaute Umwelt nicht mehr als Archiv begreift. Nicht das historische Zeugnis eines Bauwerks zähle, so die These, sondern sein Schönheitswert (ZEIT 17/00) - die Architektur verliert ihre Funktion als Speicher von Geschichte und wird folglich zu einem Setzkasten, der sich alle paar Jahre neu bestücken lässt.

Der Theologe Richard Schröder, in Berlin ein einflussreicher Kopf, macht von dieser neuen Beweglichkeit bereits regen Gebrauch. Er schlägt vor, den Volkskammersaal, also das positive Erbe der DDR, in ein nachgebautes Schloss zu translozieren - als wäre der Stadtraum ein Nationalmuseum, in dem sich die Ausstellungsstücke je nach Herrscherinteressen neu arrangieren ließen.

Um die Absurdität noch zu steigern, könnte man gleich fordern, auch den evangelischen Dom, gegenüber vom Palast gelegen, abzureißen. Ein Schritt, der sich unter den neuen Vorzeichen der Ästhetisierung ohne weiteres rechtfertigen ließe. Denn schon als der Kirchenbau in den 1890er Jahren entstand, wurde er als hässlich attackiert, einige sahen darin einen "Höhepunkt des Zerfalls". Ersetzte er doch einen Bau, der nach Plänen von Knobelsdorff und Friedrich II. entstanden war und den Schinkel später in hellinistischem Dekor überformte. Dieser passte zum Ensemble der barocken Stadtkomposition - der Dom passt nicht. Folglich wäre es von fast zwingender Logik, ihn nach einer Restitution des Schlosses zu schleifen und mit einem Wiederbau der alten Kirche zu beginnen. Wer den Motiven der Schlossfreunde folgt, der wird in ungeahnte Abgründe geraten.

Zwar haben sie in einem Recht: Ein schlossförmiges Gebäude im Herzen Berlins wäre wünschenswert, schlicht um die historische Komposition der Baukörper wieder zu vervollständigen. Doch darf man dafür das existierende Erbe opfern? Wilhelm Boddien bejaht diese Frage. Ein Gebäude mit Schlossfassade böte doch ein "unvergleichliches Alleinstellungsmerkmal", sagt er, erst recht wenn dort ein modernes Dienstleistungszentrum eingerichtet würde. Er spricht von dem verlockenden "Ambiente", das entstünde.

Ein Finanzierungskonzept hält Boddien ebenfalls parat, er will eine Schloss-AG gründen mit Perspektive auf Profit. "Da das Schloss als das Veranstaltungs- und Kommunikationszentrum der Republik per se errichtet wird, ist abzusehen, dass es mittelfristig zu gewinnbringenden Preisen voll ausgelastet sein wird." Denn, so schreibt er weiter, "seine Toplage in Berlin erhebt es weit über vergleichbare, in neuzeitlicher Architektur gestaltete Objekte, garantiert zudem die Wertbeständigkeit der Anlage und seinen Wertzuwachs über die Inflationsrate hinaus". Der Geschichtswert - nur noch eine Frage des Kapitalwerts.

Warum sollte die Berliner Republik ein solches Zeichen setzen? Will sie tatsächlich ihre eigene Geschichte zu Markte tragen, sie zur Fiktion verwandeln und alles Gewesene, so leidvoll es auch gewesen sein mag, dem Ambiente opfern? Bedrohlich wäre eine Wiederaufführung der barocken Verherrlichungsarchitektur nicht deshalb, weil sich der Staat dort mit preußisch-kaiserlicher Bedeutsamkeit voll pumpte, sondern im Gegenteil, weil er der Geschichte alle Bedeutung verweigerte und sie zum ästhetischen Phänomen reduzierte. Als seien wir der Zeit enthoben, als gebe es ein Zurück zu überzeitlicher Größe.

Die Kommission wäre gut beraten, diesen Aus- und Aufblendungsversuchen einen sehr pragmatischen Vorschlag entgegenzusetzen: Der Palast und das Staatsratsgebäude sollten stehen bleiben, nicht unangetastet, sondern durch behutsame Eingriffe umgestaltet zu freundlichen und einladenden Gebäuden. In ihnen könnte all das eine Unterkunft finden, was sich für das Schloss beworben hatte: die Bibliothek, das Auditorium, ein quirliges Architekturzentrum und das Dahlemer Museum für außereuropäische Kunst; ja, selbst für eine Ausstellung über die Geschichte der Wiedervereinigung wäre in den weiten Hallen des Staatsratsgebäudes noch Raum. Den Schlossplatz davor sollte man so herrichten, dass er den Aufenthalt angenehm macht, ohne seinen Charakter als Leerstelle zu verlieren. So wäre nichts verloren und viel gewonnen.

Man stünde vor dem Palast, das Alte Museum leuchtete herüber, und man könnte sich darüber freuen, dass es ein "Ensemble von Weltgeltung", wie es Boddien so gerne errichtet hätte, längst gibt. Gleich auf der anderen Straßenseite, auf der Museumsinsel, unserem Weltkulturerbe, beglückt uns die Vergangenheit. Ein Glück, das in seiner Tiefe erfährt, wer auch die Zumutungen der Geschichte als Nachlass annimmt.

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