P O R T R Ä T Dr. Makellos

Frank-Walter Steinmeier, der Chef des Bundeskanzleramtes, wäre gerne Architekt geworden. Stattdessen baut er an Schröders Erfolg

Sollte in diesen Tagen zu Berlin der Regierung doch noch eine politische Sommerpanne unterlaufen, dann ist klar, warum: Frank-Walter Steinmeier, der Kanzleramtsminister, macht Urlaub. Kaum zu glauben, aber der Mann ist tatsächlich samt Frau Elke und Tochter Merrit nach Italien gereist. Ganze zwei Wochen will er dort verweilen, erst am Gardasee, danach in den Bergen, während daheim allmählich die Saison beginnt. Wenn das mal gut geht.

Denn eigentlich, wenn man dem respektvollen Raunen und Preisen in der Hauptstadt glaubt, ist der 44 Jahre alte Chef des Kanzleramts, der Tischlersohn, der eigentlich Architekt hatte werden wollen, in gewisser Weise der Vater des Sommerhochs dieser Regierung. Ein Hoch ist es zweifellos, verglichen mit dem unwirtlichen Tief des Spätsommers 1999. Welch ein Unterschied - in den Umfragen wie in der veröffentlichten Meinung. Damals, nach dem unvergesslichen Sommertheater um Steuerreform und Rentenpläne, begann die Herbstsaison mit Schröders Kreuzweg quer durch die Basis der Partei, auf der Suche nach Verständnis und Unterstützung, begleitet vom Übermut der triumphierenden Opposition. Heute gibt die Union die Sommertragödie, der Kanzler hingegen wandelt auf seiner Sommerreise durch den deutschen Osten über den sprichwörtlichen Wassern. Störende Nebengeräusche sind bisher nicht an sein Ohr gedrungen. Und die Zukunft sieht nicht mehr so düster aus, wie seinerzeit, als mancher in der ersten Reihe der SPD sich schon für die Schröder-Nachfolge bereitmachte.

Alles Steinmeier? Der hält das natürlich für Quatsch, auch wenn ihm die gute Nachrede, die seiner Person hinterher- und vorauseilt, nicht missfällt. Anerkennung für seine Leistung akzeptiert er durchaus. Doch ihm fehlt die oft ausgeprägte Gefallsucht der ins Rampenlicht drängenden Damen und Herren Hauptdarsteller. Das schützt ihn. Und das schätzt seine Umgebung an ihm: dieses auffällig Untypische im Milieu der Eitelkeiten. "Der Mann ist einfach ungewöhnlich", sagt einer, der im Kanzleramt viel mit Steinmeier zu tun hat. Ist er gar bescheiden?

Hombach sollte Schwung in den Laden bringen

Jedenfalls hat Steinmeier seine Gründe, wenn zu viel Lob ihn schreckt. Erfolg schürt Erwartungen, aber zu hohe Erwartungen können gefährlich werden. Als Bodo Hombach als Minister das Kanzleramt leitete - eine Entscheidung Schröders, die er bis heute nicht so recht plausibel machen konnte -, staunten alle, die wussten, wie wichtig Steinmeier schon damals in Hannover für Schröder, den Ministerpräsidenten, gewesen war. Offenkundig hegte der frisch gebackene Kanzler damals die Vorstellung, der umtriebige Hombach würde Schwung in den Laden bringen (wie Schröder das vielleicht formulieren würde).

Der "Laden" aber hätte eher eine ruhige Hand gebraucht. Diese Erkenntnis setzte sich erst durch, als - nicht nur wegen Hombach - schließlich alles drunter und drüber ging. Von allen Seiten hieß es damals: Schröder muss den Steinmeier ranlassen (sogar von Lafontaine hatte man das hören können, freilich wusste man nie so genau, ob damit Steinmeier-muss-ran oder eher Hombach-muss-weg gemeint war). "Der Steinmeier" war in jener Phase der rot-grünen Turbulenzen durchaus bereit, den Job zu übernehmen. Hombachs management by chaos, das Steinmeier mit wachsendem Entsetzen beobachtete, bereitete ihm buchstäblich Magenschmerzen. Aber es dauerte bis zum Sommer, ehe die Ablösung stattfinden konnte.

Der Kanzler ist ungeduldig, sein Minister nicht

Als es so weit war, ließen Erwartungsdruck und Vorschusslorbeeren ihn ein wenig schaudern. Ab sofort, so sagte er, würde jede Panne an ihm hängen bleiben. Doch Pannen blieben aus. Stattdessen ging es bergauf. Das schwächelnde Bündnis für Arbeit wurde revitalisiert, die Konsensbildung wurde konsequenter betreut, in der Koordination mit der Fraktion und dem Koalitionspartner gab es alsbald weniger Reibungsverluste; politische Entscheidungen wurden zügig umgesetzt, kurzum, nun kam, auf ganz andere Weise, "Schwung in den Laden". Die Sommerbilanz der Koalition, vom Atomkonsens über die Zwangsarbeiter-Regelung bis zur Steuerreform, auf der Schröders gegenwärtiges Hoch zum Teil beruht, "ist nicht zuletzt auch Franks Verdienst", sagen Helfer des Kanzlers.

Was macht ihn so effizient? Meinungen über Frank-Walter Steinmeier haben wohltönenden Gleichklang. Ob politischer Gegner, ob oppositionelle Journalisten, ob Schröder-Kritiker in der SPD oder bei den Grünen, ob Hombach-Freunde oder Althannoveraner: Von allen erhält der meist gut gelaunte Mann mit dem immer noch etwas jugendlich wallenden weißen Haupthaar Vorzugszeugnisse und Lobpreisungen. Doktor Makellos. Nicht einmal die beliebte Selbstanzeige der Prominenten im FAZ-Fragebogen ("Ihr größter Fehler?"), nämlich die Ungeduld, dieses lässliche Laster erfolgsverliebter Führungskräfte und vermeintlich Unfehlbarer, steht auf seiner Mängelliste. Ungeduldig ist Schröder, keine Frage. Steinmeier dagegen ist ein Vorbild an Geduld, Gelassenheit und Ausdauer. Diskussionsfreudig und fähig zum Zuhören, aber auch von schnellem Verstand und bereit zu entscheiden. Aussitzen ist nicht sein Stil. Aber er weiß, dass jegliches seine Zeit braucht. Erst recht, wenn es in der Politik um Konsens geht und die Beteiligten sehr unterschiedlicher Ansicht sind - wie Arbeitgeber und Gewerkschaften. Beim Atomausstieg, bei der Steuer, demnächst bei den Renten, der Betriebsverfassung, den befristeten Arbeitsverhältnissen und so weiter. "Der Frank" hat alles im Blick. Bis ins Detail.

Vielleicht steckt da ein Problem. Frank Steinmeier weiß, wo der Teufel steckt. Und er treibt oder sperrt ihn selbst aus. Damit wächst der Detailberg. Im Zeitalter der "Chefsache", wo der Kanzler mehr an sich zieht, als nach klassischer Verwaltungslehre seine Sache wäre, landet auch auf dem Schreibtisch des Amtschefs mehr Arbeit als je zuvor. Und da Schröder keineswegs detailversessen und fürs Delegieren begabt ist, wächst auch der Entscheidungsdruck bei dem Mann, an den delegiert wird.

Das ist denn auch der Gipfel der Kritik, auf den man auf Steinmeiers Spuren stößt: "Er lädt sich zu viel auf." Er habe zu hohe Ansprüche an sich selbst. Der Mann, sagt einer im Kanzleramt, neige zum Überperfektionismus. Er ziehe zu viel an sich. Dadurch werde das Kanzleramt kopflastig.

In diesem Einwand steckt auch der Verdacht, Steinmeier sei im Grunde ein control-freak, jemand mit dem besessenen Verlangen, alles selbst steuern zu wollen. Irgendwann erleben solche Leute eine herbe Enttäuschung. Den Leuten Tony Blairs, diesen Paten des "fortschrittlichen Regierens", sagt man genau dies nach: lauter control-freaks. Die weisen das zwar entschieden von sich. Aber ihre Vorstellung, Politik lasse sich nach wissenschaftlichen Methoden planen und steuern, ist offenkundig. Progressive Illusionen?

Frank-Walter Steinmeier glaubt sich dagegen gefeit. Blairs intellektuelle "Policy Planning Unit" kennt er. Deren theoretischer Ansatz ist ihm aber zu praxisfern. Nicht, dass er mit Theorie nichts anzufangen wüsste. Mitten in der Debatte um Steuermodelle und den Streit um Spitzensteuersätze mahnte er einmal, die Grundsatzfrage nicht zu übersehen: Wie viel Geld braucht der Staat eigentlich? Auf welche Aufgaben kann er sich zurückziehen? Was bleibt unverzichtbarer Kernbereich einer modernen Regierung? Alles Themen des Dritte-Weg-Netzwerkes.

Aber er ist ein Praktiker, Umsetzer und Verwirklicher. Daher nimmt er das Machbare wichtiger als das Wünschenswerte. Dass er das Grundsätzliche dabei nicht übersieht, wissen alle, die mit ihm politisch diskutiert haben. In öffentlichen Grundsatzdiskursen mischt er in aller Regel nicht mit. Als aber unter Konservativen und auf der Linken sich die Stimmung ausbreitete, in Schröders Bündnis für Arbeit stecke in Wahrheit eine latent antidemokratische "Konsensverliebtheit" und Schröders Regierungsstil sei darauf angelegt, das Parlament zu umgehen, meldete er sich zu Wort. In der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte er einen Aufsatz mit der These der Untrennbarkeit von "Konsens und Konflikt". Modernes Regieren, so seine Botschaft, brauche beides: die alten Formen der politischen Auseinandersetzung und neue Methoden der politischen Einigung. Anders könne man das Land nicht modernisieren.

Wird es, während er Urlaub macht, wirklich keine Panne geben? "Sicherlich nicht", sagt man im Kanzleramt. Denn seine Abwesenheit habe Frank perfekt vorbereitet. Bis ins Detail. Was soll da schief gehen?

 
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