P E R E G R I N A T I O N E N ( I I I ) Afrika - der verlorene Kontinent?
Theo Sommer berichtet von Reisen, Konferenzen und Seminaren. Vor vierzig Jahren hatte Ghana das gleiche Prokopfeinkommen wie Südkorea: 250 Dollar. Heute ist es dreißigmal geringer. Afrika hat nie ein "asiatisches Wirtschaftswunder" erlebt. Kein Kontinent musste mehr Militärputsche über sich ergehen lassen. Über dreißig Kriege sind dort seit 1970 gezählt worden, mehr als auf irgendeinem anderen Erdteil. Gibt es Hoffnung für den Dunklen Kontinent? Theo Sommer nahm in Johannesburg an einer Konferenz des Südafrikanischen Instituts für Internationale Angelegenheiten (SAIIA) teil.
Nelson Mandela - Freiheitskämpfer, jahrzehntelang als Häftling des Apartheid-Regimes auf Rotten Island, Befreier Südafrikas und dessen erster schwarzer Präsident - spricht über Afrika: seine Wirtschaftsmisere, seine Naturkatastrophen, das Desaster seiner ewigen Kriege. Fast verzweifelt appelliert er an die Weltgemeinschaft: Interveniert! Helft! Beschwörend stößt er hervor: "Im Zeitalter der Globalisierung sind wir doch alle wieder zum Hüter unseres Bruders und unserer Schwester geworden ...".
Nicht alle Schwarzafrikaner teilen Mandelas Ansicht. Europäisches, westliches Eingreifen? Das klingt ihnen zu schnell nach einer Neuauflage des Kolonialismus. "Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme", lautet ihr Motto. Aber dass es riesige Probleme gibt, leugnen sie nicht.
Seit vier Jahrzehnten flackert Afrika als Kontinent der Apokalypse über die Bildschirme: eine unendliche Geschichte von Dürre und Hungersnot, Krankheit und Korruption, Terror und Tyrannei, Schulden und Schuld. Das vielhunderttausendfache Morden in Ruanda - schreckliches Echo des Holocaust und grausiger Abklatsch der killing fields in Kambodscha - entsetzte, empörte, erschütterte 1994 die Welt. Und auch seitdem reißen die Schreckensnachrichten nicht ab. Zumal Schwarzafrika auf fatale Weise zwischen Stamm und Staat, Ausgleich und Ausrottung, Modernisierung und Archaisierung hin und her gerissen ist.
In vierzig Jahren Unabhängigkeit hat der Kontinent 80 Militärputsche erlebt, bei denen über zwei Dutzend Regierungs- und Staatschefs umgebracht wurden. Seit 1970 sind in Afrika mehr als 30 Kriege gezählt worden - Kriege zwischen Staaten, aber vor allen Dingen Konflikte innerhalb der Staaten: Bürgerkriege, Stammesfehden, ethnische Auseinandersetzungen, religiöse Konfrontationen. Im vergangenen Jahr waren es in Afrika mehr als in irgendeinem anderen Erdteil. Konflikte, die jährlich über tausend Tote kosten, tobten in Angola, den beiden Kongos, Eritrea, Äthiopien, Ruanda, Somalia und dem Sudan. Zugleich erschütterten bewaffnete Auseinandersetzungen minderer Intensivität die Länder Burundi, Djibuti, Senegal, Sierra Leone, Tschad und Uganda. Von den weltweit 22 Millionen Flüchtlingen, die aus ihren Heimatländern vertrieben worden sind, leben 8 Millionen in Afrika; weitere Millionen sind Flüchtlinge im eigenen Land. Alle Friedensbemühungen aber, ob für den Kongo oder Burundi, für Sierra Leone oder den Sudan, sind nach vielversprechenden Ansätzen immer wieder steckengeblieben.
Und Krieg ist nicht die einzige Plage Afrikas. Die unvorstellbare Korruption der herrschenden Eliten lässt sich an den stupenden Summen ablesen, die raffgierige Herrscher auf Schweizer Nummernkonten verschoben haben: über eine Milliarde Dollar der kongolesischen Diktatur Mobutu, 670 Millionen der nigerianische General Abacha. Wobei die Regel gilt: Je rohstoffreicher ein Land, desto schamloser die Korruption.
Hinzu kommt die verheerende Wirkung der Aids-Pandemie. In Afrika leben 13,2 Prozent der Weltbevölkerung, aber 69 Prozent aller HIV-Infizierten der Erde. Besonders betroffen sind Botswana, Simbabwe, Sambia und Südafrika. Dort ist fast ein Drittel der Bevölkerung an Aids erkrankt, und zwar nicht nur Prostituierte, Wanderarbeiter und Soldaten, sondern auch Lehrer, Gesundheitsfürsorger und vor allen Dingen Frauen. Mehr Menschen sterben heute an Aids als durch Kriegseinwirkung. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den betroffenen Regionen ist auf das Niveau von 1950 zurückgefallen: 45 anstelle der seitdem erreichten 60 Jahre.
In vielen Ländern ist zudem ein fortschreitender Staatszerfall zu beobachten. Die politische Gewalt zersplittert. Das staatliche Gewaltmonopol wird von rivalisierenden Kräften privatisiert; die Institutionen werden ausgehöhlt; die gesellschaftliche Infrastruktur verkommt. Wo nicht überhaupt totale Herrschaftslosigkeit Einzug hält, triumphiert die Missherrschaft: bad governance. Dabei lassen sich die unbefriedigenden Zustände nicht länger auf die Sünden der ehemaligen Kolonialherren schieben. Nelson Mandela oder Ugandas Präsident Museveni räumen unumwunden ein, dass die Ursache der Misere längst in der Unfähigkeit und dem Missmanagement vieler afrikanischer Staatenlenker zu suchen ist.
Es kann unter solchen Umständen nicht verwundern, dass Afrika auch wirtschaftlich nicht auf einen grünen Zweig kommt. Afrika ist die Dritte Welt der Dritten Welt geworden. Ghana und Südkorea hatten 1960 das gleiche Prokopfeinkommen: 250 Dollar; heute liegt das südkoreanische Einkommen pro Kopf dreißigmal höher. Afrika hinkt der Entwicklung Asiens weit hinterher - trotz 400 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe in den zurückliegenden 30 Jahren, was ein Drittel aller überhaupt vergebenen Entwicklungshilfe darstellt. Mit heute fast 800 Millionen Einwohnern - noch einmal: 13,2 Prozent der Menschheit - erwirtschaftet es nur 1,2 Prozent des Weltsozialprodukts, nach 1,8 Prozent in den 1980er-Jahren. Gleichzeitig ist sein Anteil am Weltexportvolumen von 3 Prozent in den Sechzigern auf knapp 1,5 Prozent gesunken. Der Kontinent, der vor 1960 Nahrungsmittel exportierte, ist heute ein Großimporteur, in vielen Fällen abhängig von wohltätiger Nahrungshilfe. Rund 300 Millionen Menschen leben von weniger als einem Dollar am Tag. Bis zum Jahre 2025 wird die Bevölkerungszahl auf 1,2 Milliarden anwachsen, bis 2050 auf 1,8 Milliarden. Aus dieser Prognose erklärt sich die Vorhersage, dass in Afrika als einzigem Erdteil während des 21. Jahrhunderts die Armut ansteigen wird.
Ist der "Dunkle Kontinent" also nach wie vor das "Herz der Finsternis" - so der Titel von Joseph Conrads Kongo-Roman? Es gibt Lichtblicke. Eine Reihe afrikanischer Staaten hat im zurückliegenden Jahrzehnt Wachstumsraten von über 4 Prozent geschafft. Dies reicht zwar nicht aus, um rasch Anschluss zu gewinnen, aber wenigstens sind die negativen Raten der Achtziger überwunden. Über 30 Länder haben mittlerweile makroökonomische Reformen in Angriff genommen, viele überhaupt zum ersten Mal. Sie umfassen die Liberalisierung der bisher gültigen Handelsvorschriften und Investitionsregeln, Zollsenkung, Subventionsabbau, Privatisierung von Staatsbetrieben und Währungsstabilisierung.
Wichtiger noch: Die Demokratie greift um sich. Auf der Weltkarte der Freiheit war 1990 noch fast ganz Afrika als unfrei ausgewiesen; damals gab es nur sechs Staaten mit einem demokratischen Mehrparteiensystem. Im Jahre 1994 zählte die Weltbank zehn solcher Staaten, weitere 20 bewegten sich auf eine liberale, pluralistische Ordnung zu. Nach der jüngsten Freedom House-Zählung gelten jetzt 32 der 53 afrikanischen Staaten entweder als demokratisch oder doch wenigstens als teilweise frei. Das mag zu rosig gesehen sein. In Robert Mugabes Simbabwe ist eher eine gegenläufige Tendenz festzustellen. Doch unleugbar hat die Demokratisierung mit der Abschaffung der Apartheid in Südafrika zu Beginn der Neunzigerjahre und der Ablösung der Militärherrschaft in Nigeria im Juni 1999 zwei Riesenschritte vorwärts getan.
Es gibt also Hoffnung für Afrika - Grund genug für uns, nicht in dem Bemühen nachzulassen, dem Nachbarkontinent im Süden aus seiner Misere, seiner Schlusslichtposition, seiner Randlage herauszuhelfen. Es fehlt nicht an frommen Beteuerungen und nicht an besten Absichten. Es fehlt - national, europäisch, international - nicht einmal an finanzieller, technischer, karitativer Unterstützung; an Bereitschaft zum Schuldenerlass; an vernünftigen, fundierten Ratschlägen. Wenn Afrika sich helfen lassen will, wird ihm geholfen werden. Dies setzt freilich voraus, dass es die Bedingungen schafft, unter denen Hilfe allein wirksam geleistet werden kann: Respektierung der Menschenrechte; Eindämmung der Korruption; demokratische Politik; Presse- und Meinungsfreiheit; maßvolle Militärbudgets - kurzum: good governance, anständiges Regieren.
Afrika liegt den Deutschen fern. Von den Älteren mag sich der eine oder andere eines Großonkels erinnern, der einst am Kilimandscharo eine Pflanzung besaß. Wer in den dreißiger Jahren zur Schule ging, sammelte jene bunten Bilder von Askari-Uniformen aus den ehemaligen deutschen Kolonien, die Vaters Zigarettenschachteln beilagen. Das Jungvolk sang "Heia Safari", wobei Lettow-Vorbecks Feldzug und Lützows wilde, verwegene Jagd schon damals im Nebel der Geschichte ineinanderflossen. Und noch in den fünfziger Jahren nickte hier und dort in den Kirchen eine kleine Negerstatue mit dem Kopf, sobald man am Ende des Kindergottesdienstes seine Opfergroschen in die Sammelbüchse steckte.
Der Versailler Vertrag sprach dem Deutschen Reich 1919 seine afrikanischen Kolonien ab, ein halbes Jahrhundert, ehe Briten und Franzosen, Belgier und Portugiesen ihre überseeischen Besitzungen in die Unabhängigkeit entließen. Die Negerstatuen aus den Kirchenfoyers sind aus der Mode gekommen. Schwarze traten den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nur als amerikanische Soldaten gegenüber - bis die ersten Asylbewerber aus Afrika als Küchenhelfer unserer Restaurants auftauchten. Der Schwarze Kontinent ging in dem Begriff "Dritte Welt" unter und wurde pflichtschuldigst mit Entwicklungshilfe bedacht. Im übrigen hielten sich sämtliche Bundeskanzler an das Wort Bismarcks: "Meine Karte von Afrika liegt in Europa."
Literatur und Film nährten noch ein Quentchen verklärender Nostalgie: Hemingway, Tania Blixen, John Huston, auch Professor Grzimeks "Serengeti darf nicht sterben", Hardy Krügers Filmbericht von seiner Farm und die ARD-Serie "Unter der Sonne Afrikas". Tätiges Mitleid schlug sich in Spenden für die Welthungerhilfe und anderer Hilfswerke nieder. Doch erst, als mit der Ausbreitung des Fernsehens die Welt zum Dorf schrumpfte, füllte sich das Bild Afrikas mit alltäglicher Wirklichkeit. Auf einmal galt wieder der 2000 Jahre alte Satz des römischen Historikers Plinius: "In Afrika gibt es dauernd etwas Neues."
Ein verkrüppeltes Afrika, arm, krank, radikalisiert - das wäre das letzte, was sich Europa leisten könnte. Es liegt im Interesse der Alten Welt, dass die "Afrikanische Renaissance" gelingt, von der neuerdings so viel die Rede ist. Auch die Deutschen, denen Afrika nur noch eine blasse Erinnerung bedeutet, bestenfalls ein flüchtiges Urlaubserlebnis, können sich dabei nicht abseits halten. Was immer sonst unsere Prioritäten sind, der Ausbau der Europäischen Union, die Heranführung Osteuropas an die Brüsseler Gemeinschaft - eine afrikanische Apokalypse würde über alles einen düsteren Schatten werfen.
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