Klassik Ich habe einen Traum
Am Tag schwelgt Luciano Pavarotti in Fettucine und Ossobuco. Des nachts träumt er davon, leicht wie eine Biene umherzuschwirren.
Mit theatralischer Geste winkt er während des Interviews regelmäßig
einen seiner drei Butler zu sich: Wasser! Wasser! Meine Kehle! Oder er
wendet sich an eine seiner Assistentinnen: Diese Hitze! Mein Gott! Mit
einem Mini-Ventilator surrt eine der Frauen vor des Maestros Gesicht,
während die andere den Schminkkasten vorbereitet, um Pavarotti für den
Fotografen zurechtzumachen. In Pesaro, einem kleinen Ort an der
Adriaküste, hat es an diesem Nachmittag 36 Grad. Und so verlegt der
Tenor das Gespräch bald auf seine Veranda, die im Schatten hoher Pinien
steht. Eine leichte Brise kommt auf. Schnell, meinen Schal!
Es hat etwas mit der Verdauung zu tun. Nur wenn ich mit leerem Magen ins Bett gehe, habe ich Albträume. So wie diese Woche. Ich hatte richtig Hunger, wollte aber nichts mehr essen vor dem Schlafengehen. Mitte September gehe ich für vier, fünf Tage zu Doktor Chenot in die Kur. Ich will mich dort in guter Form präsentieren oder zumindest guten Willen zeigen. Und halte mich deshalb beim Essen derzeit etwas zurück.
Liedermacher Lucio Dalla hat mich vor ein paar Jahren überredet, mit ihm abzuspecken. Auch er hat so seine Probleme mit dem Übergewicht. Ist zudem kleiner als ich. So wie auch Maradona, der einstige Fußballgott in Neapel.
Wenn man klein ist, fällt jedes Kilo doppelt ins Gewicht. Von Maradona hat Lucio die Adresse von Doktor Henri Chenot bekommen, der wirklich toll ist.
Dass Maradona dennoch eine Kugel geworden ist, Lucio eine geblieben und ich Kilos verloren habe, die immer noch im Bereich liegen, die eine herkömmliche Waage nicht erreicht, hat nichts mit unserem Arzt zu tun.
Wir sind, das muss ich leider eingestehen, einfach Vielfraße. Zumindest kann ich das von mir behaupten. Ich habe nicht viele Laster. Aber vor einem Teller Fettuccine alla panna, einem Ossobuco mit Polenta kann ich einfach nicht Nein sagen. Und wenn ich es doch mal schaffe, wenigstens abends der Versuchung zu widerstehen, dann passiert's eben: Ich schlafe schlecht, bin unruhig, wache am Morgen darauf todmüde auf. Oder bereits mitten in der Nacht. Im schlimmsten Fall habe ich einen Albtraum.
Es ist immer derselbe. Ein Albtraum, der mit Essen eigentlich nichts zu tun hat. Vom Essen träume ich, wenn ich wach bin, was den Vorteil hat, dass solche Träume jeweils sofort realisierbar sind. Ein Griff in den Kühlschrank, und schon geht er in Erfüllung. Im Bett aber stehe ich Todesängste aus. Mit einem Schrei bin ich vorletzte Nacht wach geworden, saß kerzengerade im Bett, war völlig verschwitzt. Ich sah dieses Mädchen vor mir, eingeschlossen in einem Fahrstuhl. Sie war verzweifelt, schrie um Hilfe, hatte Angst. Sie versuchte, den Fahrstuhl zu verlassen. Immer wieder. Doch sie schaffte es nicht. Das Licht war ausgegangen, sie fürchtete sich glaubte, ersticken zu müssen.
- Datum 06.09.2007 - 13:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 37/2000
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