F E R N S E H E N  Alte Tante voll im Trend

Die BBC, Mutter aller Rundfunkanstalten, sucht nach einer neuen Identität

BBC steht unter Druck: Immer mehr TV-Kanäle locken die Massen, allein Murdochs Sky Digital bietet 180 an; der gefürchtete elektronische Programmführer könnte im Verbund mit dem marktreifen "Intelligent Video Recorder" die Zuschauer bald schon in Programmdirektoren verwandeln - all das treibt den BBC-Gewaltigen den Angstschweiß auf die Stirn.

Doch besteht wirklich Grund zur Panik? Gewiss - die BBC wird immer kleiner in einer Welt der Elefantenhochzeiten: Gegen AOL/Time Warner, NewsCorp oder Viacom/CBS ist Großbritanniens Public Broadcaster ein Zwerg, trotz jährlicher Einnahmen von rund acht Milliarden Mark. Ansonsten jedoch steht die BBC so gefestigt und sicher da wie schon lange nicht mehr. Das Gerede vom Anachronismus, der nicht mehr in die moderne Welt passe, ist verstummt. Kaum noch zu vernehmen sind die Propheten des freien Medienmarktes, die früher gerne und lautstark gegen die "Zwangssteuer" der Gebühren wetterten und denen die Gazetten eines Rupert Murdoch stets offen standen.

Niemand auf der Insel denkt derzeit daran, das politische und finanzielle Arrangement infrage zu stellen, von dem die BBC lebt. Im Gegenteil. Die Regierung Blair war besonders generös. Sieben Jahre lang steigen die Gebühren jährlich nach dem Modus "Inflationsrate plus anderthalb Prozent". ARD und ZDF dürften voller Neid über den Kanal blicken.

Ein weiteres Plus gegenüber Deutschland: Die britischen Politiker haben der BBC eine ungewöhnliche Doppelexistenz gestattet: Innerhalb des Königreiches muss sie strikt öffentlich-rechtlich und werbefrei operieren; außerhalb der Landesgrenzen darf sie ihre andere Seite zeigen. BBC Worldwide agiert kommerziell und durchaus hemdsärmelig: Der durch Werbung finanzierte Infokanal BBC World macht CNN und anderen Nachrichtensendern weltweit Konkurrenz, ist ständig auf der Suche nach weiteren Allianzen. Nun auch in Deutschland: Mit Flextech und Discovery werden gemeinsame Kanäle betrieben, und in den USA gibt es über Kabel ein BBC America. Was dem ohnehin schwächlichen, chronisch unterfinanzierten und politisch höchst gefährdeten Public TV der Vereinigten Staaten das Leben noch schwerer macht.

BBC erfreut sich also bester Gesundheit; zudem ist sie wohlgerüstet für die New Economy. Mehr denn je gilt schließlich die Faustregel "Content is King". Und da hat man einiges zu bieten, nicht nur die Teletubbies, die an 140 Länder verkauft wurden. Das Ansehen der Corporation hat bislang noch nicht einmal dadurch gelitten, dass sie mittlerweile auch ziemlich viel mittelmäßiges Fernsehen produziert und manchmal an zu viel Political Correctness leidet.

Die privilegierte Stellung der BBC geht der kommerziellen Konkurrenz in Großbritannien sichtlich auf die Nerven. BSkyB stänkert unaufhörlich gegen den digitalen Kanal BBC News 24, den sich die Corporation bei minimaler Einschaltquote 50 Millionen Pfund im Jahr kosten lässt. Wegen ihrer Internet-Praktiken will Independent Television News (ITN) gar vor Gericht ziehen. Der BBC soll untersagt werden, ihre erfolgreiche Website BBC.CO.UK weiterhin kostenlos an kommerzielle Internet-Portale von Yahoo, British Telecom und Vodafone abzugeben. Der Ärger der Konkurrenten ist verständlich: Eine durch Gebühren finanzierte Dienstleistung wird reichen Kunden ohne jegliches Entgelt überlassen. Dabei mangele es der BBC zugleich am nötigen Geld, sich auch nur die Höhepunkte der englischen Premierleague, des Gegenstücks zur Fußballbundesliga, zu sichern, bemerkte der Chief Executive von ITN und legte damit den Finger auf einen wunden Punkt. Gegen die kommerziellen Giganten mit multinationalem Hinterland kann sie beim besten Willen denn doch nicht mithalten. Das hat die schmerzliche Niederlage im Preispoker um Erstligafußball unterstrichen.

Die Euphorie über die Medien-Revolution ist vorbei

Doch noch lässt es sich selbst in diesen finanziellen Grenzen angesichts des Wohlwollens der Politiker ganz gut leben. Die Unterstützung auf allen Seiten des politischen Spektrums, bei Traditionssozialisten, Konservativen und den marktfreundlichen Reformern um Tony Blair, hat triftige Gründe. Die Euphorie über die Revolution im Mediensektor ist verflogen. Stattdessen hat sich ein erstaunlicher Konsens herausgebildet: Die BBC muss erhalten und vor den Marktkräften geschützt werden, die ihre Werte "korrumpieren" könnten.

Das hehre Leitmotiv hatte bereits der frühere Generaldirektor John Birt bei jeder sich bietenden Gelegenheit formuliert. Pathetisch hatte er die BBC als ein zivilisatorisches Bollwerk bezeichnet, das allein den entfesselten Kräften der Globalisierung trotze, die für "die ständige Verfügbarkeit des Derben, Vulgären und Sensationellen" sorgten und die britische Kultur nachhaltig zu beschädigen drohten. Große Worte, wenn man sich anschaut, was BBC1, das Massenprogramm der Corporation, seit längerem an seichter Kost bietet. Doch ungeachtet aller BBC-Sünden ernten solche Sprüche in Parlament und Regierung Beifall, selbst bei den Tories, die noch vor ein paar Jahren die BBC am liebsten zerschlagen und privatisiert hätten.

Auch das neue BBC-Regime unter Greg Dyke stimmt gerne die eingängige Melodie öffentlich-rechtlicher Überlegenheit an. Mark Thompson, Fernsehdirektor der BBC und engster Vertrauter des neuen Generaldirektors, sprach kürzlich gar von einer "moralischen und metaphysischen Identität" der Corporation. Doch bewahren solche Sprüche Dyke und Thompson nicht davor, einen radikalen Kurswechsel anzupeilen. Sie halten trotz aller Stabilität gravierende Entscheidungen für notwendig.

Greg Dyke ist sogar bereit, eine heilige Kuh zu schlachten und formatierte Kanäle zu schaffen, wie sie beim Radio vor Jahrzehnten bereits eingeführt worden sind. Das wäre ein revolutionärer Akt. Seit den Tagen des legendären Gründers Lord Reith hat die BBC, getreu dem Auftrag, zu informieren, zu erziehen und zu unterhalten, der Nation stets ein Mischprogramm angeboten; sie mixte das Leichte mit dem Ernsten, das Populäre mit dem Didaktischen. Doch unter Dyke könnte sich das ändern. Seiner Ansicht nach hat das klassische Mischprogramm bald ausgedient. Untersuchungen von digitalen Fernsehhaushalten ließen in Broadcasting House, dem Sitz der BBC, die Alarmglocken schrillen. Die Zuschauer wechseln häufig die Kanäle; nach einem leichten Unterhaltungsprogramm bleiben sie nicht mehr aus purer Bequemlichkeit bei dem nachfolgenden, anspruchsvolleren Angebot hängen.

Deshalb denken die Reformer um den BBC-Boss an streaming. BBC1 soll sich in einen reinen Unterhaltungskanal wandeln und von schwergewichtigen Informationsprogrammen entlastet werden. Diese wechseln zu BBC2, das sich zum "seriösen" Kanal mausert. Aus dem digitalen BBC Choice soll ein Kanal für die Jugend werden. Und BBC Knowledge wird sich nach diesem Konzept in einen elitären Kultur- und Kunstkanal verwandeln.

Die Pläne haben Kulturwelt und Politiker alarmiert: Notfalls müsse man die BBC vor sich selbst schützen. Es gibt gute Argumente gegen die neue Strategie: Gibt die BBC das öffentlich-rechtliche Mischprinzip auf, könnte sie langfristig ihre Existenzberechtigung infrage stellen; sie drohte den Teil ihres Publikums zu verärgern, der sich ganz anders verhält als die Zuschauer in den digitalen Fernsehhaushalten. Viele ihres Publikums sind nicht an den technischen Möglichkeiten interessiert.

Die Reformer um Dyke legen einen Techno-Determinismus an den Tag, der zu voreiligen Reformen führte, durch die eine solide Hörerbasis unnötig dezimiert wurde. Weil Technologien verfügbar werden, schließt man in Führungsstäben sogleich, alle würden sich ihrer bedienen.

Mindestens so problematisch ist ein anderer Aspekt der angepeilten BBC-Reform: Das öffentlich-rechtliche Prinzip wird unterminiert, wenn aus den Massenkanälen die Inhalte entfernt werden, die dazu dienen, öffentlich-rechtlich überhaupt zu definieren. Es beleuchtet das Dilemma, dass völliger Stillstand auch keine Alternative ist. Die BBC muss über den Tellerrand schauen und sich fragen, wie sie den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen hat. Die Gefahr ist nicht zu leugnen, dass sie den Entwicklungen vorauseilen könnte und so noch schneller unter die Schwelle von 30 Prozent aller Zuschauer gerät, an der die Debatte um die Gebührenfinanzierung erneut mit aller Schärfe entbrennen wird. Ob dann noch auf die Politiker Verlass sein wird, die sich heute als eherne Hüter des Public Broadcasting gerieren, dürfte fraglich sein.

So oder so - BBC-Chef Greg Dyke ist nicht zu beneiden. Die Regierung zieht bereits die Zügel an. Medienminister Chris Smith erinnerte vielsagend daran, dass die BBC nicht frei schalten und walten könne. Bei der Erneuerung der BBC Charter hatte sich die Regierung Blair nicht nur für eine großzügige finanzielle Regelung entschieden. Zugleich sicherte sie sich die gesetzliche Handhabe, unerwünschte Entwicklungen zu verhindern. Die "radikale Umgestaltung" eines Kanals bedarf künftig der Genehmigung durch den Kultur- und Medienminister. Und der scheint fest entschlossen, notfalls ein Veto einzulegen, falls die Führungsriege der BBC zu weit ins digitale Neuland vorpreschen sollte.

Ins Bild passt da auch die Absicht, die Selbstregulierung der BBC durch das Board of Governors abzuschaffen. Aber zumindest dürfte die BBC unter das Dach eines neuen übergreifenden Medienregulators rücken.

 
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