Nur selten war es wirklich ein Feigenblatt, mit dem moralische Eiferer den antiken Skulpturen ein züchtiges Äußeres verordneten. Denn das Blatt des Feigenbaums ist wegen seiner tiefen Einschnitte zur Verhüllung nur schlecht geeignet. Weil aber der Baum seit alters her ein Fruchtbarkeitssymbol war, entstand zwischen Feigenfrucht und dem Geschlechtlichen eine Beziehung, die so weit ging, dass man die Geschlechtsorgane mit "Feige" umschrieb. So wurde das Feigenblatt als feiges Blatt zur kosmetischen Korrektur des Sündenfalls missbraucht. Und weil der Teufel nach Ambrosius überall ist, besonders im Geschlechtlichen, bekamen antike Statuen Blätter aus Gips, Bronze, Blech vor ihr ohnehin schon idealisiertes Geschlechtsteil gehängt. Zu welch grotesken bis barbarischen Mitteln die Prüderie verleitet, zeigt die Ausstellung Das Feige(n)blatt in der Münchner Glyptothek (bis 29. Oktober), für die einige Statuen der besseren Anschauung halber neue maßgeschneiderte Feigenblätter bekamen. Im Katalog wird wissenschaftlich fundiert, aber allgemein verständlich eine Kultur- und Sittengeschichte der Angst vor der Nacktheit und ihre fatalen Folgen für die Kunst über Jahrhunderte nachgezeichnet. Die Feigenblätter sind zwar meist erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts angebracht worden, Streitereien um die Darstellung der Nacktheit gab es allerdings schon viel früher. Ein berühmtes Opfer war das Jüngste Gericht von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, das bereits um 1550 durch Übermalung entschärft wurde. Noch schlimmer erging es zwei Aphroditen in der Villa Doria Pamphili in Rom. Der einen klebte man ein heute noch vorhandenes Kleid aus Stuck an, die andere dagegen wurde gnadenlos mit dem Meißel aufgeraut, damit die Stuckumhüllung besser hielt. Das allerdings ist nichts gegen die Verstümmelung einer Venus in Trier, deren jämmerlicher Rest sich heute im Museum befindet. Sie stand seit dem frühen Mittelalter neben der Kirche St. Matthias und wurde dann mit Ketten im nahe gelegenen Friedhof aufgehängt. Beim "Heidenwerfen" mit Steinen protestierten die Pilger handfest gegen die Zurschaustellung der weiblichen Reize in Stein.