L I T E R A T U R  Hinüber ins alte Land

Brigitte Kronauers großartiger Liebes- und Zauberroman

Ein wahrhaft exterritoriales Buch also. Unter einem imaginären Zeltdach mit etwa Jane Austen, Musil, Nabokov als Zeltspitzen, da könnte es am ehesten unterkommen. Zu große Namen, zu ferne? Vor allem keine deutschen, und das täuscht. Denn im Quellgebiet der deutschen Romantik, zwischen Tieck, Brentano, den Brüdern Grimm und E.T.A. Hoffmann - sie werden alle in diesen Text hineinzitiert -, da könnten die Ursprünge dieses Erzählens liegen ...

Uff!, höre ich nun die Leserin und erst recht den Leser stöhnen: Alles schön und gut, aber - Aber was? Aber wovon handelt denn dieses angeblich so herrliche Buch? Dass es eben nicht handelt von, sondern selbst handelt, per Sprache, denn das eben tut Literatur, wir haben es nur fast vergessen vor lauter Erzähljournalismus und Talkshow-Romanen - das wollte ich zwar klar machen, aber ...

Aber nun gestehe ich, und zunächst klingt es kleinlaut: Brigitte Kronauer erzählt, wovon schon "Tonnen von Romanen und Geschichten" erzählt haben, wie sie sehr wohl weiß: Eine Frau verfällt einem Mann und hält es unwillkürlich für Liebe. Ob er die erwidert, bleibt ewig unklar, was den Reiz unsäglich erhöht. Klar ist nur, auf den ersten Blick, dass ihr Liebesobjekt, ein Latin Lover reiner Prägung, weich brutal, mit einer Aura reizvoll animalischer Schläfrigkeit um sein "zerstreutes, verwöhntes Ganovengesicht" - dass dieser Leo Ribbat den Aufwand eines weltverblendenden Gefühls genau genommen nicht wert ist. Aber noch genauer genommen eben doch und gerade deshalb. So kommt das Perpetuum mobile eines Sinnens, Jubelns, Zweifelns in Gang, das den Roman und seine Erzählerin Maria Fraulob (!) in immer neue Höhen und Dissonanzen, in Brechungen von Pathos und Ironie hineintreibt.

Absurde Liebe, die heftigste, weil unvernünftigste, durch keine Reflexion je aufzuzehrende, also unendlich (hier mit Atem um 500 Seiten, immerhin): Auch das ist ein literarisches Thema mit langer, wilder Vorgeschichte. Und doch beginnt es hier wieder aufzublitzen und loszudonnern wie zum ersten Mal. Denn Brigitte Kronauer, obwohl begabt und geschlagen mit ihrem Wissen um die lange Natur- und Kulturgeschichte der Liebe und Triebe, sie lässt sich einfach fallen in dieses bekannt unbekannte Abenteuer und beobachtet sich im Fallen, Satz um Satz, staunend, ungläubig, überschwänglich.

Fallen lässt sich auch die Heldin und Erzählerin Fraulob, gleich auf der ersten Seite, im EEZ, dem Elbeeinkaufszentrum in Hamburg-Groß-Flottbek. Versonnen, geistesabwesend hat sie eben im Schaufenster einen dreifarbigen Herrenslip betrachtet, hat zugleich in "Waldestraurigkeit" eine Vogelstimme gehört und Verse aus Grimms Märchen ("Mein Vöglein mit dem Ringlein rot / Singt Leide, Leide, Leide ...") und kippt aus ihren Schuhen jäh weg nach hinten. In die Arme natürlich dieses Leo Ribbat.

Diese Initiationsszene offeriert uns auf einen Schlag Kronauers Erzählprogramm: Wieder dient ihr unsere ordinär alltägliche Reiz- und Massenkonsumwelt als Rahmen und Kulisse, aus dem Hintergrund und Resonanzraum tönen Natur- und Kunststimmen, und über die Bühne taumelt und tanzt - der Liebesfall. Der sich ausweitet, weil Ribbat nicht nur gebunden ist an ein anderes, älteres und mächtiges Weib, sondern auch süchtig verfolgt wird von einer zweiten oder dritten Liebenden, wie auch Frau Fraulob von einem wütend depressiven Menschenfeind und Anbeter namens Wolf Specht. Weil also die Geschichte sich zuspitzt zum Drei-, zum Vier-, zum Fünfeck, herzzerreißend komisch. Auch wenn am Ende zwei tödliche Schüsse fallen und der Liebeswahnsinnige Specht sich endgültig zurückzieht in Wahnsinn. Denn diese Liebesschichten und -geschichten, sie reiben und sie spiegeln, sie steigern und blamieren sich gegenseitig.

Vom Hamburger Ufer, von Teufelsbrück über die Elbe hinüber ins Alte Land führen die Liebeswallfahrten der Fraulob. Zwar heißt das Alte Land auch realiter so, doch der Roman verwandelt diese säuberlich verträumte Obstplantagengegend in eine Hinter- und Gegenwelt. Denn dort residiert Zara, die Herrin über Leo Ribbat und über eine immense Schuhsammlung (nur weibliche, natürlich) sowie eine Voliere voll schwirrend bunter Vögel. Wer diese Zara ist, mit ihrem "strengen Fischmaul", den hohen Augenbrauenbögen, den Frosch- oder Teichaugen, außer eine stinkreiche Spekulantin, das wird der Roman bis zum Ende nicht endgültig entziffern lassen. Eine wiedergeborene Circe, eine verwilderte Allegorie, Frau Welt etwa oder Frau Minne?

Im Roman jedenfalls spielt sie eine dunkle Rolle als Liebesfee und -hexe, als Expertin für Paarungen und Paare und führt in ihren Schau- und Gruselkabinetten der armen Fraulob die lockenden und schaurigen Exempel vor, eine öde und im Largo vollzogene Begattung von Riesenschildkröten wie die zaubrisch pflanzenhafte Umarmung zweier Paradiesvögel. Ja, in einer Sonderlektion - 30 Seiten beispiellos gewagte und geglückte Prosa - wird diese Zara ihren Gästen und uns sogar das Leben Jesu verzaubern in einen siebenflügeligen Altar, in eine Tierfabel der Paare und Paarungen, eine Geheimschrift und Scharade auf alles, was sich im Roman erst noch ereignen wird.

Inbilder gegen das trostlose Verschwinden der Augenblicke

"So viel Zirkus um eine Begattung?" Stöhnt auch Maria Fraulob, als ihre ersehnte sich ereignet, in Heidelberg (wo sonst?), und übersetzt werden will in Sprache, in aller Glorie und mit allem Jammer. Was so brillant gelingt, dass man darüber getrost alle handelsüblich "hoch erotische" Heißluftliteratur vergessen kann. Sie bekommt ihn also, präzis in der Mitte des Romanaltars, ihren herrlich schläfrigen Ganoven und Heiland. Vorübergehend, versteht sich und wahrscheinlich nur von Gnaden der alle und alles gängelnden Zara Johanna Zoern. Das vermutet sie schließlich und wir, wenn auch nur halb überzeugt, auch.

Denn so verwirrt ist unsere Erzählerin am Ende, dass sie in ihrer Zuhörerin, der sie an neun Abenden ihren Roman vorspricht, auch diese allmächtige Zara zu erkennen meint. Sollte diese Teufelsdame sich noch einmal beichten lassen, was sie doch weiß, ja offenbar selbst angezettelt hat? Oder ist sie etwa, letzte Vermutung, tatsächlich die "leibhaftige Literatur", die alles Leben schluckt, verdaut, verwandelt?

Auf einer anderen, pragmatischeren Ebene jedenfalls frischt dieses Erzählen für Zuhörerohren den unerhört dichten Text auf mit allen Reizen der Mündlichkeit, mit Zwischenrufen und -fragen, Verzögerungen und Sprüngen nach vorn und hinten, mit unermüdlichem: "Sie wissen ja" / "Finden Sie nicht?" / "Ich verspreche es Ihnen" / "Verlieren Sie bitte nicht die Geduld." Und schließlich: "Wissen Sie was? Es ist gut, daß Sie mir zuhören!" Natürlich sind das auch kokette Manöver, sie locken in den Text, entziehen ihn, bieten ihn wieder an. Sie können den Leser sogar examinieren: "Haben Sie von Anfang an so gut aufgepaßt? Und mitgedacht?"

Ja das sollen wir. Um wie bei durchkomponierter Musik die Wiederkehr, die Variationen und Modulationen der Motive zu verfolgen, diesen Übergang von Sprachprozess in Sprachtextur. Denn diese Erzählerin setzt ja nicht wie ihre so genannten vitalen Kollegen, die Vollblutfabulierer, allein auf Drive und Handlungsspannung, sondern stoppt immer wieder den Erzählfluss, um Bilder zu prägen, "Inbilder" gegen das trostlose Verschwinden aller Augenblicke im Ablauf der Zeit: "Kein Legato, kein Zusammenhang, in kürzesten Zeitabschnitten glimmt es auf, das Schöne, in unbändiger Pracht. Als "Kristallisation, eine zaubrische Erstarrung".

In diesem Suchen, in dieser Sucht nach den Inbildern zieht Kronauer ihre vorgeschobene Erzählerin so nah an sich heran, dass beide fast ineinander verschmelzen, dass die Stimme der Maria Fraulob die Poetik ihrer Autorin verkündet. Und dabei verrät, wie alle Protagonistinnen der Kronauer seit eh und je, dass ihre Liebesaffären auf mehr aus sind als auf das kurze Außersichsein im Sichpaaren wie die Riesenschildkröten oder die paradiesischen Seevögel. Der Weltlauf soll angehalten werden, das "Geröll" der Zeit. Denn diese Liebe will "Zugang zu einer in der Welt vielleicht ständig vorhandenen Seligkeit und Brillanz".

Und das alles mithilfe oder anlässlich oder inspiriert von Leo Ribbat, der nach wie vor so aussieht wie "die mondänen mittelamerikanischen Kriminellen"? Eben. An diesem lächerlichen und gewaltigen Handicap arbeitet der Roman sich ab, verwandelt sich zu einer monströsen Komödie, himmelhochjauchzend redselig und am Ende bis zur Sprachlosigkeit betrübt. Denn auf den letzten Seiten, in einem Januar wie am Romanbeginn, doch jetzt im Schnee des Hochgebirges, wird es der Erzählung tatsächlich die Sprache verschlagen, zerschlagen. Wieder Märchenmotive wie am Anfang, aber schrecklich, komisch entstellt: "Blut ist im Schuh. Idudidu." Bis zur finalen Nonsens-Poesie: "Nur Mut! Viel Glück! Wie kühl. Wie gut. Wie güt. Nur Müt!"

Aus der Zauber. Wir reiben uns die Augen. Denn es ist ja wahr, und viele durch literarisches Fast Food ungeduldig gewordene Leser klagen darüber, dass die artistische Dichte, die kompromisslose Präzision und Helle der Kronauerschen Prosa nicht nur entzücken, sondern auch blenden, schmerzen, überanstrengen. Sie ist ja nicht nur beschäftigt mit ihrem zentralen Liebesfall, sondern mit einem ganzen Kosmos an Wahrnehmungen, von Wolken, Blüten, Landschaften und Menschen, Menschen, Menschen, ganzen Fußgängerzonen voll.

Es gibt gegenwärtig keine Prosa, die so viel, so unersättlich sinnliche Gegegenwart in sich saugt. Welche wirre Fülle: blicklose oder stierende Greise, kühl gestraffte Teenies, verklammerte Liebespaare auf Bahnsteigen, der würdige Ernst von Säuglingen - nichts entgeht diesem Prosablick, alles wird Sprachbild. Schmuckherstellerin, -entwerferin ist die Erzählerin Fraulob von Beruf - die Selbstironie ist unüberhörbar. Doch von solchem Detaillismus, von Umwegen, ja langer Weile lebt alle groß angelegte Epik, von Homer bis Grass oder Pynchon. Sie wird also immer noch geschrieben, auch wenn wir allmählich verlernen, sie zu lesen.

Also noch einmal: Wo gehört es hin, dieses Außenseiterbuch? An Handke, an Botho Strauß könnte die Anstrengung erinnern, auch in Prosa zu dichten, sie nicht kuschen zu lassen vor der Realität. Doch bei Kronauer führt das eben nicht zu einer Verfeierlichung der Welt, sondern in eine irrlichterne Heiterkeit. "Witz" - ein auf Deutsch fast zweihundert Jahre schon verschollenes Wort für die Weite, die Beweglichkeit des Geistes, das könnte den Motor, die Qualität des Kronauerschen Erzählens wohl am besten benennen.

Sie ist offenbar die hellere Schwester der finsteren Jelinek. Dort, in den Büchern der Alpendiva, regieren Hohn und Wut. Hier, in der humoristischen Menschenfreundlichkeit der Hamburger Erzählerin, herrschen Licht und Nachsicht. Aber beide sind unnachgiebig radikal, wenn es darum geht, ihren Lesern Satz um Satz zu demonstrieren, was Literatur ist und will: dass sie die Welt auflöst in Sprache, damit aus Sprache wieder eine Welt entsteht.

· Brigitte Kronauer: Teufelsbrück
Roman; Klett-Cotta, Stuttgart 2000; 507 S., 44,- DM

 
  • Quelle
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service