Wir leben in einer Zeit des subtilen Argwohns. Zu diesem alles durchdringenden Argwohn gehört eine Begleithaltung, die ich die Ironie der Gegenwart nenne. Diese Ironie ist eine Attitüde, die unsere Sprache, unser Denken, unser Sehen und Hören prägt. Ihr zentrales Kennzeichen ist die dauernde Versicherung des Ironikers, dass er den Witz versteht. Um jeden Preis vermeidet der Ironiker deshalb, naiv zu erscheinen, von irgendeiner naiven Hingabe geleitet zu sein, von Glaube gar oder Hoffnung. Durch die Modulation seiner Stimme, durch seine ganze Mimik und Gestik gibt er zu verstehen, dass er sämtliche Möglichkeiten, er selbst oder andere könnten für dumm oder arglos gehalten werden, kühl durchschaut.

Zu jeder Zeit ist ein bestimmter Habitus maßgebend für die Gesellschaft. Wer sich nach ihm richtet, gilt als weltgewandt und hellsichtig, genießt Respekt, im Gespräch wie auch als Autor. Heute übt die Ironie diesen Einfluss aus. Um zu verstehen, warum, müssen wir uns vor Augen führen, was ihren besondere Reiz ausmacht.

Der Ironie liegt Angst zugrunde - die Furcht vor Täuschung, vor Verrat und Demütigung, der Argwohn, dass alles Glauben, Hoffen oder Anteilnehmen immer nur in Enttäuschung enden kann. Die ironische Haltung bedeutet die Weigerung, sich auf die stets trügerische Welt wirklich einzulassen. Aber warum glauben wir, dass Vertrauen in Enttäuschung enden muss? Warum kommen uns Worte und Menschen so unzuverlässig vor? Beginnen wir mit den privatesten Dingen. Die Kommerzkultur macht unsere Gefühle und unsere Sexualität erbarmungslos zur Ware. Wir besitzen keine privaten Worte der Zuneigung oder der Ablehnung mehr, die wir nicht längst von irgendwem auf der Leinwand eines ausverkauften Kinos gehört hätten. So unbeabsichtigt wie unvermeidlich spiegeln sich romantische Filme, Popsongs und Werbespots in unserer Liebe und in unserem Zorn. Kein Wunder, dass uns selbst eigene Gefühle wie bloße Remakes, Wiederholungen, Neuauflagen vorkommen.

Ein verwandtes Übel hat die öffentliche Sphäre ergriffen, besonders die Politik. Hier haben sich verschiedene Fäden zu einem Geflecht des Missmuts verwoben. Der erste ist das Ende der Hoffnung, die für mindestens zwei Jahrhunderte auf die Politik gerichtet war: dass sie nämlich der archimedische Punkt sei, von dem aus die Menschen ihre Geschichte gestalten könnten, um Unterdrückung und Ausbeutung zu beseitigen und Verhältnisse zu schaffen, in denen sie endlich so frei würden leben können, wie sie angeblich geboren sind. Diese Verheißung der Politik hat das Leben vieler leidenschaftlicher und moralisch empfindsamer Persönlichkeiten vergangener Generationen geprägt. Zwar hat dieselbe Verheißung zugleich zu den grauenhaften Taten von Terroristen und Tyrannen geführt - doch eben auch zu den edlen von Dissidenten und Reformern.

Heute liegt das alles weit zurück. Seit die Welt in neoliberalem Konsens vereinigt ist, beschränkt sich die Substanz der Politik auf das Klein-Klein sozialpolitischer Verteilungsfragen. Das ist nicht unwichtig, doch nach einer Zeit, in der die Politik für viele die Bedeutung einer Religion besaß, ist es doch ziemlich wenig. Ihre alte transformative Kraft jedenfalls hat die Politik eingebüßt.

An ihre Stelle sind neue Haltungen zur Politik getreten - jede davon hat ihren Reiz, doch keine befriedigt. Am verbreitetsten ist die müde Verachtung.

Dass Politik eine lachhafte Angelegenheit sei, gilt vielen heute als ausgemacht. Sie ist die Sache von langweiligen, entbehrlichen Prinzipienreitern, von kindischen Typen mit unersättlichem Ego und ihren dubiosen Mitläufern. Sie bewirkt nichts Nützliches oder Schönes. Die Sprache der Politik gilt als ständiger Versuch der Manipulation. Um zu verstehen, was der Sprechende will, darf man nie fragen, was ihm wichtig ist, sondern immer, was er von uns will - unser Geld, unsere Wählerstimme oder, schlimmer noch, unsere vorübergehende Zuneigung. Irgendetwas anderes von Politikern zu erwarten gilt als naives Unvermögen, die geltenden Spielregeln zu begreifen.

Natürlich hat jedes Spiel seine Anhänger, und ebendas ist eine andere gängige Haltung zur Politik: die an Sportfans erinnernde Begeisterung über einander bekämpfende Parteien und Personen. Amerikaner bezeichnen solche Getriebenen als political junkies. Der Begriff enthält die Erkenntnis, dass es sich hier eben nicht um engagierte Bürger handelt, sondern um zwanghafte Voyeure.

Ebendiese Haltung ist es, die Washington den Namen "Hollywood für Hässliche" eingetragen hat.

Der ehrgeizigste Versuch, die Politik zu retten, hat sich als eklatanter Fehlschlag erwiesen. Man könnte ihn therapeutische Politik nennen, denn er bedeutet die nach innen gerichtete Wendung ihres alten transformativen Geistes. Nicht mehr die Welt gilt es jetzt zu verändern, sondern die Gefühle.

Der therapeutische Politiker, idealtypisch verkörpert durch Bill Clinton, lebt von öffentlichen Verlautbarungen von hohem moralischem Gehalt. Seine übertriebene Einfühlung bringt so niederträchtige Sätze hervor wie "I feel your pain" - "Ich fühle euren Schmerz". Clinton ist der Inbegriff des therapeutischen Politikers, weil er einfach alles, was er gerade sagt, tatsächlich zu glauben scheint. Er ist jederzeit fähig zu tiefster Rührung, von der wiederum sein Publikum gerührt ist.

Oberflächlich betrachtet ist die therapeutische Politik gescheitert und unsichtbar geworden. Doch das liegt nur daran, dass sie mittlerweile die Atmosphäre der amerikanischen Politik insgesamt bildet. Im diesjährigen Präsidentschaftswahlkampf kommen die Amerikaner bisher nicht über die Frage hinaus, wie viel Wohlgefühl die Kandidaten ihnen vermitteln. Deren sorgfältig getextete Metaphern sollen den Eindruck von Sensibilität, Sanftheit und "mitfühlendem Konservatismus" vermitteln. Diese Rhetorik, entrückt von jeder Absicht, tatsächlich zu handeln, führt zur allmählichen Ablösung der Politik von der Wirklichkeit. Gewiss hatte Politikerrhetorik schon immer einiges mit Fantasie zu tun. Doch insgesamt ist Politik doch auf die Überzeugung angewiesen, dass Sprache manchmal eine Form des Handelns sein kann. Wo jede Verbindung zwischen Reden und Handeln verloren geht, stirbt die Politik.

Unterm Strich können wir also nicht mehr so richtig sagen, wozu Politik da ist. Bei jeder Tätigkeit, ob Medizin, Architektur oder Ackerbau, sind wir gewohnt zu fragen: Welchen Bedürfnissen dient sie? Was sind ihre Maßstäbe für Qualität? Welche Fähigkeiten und Vorteile können wir mit ihr entwickeln?

Keine dieser Fragen können wir heute beantworten, wenn wir sie an die Politik richten. Nur dass wir eine Enttäuschung erleben werden, wenn wir unser Vertrauen in ein politisches Vorhaben setzen, das wissen wir ziemlich genau.

Die Politik verdient dieselbe entschiedene Skepsis, mit der wir Menschen und ihren Motiven begegnen.

Aber was nehmen wir dann überhaupt noch ernst? Der Zeitgeist ist vom Parlament ins Fitnesscenter und an den Konferenztisch der Unternehmen gezogen. Die es sich leisten können, erleben eine Zeit beisspiellosen Konsums. Persönlichkeitstrainer oder individuell zugeschnittener Urlaub sind heute der ökonomische Normalfall, genauso Häuser, die noch vor einer Generation als Villen gegolten hätten. Nicht nur unsere Geschmäcker haben sich verändert, sondern auch die Quellen unserer Inspiration. Die größten Ziele scheinen jetzt persönliche Annehmlichkeit und private Karriere zu sein.

Entsprechend fordern wir auf diesen Gebieten mehr denn je. Von Unternehmern oder Managern wird neuerdings erwartet, heroische und expressive Persönlichkeiten darzustellen. Angeblich steht ihnen der Weg zu tiefer Befriedigung offen, haben sie die Chance, der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Früher erwartete man so etwas von "revolutionären" Künstlern.

In diesem Geist bedrängt die überaus erfolgreiche Zeitschrift Fast Company junge Geschäftsleute, in ihrer Arbeit "Selbstverwirklichung" zu suchen. Die Kennwörter dieser Zeitschrift sind romantische Begriffe: Kreativität und Authentizität. Der Schurke ist die "toxische Firma", deren Chef anmaßend ist, der Angestellte entfremdet und jede Kreativität erstickt. Die endlos wiederkehrenden Slogans von Fast Company lauten etwa: "Kreativität ist ein zweischrittiger Prozess" oder, in geradezu eleganter Symmetrie: "Keine Kreativität ohne Authentizität". Selbst auf den letzten Rest von moralischer Kraft, den die Politik noch besitzt, erhebt Fast Company Anspruch, wo es in einem Porträt chinesischer Jungunternehmer verkündet, "der Geist vom Tiananmen" sei von den Plätzen der Stadt in die Hochhausbüros gezogen.

Fast Company ist nicht allein. Es gibt ein neues Ethos wieder: Business, einst Heimstatt grauer Männer in grauen Anzügen, ist heute hip.

Fernsehzuschauer und Leser von Hochglanzmagazinen werden allmählich an das Lieblingsimage der High-Tech-Ökonomie gewöhnt: Vorstandszimmer voller Skater und Mountainbiker vor dem Aufbruch, nachdem sie die Entscheidungen des Tages getroffen haben. Das alles hat Auswirkungen auf unsere Einstellungen. Von einem scharfsinnigen Kopf hörte ich neulich: In meinem Alter nicht bei einer Internet-Firma zu arbeiten sei so, wie keine Freundin zu haben - ein paar Monate lang okay, danach ein Grund zur Sorge.

Wir verehren das Geschäft, den Ruhm aber vergöttern wir. Der Fetisch des Berühmtseins hat mit der Ausbreitung "dokumentarischer" Fernsehdramen und der Darstellung privater Verrichtungen im Internet eine neue Dimension erreicht.

Wo Zehntausende um einen Abend im Rampenlicht wetteifern, muss sich etwas sehr gründlich verändert haben. Früher mag uns die Kultur der Prominenz eingeredet haben, wir sollten alle außergewöhnlich und schön sein und ein aufregendes Leben führen. Heute ist das gar nicht mehr nötig. Prominenz erlangt man, tautologisch genug, ganz einfach durch Prominenz. Als gescheitert gilt nicht das gewöhnliche, sondern das anonyme Leben: Gewöhnlichsein ist ganz in Ordnung, solange jeder deinen gewöhnlichen Namen und dein gewöhnliches Gesicht kennt - dein Außergewöhnlichsein dagegen bedeutet Scheitern, wenn niemand davon weiß. Am einen wie am anderen Maßstab gemessen ist das Ergebnis dasselbe: Die meisten Leben sind Enttäuschungen.

Doch sind diese Obsessionen fruchtbar? Für beides, Business wie Ruhm, ist Tom Peters ein aufschlussreicher Fall. Der bekannteste amerikanische Management-Theoretiker hat sich unlängst der Wissenschaft der Selbstbeförderung zugewandt. Er fordert die Ehrgeizigen auf, sich als "Marke" zu betrachten, unterscheidbar und attraktiv zu werden wie ein neues Produkt.

"Wir sind", schreibt Peters, "die Manager unserer eigenen Firma, der Ich-AG.

Um heute im Geschäft zu bleiben, ist es unser Hauptanliegen, Marketingchef der Marke Ich zu sein." Marketing ist das Streben nach Ruhm im Business - die Vermählung unserer beider Obsessionen. In Peters' Denken bedeutet Marketing eine Lebensform. Die ist allerdings einzigartig dünn. Bei allem Gerede von Kreativität und Authentizität: "Selbstbeförderung" ist nichts als Bauernfängerei. Zu Ruhm kommt man in den meisten Berufen so wenig wie in den meisten Leben, und wenn er denn eintritt, bringt er keine Authentizität. In unserer Vergötterung des Ruhms und unserer Verehrung des Geldmachens legen wir eine eigentümliche Leichtgläubigkeit an den Tag, die unsere Skepsis auf anderen Gebieten dementiert. Authentizität ist dem Liebhaber unmöglich, dem Unternehmer hingegen soll sie leicht fallen. Ehrenhaftigkeit ist dem Politiker fremd, der Prominenz aber soll sie inhärent sein. Es ist, als wäre unsere Sicht unscharf geworden: Auf die eine Hälfte unseres Blickfelds sehen wir mit gnadenloser Skepsis, die andere betrachten wir durch den Weichzeichner fraglosen Glaubens.

All dies setzt sich zu einem Muster zusammen: einerseits eine Atrophie des öffentlichen Engagements, andererseits eine Verherrlichung des Privatlebens, dem die öffentliche Sphäre gleichgültig ist. Unser Einsatz ist hoch: Wir setzen darauf, dass die Abwendung von allem Nichtprivaten nicht zugleich andere Güter gefährdet

wir unterstellen, dass wir weder moralisch noch praktisch irgendwelchen gemeinsamen Angelegenheiten verpflichtet sind. Ob wir dabei nicht zu hoch pokern, ist die entscheidende Frage.

Ich glaube, wir machen einen Fehler. Es mag ja sein, dass eine Gesellschaft selbst dann lange weiter bestehen kann, wenn die Bürger ihre gemeinsamen Institutionen für uninteressant und irrelevant halten, alles öffentliche Reden für Lug und Trug, wenn ihnen private Gefühle suspekt sind und wenn das wesentliche Merkmal ihrer Kultur die narzisstische Zurschaustellung von Privatheit ist. Ich spiele nicht den Propheten, der den sozialen Kollaps voraussagt, falls das alles anhält. Doch selbst wenn diese Einstellungen nicht direkt in die Katastrophe führen, so bringen sie doch auch nichts Gutes und machen jedenfalls weitere Enttäuschung unausweichlich.

Wie könnte die Alternative aussehen? Bei Prophezeiungen ist Vorsicht am Platz. Ein paar Elemente jedoch sind klar. Zum einen müssen wir unsere Angst vor Enttäuschungen ablegen. Was immer uns wichtig ist, mag uns zuweilen auch betrügen. Der Trick liegt darin, sich diesem Risiko zum Trotz auf etwas einzulassen, das der Mühe wert ist.

Das andere Element ist die Wiederentdeckung einer Vorstellung von Politik, die frei ist von maßlosem Ehrgeiz, sich aber auch nicht mit Ungerechtigkeit abfindet. Solch eine Politik könnte in der wachsenden internationalen Bewegung entstehen, die humane Arbeitsbedingungen und ökologische Verantwortung in der Weltwirtschaft fordert. Doch diese Politik wäre chancenlos ohne die bewusste Anstrengung, die Würde der politischen Rede wiederherzustellen. Der Entwertung der Worte durch gedankenlosen Gebrauch und zynische Manipulation muss sie sich widersetzen. Diese Politik setzt voraus, dass wir unsere Sätze auf ihren Gehalt überprüfen: Sind sie hohl, modischer Ersatz für Gedanken? Helfen sie uns, unsere Lage zu verstehen, oder verschleiern sie bloß? Können sie uns zum Handeln anleiten, oder verschrumpeln sie, sobald sie an frische Luft geraten?

Um diese Fragen zu stellen, müssen wir eine andere Form der Ironie beherrschen als die heute übliche. Im besten Sinn ist die alte rhetorische Form der Ironie, dieses großartige Werkzeug eines Sokrates oder Montaigne, eine scharfe Klinge, die zwischen Sinn und Unsinn unterscheidet. Dem aufgeblasenen Markendesigner und therapeutischen Politiker sollte sie zu Leibe rücken, nicht aber jede intime Wendung, jedes öffentliche Vorhaben dem Gespött preisgeben. Alles zu entlarven verschafft keine Einsichten. Wir müssen lernen, wo Spott gerechtfertigt ist - und wo Hoffnung und Mühe ihren Platz haben. Erst dann sind wir Ironiker, die ihren Namen verdienen.

Deutsch von Eike Schönfeld