D I E Z W E I G E S I C H T E R E I N E R S T A D T
Heute ist morgen gestern
Die zwei Gesichter einer Stadt. Diesmal: Beirut. Maral Ghanma ist Model. Sie findet in Beirut arabische Wärme und Herzlichkeit. Elias Khoury ist Schriftsteller. Er kämpft mit der Erinnerung an die Kälte des Krieges
Inzwischen sind Abbas und Yasir dazugekommen. Zu wenig Frauen hier, sagen die jungen Herren und bearbeiten ihre Mobiltelefone. Nach einer halben Stunde stimmt die Mischung im amor y libertad, nördlich vom Zentrum, voll ist es um halb zwölf aber noch lange nicht. Eine Band spielt Stücke aus Buena Vista Social Club. An der Bar werden Drinks geordert. Hier gibt es alles, was betrunken macht. Nach diversen Gin Tonics besteht Maral auf Tequila. Getrunken wird nach ihren Regeln: Mit einer Zitrone befeuchtet sie Abbas' Hals, streut Salz darauf, leckt es ab und stürzt den Tequila herunter. »Eine intensive Art zu trinken!«, brüllt sie, lacht und geht tanzen.
Das amor y libertad ist nur eine Station in Marals Nachtprogramm. Um 2 Uhr fahren wir zu Beiruts legendärem Club B-018. Der Vater des Chaos sitzt trotz Whiskey am Steuer. Doch das Chaos bleibt aus. Selbst eine Straßenkontrolle übersteht er souverän. Bewaffnete Soldaten erinnern noch daran, dass Beirut eine blutige Vergangenheit hat. Auch wenn es einen das kosmopolitische Nachtleben manchmal vergessen lässt. Knapp 10 Jahre sind seit den ahdath, den Ereignissen vergangen. 16 Jahre dauerte der Bürgerkrieg, ein Albtraum, in dem am Ende jeder gegen jeden kämpfte: Christen gegen Muslime, Christen gegen Christen, Muslime gegen Muslime, Israelis gegen Palästinenser. Ein Wirrwarr von ständig wechselnden Fronten und Allianzen. Mehr als 150 000 Menschen verloren ihr Leben, Zigtausende sind bis heute verschwunden. »Libanisierung« wurde gleichbedeutend mit der Selbstzerstörung eines Landes.
Das B-018 hört man, bevor man es sieht. In der Mitte eines kreisförmigen Parkplatzes öffnet sich eine Spalte. Techno wummert heraus und vermischt sich mit dem Ruf des Muezzins einer nahen Moschee. »Auf zum Gebet ... wumm wumm ... Ich bezeuge, es gibt nur einen Gott ... wumm wumm ... Und Muhammad ist sein Prophet ... wumm wumm.« Die Menschen auf dem Parkplatz zieht es jedoch die schmale Treppe hinunter zum Eingang des Clubs, wo die Szene zu den Beats zappelt, wo über einer Bar zurückgeschobene Stahlplatten den Blick in den Nachthimmel über Beirut freigeben, wo sich unter dem Vollmond Paare wild küssen. Überall wird geflirtet und mehr.
Die Clubbesitzer haben das B-018 vor zwei Jahren auf einem denkwürdigen Platz eröffnet. 1976 löschten christliche Milizen in einer wüsten Schlacht des Bürgerkriegs das muslimische Karantina-Viertel aus. Danach planierten Bulldozer den Platz des Massakers, niemand wollte daran erinnert werden. Der Architekt hat das B-018 mit seiner militärischen Bunkerbauweise in die Erde gegraben, um ein Mahnmal für das platt gewalzte Karantina zu schaffen. Aber im Morgengrauen wollen die Nachtschwärmer nichts von der Vergangenheit wissen. Sie trinken und tanzen, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen.
Noch sind die Spuren des Krieges nicht verwischt
Irgendwann will auch ein Mann wie Elias Khoury vergessen. Er sucht nur nach dem richtigen Weg. Er zündet sich eine Zigarette an, die er dann doch nicht raucht - als ob die Erinnerung an den libanesischen Bürgerkrieg alle Kraft brauchte. Elias Khoury, Schriftsteller und Journalist, sitzt in seinem Büro im achten Stock von an-nahar, der größten arabischsprachigen Zeitung. Durch gekippte Fenster dringen Hitze und Straßengeräusche der Rue Banque du Liban, die mitten nach Hamra führt, dem quirligen Viertel im Westen Beiruts. An den Wänden hängen Poster, darunter von Martin Luther King, Chaplin und Che Guevara.
Khoury ist ein Mann mit wachsam-spöttischem Gesicht. Seine Haare sind ergraut, mit dem rechten Auge sieht er seit einer Kriegsverletzung kaum noch. Der 52-Jährige ist in einer Christenfamilie in Aschrafiyye in Ost-Beirut aufgewachsen. Nach der arabischen Niederlage im Sechstagekrieg von 1967 solidarisierte er sich mit den Palästinensern. Als 1975 der libanesische Bürgerkrieg ausbrach, griff er für sie zur Waffe, kämpfte zwei Jahre lang. Seine Kriegserfahrungen hat er in Romanen und Erzählungen verarbeitet. Er verließ Beirut und unterrichtete an der Columbia-Universität in New York. 1982 kehrte er zurück. »Ich mag das Exil nicht«, sagt er.Wenn Khoury vom libanesischen Bürgerkrieg redet, spricht er leise. Laut wird er, wenn er erzählt, wie die politische Elite versucht, den Krieg und die Verbrechen, die in ihm begangen wurden, unter den Teppich zu kehren. »Sie wollen nicht, dass wir fragen, was während des Krieges passiert ist, wer verantwortlich ist.« Denn die Kriegsverbrecher sitzen im Parlament, sagt Khoury, und stehen nicht wie in anderen Ländern unter Arrest.
Stein gewordenes Symbol für die Verdrängung der Geschichte ist für Khoury das radikale Wiederaufbauprojekt von Solidere im Stadtzentrum: »Das Gedächtnis der Stadt soll zerstört werden, um die Erinnerung an den Krieg auszulöschen.«
Solidere - 1991 wurde die Aktiengesellschaft gegründet mit dem Auftrag, Beiruts Zentrum wieder aufzubauen. Rafik al-Hariri, 1992 bis 1998 Ministerpräsident, war von Anfang an Hauptaktionär. Während des Bürgerkrieges hatte Hariri es in Saudi-Arabien als Bauunternehmer zu märchenhaftem Reichtum gebracht. Vor dem Wiederaufbau kam ein Totalabriss. Der Schwung von Solidere wurde gebremst durch die Wirtschaftskrise, die Abwahl Hariris und antike Funde. In fünf Archäologieparks sollen jetzt einzigartige Objekte bewahrt werden, alles andere wird überbaut. Heute recken sich keimfreie Glastürme im Bankenviertel gen Himmel. Wenige Meter weiter stehen ockerfarbene Fassaden rund um den Place d'étoiles. Alles ist sauber, ruhig, wirkt steril. Was hier fehlt, sind Menschen. Viele Appartements und Büroräume stehen leer. Auch Touristen sind selten im neuen Beirut. Nur abends, wenn mal wieder Flohmarkt ist, füllen sich die Straßen. Teuer gekleidete Beirutis schlendern an Boutiquen und Antiquitätenläden vorbei, plaudern auf Französisch. Vor einem Laden lehnt eine große Schwarzweißfotografie: Place des Martyres, Palmen, Straßencafés, imposante Fassaden, kleine Gassen mit Goldschmieden, Blumenmärkte. Ein Bild aus der Zeit, als Beirut Kulturmetropole war, Paris des Nahen Ostens, Drehscheibe zwischen Ost und West. Elias Khoury mag die Gegend um den Märtyrerplatz nicht mehr. »Sie haben die kleinen Leute vertrieben«, empört er sich, »die Händler und die Handwerker.« Restauriert hätten sie nur den französischen Kolonialstil, viel zu wenige der ottomanischen Gebäude.
In der Rue de Damas ist wenig von Wiederaufbau zu sehen. Hier verlief die green line, die Demarkationslinie, die das christliche Ost-Beirut von den muslimischen Vierteln im Westen trennte. Aber der Krieg zwischen Ost und West sei ein Mythos, sagt Khoury: »Wenn ich eine Karte von Kriegsbeirut zeichnen müsste, würde ich Kreise zeichnen, die Kreise umzingeln.«
Entlang der ehemaligen grünen Linie sind die Spuren des Krieges längst nicht verwischt. Zerstörte Häuser reihen sich aneinander. Einschusslöcher überziehen die Fassaden wie Pockennarben. Teilweise sind wieder Menschen in die morbiden Bauten gezogen. Im Erdgeschoss findet sich hier eine Tischlerei, dort ein Laden, der Kühlgeräte verkauft. Die Stockwerke darüber verfallen. Auf einem Balkon flattert Wäsche.
Neuer Reichtum und Elend liegen dicht beieinander
»Surreal« war es für Elias Khoury, wenn er nach dem Krieg durch die zerstörte Stadt ging, an Orten vorbeikam, an denen er selbst in den ersten beiden Jahren gekämpft hatte. Besonders ruiniert wurde die Gegend rund um den Place des Martyres. »Hier gingen wir ins Kaffeehaus, ins Kino, ins Theater. Als der Krieg zu Ende war, fühlten wir uns dort wie Geister einer Geisterstadt.« - »Meine Stadt hat ihre Lichter gelöscht, hat ihre Türen verschlossen, wurde einsam am Abend, allein mit der Nacht«, sang Feyrouz, die Edith Piaf des Libanon.
Mit dem Einmarsch syrischer Soldaten Anfang der neunziger Jahre endeten die Kämpfe. Syrien kontrolliert bis heute 90 Prozent des Landes. In den Tagen nach dem Tod von Hafiz al-Assad zeigt Damaskus noch einmal allgegenwärtige Präsenz. Auch in der Rue Hamra. In Schaufenstern, an Hauswänden und Bauzäunen hängen Plakate mit dem gestorbenen syrischen Präsidenten.
Entlang der Rue Hamra wälzt sich zäh der Verkehr durch West-Beirut. Die meisten der Autos sind Taxis. Alte, eckige Daimler, die langsam an den schmalen Bürgersteigen entlangdieseln. Hamra ist Geschäfts- und Einkaufszentrum von Beirut. Boutiquen, Banken, Buchläden reihen sich aneinander. Dazwischen quetschen sich kleine Saftstände mit frisch gepresstem Orangensaft. Und Cafés. Das Café de Paris oder schräg gegenüber das Modca. Hier trinkt Khoury oft seinen Kaffee. Man liest Zeitung, schimpft über die Korruption, klagt über die Wirtschaftskrise und redet über die anstehenden Parlamentswahlen.
Auch acht Jahre nach Ende des Bürgerkriegs ist der Libanon geprägt vom Konfessionalismus. Staatspräsident muss ein Maronit sein, Ministerpräsident ein Sunnit, Parlamentspräsident ein Schiit. Insgesamt 18 religiöse Gruppen sind in dem Land registriert, das ungefähr halb so groß ist wie Hessen: Maronitische Christen, griechisch-orthodoxe, armenische Christen, schiitische und sunnitische Muslime und viele andere Splittergruppen. Menschen unterschiedlichen Glaubens mit unterschiedlichen Chancen sollen nach anderthalb Jahrzehnten Krieg, Misstrauen und Hass wieder zusammenleben und einen Staat aufbauen.
»The time will come when you see we are all one.« Die hoffnungsvolle Zeile der Beatles steht an der Außenfront des Hard Rock Cafés an der Corniche. Wenige Meter weiter erhebt sich das neue Phoenicia Intercontinental wie ein trotzig protzender Phoenix aus der Asche vor der zerschossenen Silhouette des Holiday Inn. Eine der teuersten Adressen in Beirut und Tummelplatz der Nouveaux Riches. Schwarze Limousinen fahren vor, Frauen in Designerkleidern steigen aus, man zeigt, was man sich leisten kann.
Wenige Kilometer weiter südlich liegt eine andere Welt. In den Elendsquartieren der Palästinenser und der meist schiitischen Flüchtlinge aus dem Südlibanon gibt es keinen Luxus. In den südlichen Vororten liegen Sabra und Schatila. Die beiden Palästinenserlager, deren Namen um die Welt gingen, als nach dem Abzug von Arafats PLO-Kämpfern 1982 Christenmilizen darin wüteten. Sie töteten Unbewaffnete, Alte, Kinder, Frauen. Die israelische Armee schaute tatenlos zu. Heute leben noch rund 350 000 palästinensische Flüchtlinge im Libanon, die meisten in Ghettos, wie Khoury sagt, und warten auf ihr Rückkehrrecht ins eigene Land.
Scheinbar unberührt von dieser Vergangenheit, schlingt sich weiter nördlich die Uferpromenade um die Küste West-Beiruts. Jogger und Powerwalker schwitzen sich über den Asphalt, übermütige Jungen springen ins fünf Meter tiefer liegende Meer. Wasserverkäufer schieben ausrangierte Kinderwagen vor sich her, in alten Farbeimern kühlen sie ihre Wasserflaschen. Über der Corniche zieht sich der Campus der amerikanischen Universität den Hang hinauf: Palmen, Aprikosenbäume, Blumen - eher Park als Uni.
Für Maral ist es der »schönste Campus der Welt«. Ungefähr 5000 Menschen studieren hier. Glücklich, wer es sich leisten kann: 5000 Dollar müssen pro Semester bezahlt werden. Maral sitzt auf einem Treppenabsatz. Der Wind weht vom Meer herauf und macht die Hitze erträglich. »Viele junge Menschen in meinem Alter verlassen das Land«, erzählt Maral. Sie gehen nach Europa, in die Golfstaaten oder nach Amerika. Allein sechs ihrer Freunde arbeiten jetzt in Kanada. »Es gibt einfach nicht genügend Jobs für uns.« Schuld ist die Wirtschaftskrise, in die das Land aufgrund des Bürgerkriegs schlitterte. »Die Zukunft zu meistern wird schwieriger sein, als den Krieg zu überleben«, sagte am Tag zuvor eine bekannte Journalistin bei einem Vortrag am International College. Sie glaubt trotzdem, dass es die junge Generation schaffen wird. »Sie haben nicht die Last, die unsere Generation tragen muss. Mit ihnen haben wir eine zweite Chance.« Maral wird dabei sein.
Information
Anreise: Lufthansa fliegt dienstags, freitags und sonntags, Flüge ab 800 Mark. Ebenfalls mehrmals pro Woche fliegen MEA oder Austrian Airlines. Das Visum gibt es am Flughafen
Unterkunft: Das Hotel Berkeley liegt direkt im lebhaften Hamra. Rue Jeanne d'Arc, Tel. 00961-1/34 06 00, Fax 60 22 50. Das Doppelzimmer ab 70 Dollar. Ruhig gelegen und doch mittendrin ist auch das Le Meridian/Commodore. Rue Commodore, Tel. 00961-1/35 04 00, Fax 345 80 67
Restaurants: Unbedingt das Al-Mijana in Aschrafiye besuchen. In einer traumhaften Villa, mit großer Auswahl an »mezze«, arabischen Vorspeisen. Rue Abdel Wahhab al Inglizi. Für den kleinen Hunger zwischendurch bieten sich zahlreiche Falafelstände an
Cafés: Das Modca in der Rue Hamra oder gegenüber das Café de Paris. Im Bay Rock hat man einen perfekten Blick auf die Taubengrotte, ein Felsentor direkt vor den Klippen
Nachtleben: Ein Muss: das B-018, Karantina Highway, Tel. 58 00 18, voll, brodelnd (viel Techno, aber nicht nur); Jazzfreunde sollten ins Blue Note in Hamra, Rue Makhoul, Tel. 74 38 57. In ist auch das Circus in Aschrafiyye, Tel. 33 25 23
Veranstalter: Verschiedene Veranstalter haben Libanon im Programm. Biblische Reisen bieten eine Wanderstudienreise mit zweitägigem Aufenthalt in Beirut an. Auskunft in Reisebüros oder unter Telefon: 0711/619 25 55
Für Kinder: Erwachsene Kinder haben dort sicher mehr Spaß
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