L I T E R A T U R

Glück ist eine Blase

Ein Gespräch mit dem Autor Kazuo Ishiguro

DIE ZEIT: Sie haben über ein Kind geschrieben, einen kleinen Engländer, der in Asien strandet, ohne Eltern, ganz allein. Geschrieben mit der Erfahrung eines kleinen Japaners, den es mit fünf Jahren nach England verschlagen hat ...

KAZUO ISHIGURO: Als ich schrieb, war ich mir sehr bewusst, dass die Leute ein autobiografisches Element vermuten würden. Aber der kleine Christopher hat einen japanischen Freund, Akira, und ich könnte nicht sagen, ob ich mehr der englische oder der japanische Junge bin. Ich schreibe einfach gern über Kindheit. Ich genieße es, die Kindheit wiederzuerfinden, die Atmosphäre und die Dinge, die eine Rolle spielen, wenn man Kind ist. Oder die einen verstören.

ZEIT: Christopher ist herzzerreißend ernsthaft. Immer vorsichtig. Bemüht, alles richtig zu machen. Unendlich tapfer.

ISHIGURO: Die Kinder sind nicht wie ich, nicht in einem direktem Sinne. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie mir auf einer emotionalen Ebene gleichen. Denn ich kann natürlich nur über Gefühle schreiben, die ich selbst kenne.

ZEIT: Sie haben daraus auch sehr komische Szenen gemacht, solche, in denen die Sicht des Kindes mit den großen Ereignissen der Erwachsenenwelt auf absurde Weise kollidiert.

ISHIGURO: Diese Beziehung ist natürlich übertrieben, weil das Buch von jemandem handelt, der bis in das Erwachsenenalter in einem Teil genau so bleibt, wie er als Kind war.

ZEIT: Und das endet tragisch.

ISHIGURO: Er fährt fort, die Dinge in einer kindlichen Weise zu sehen, zu hoffen, dass seine Eltern noch irgendwo sind und am Ende alles wieder gut wird. Und ich sehe um mich herum viele Leute, die so sind.

ZEIT: Aber wir alle, oder nicht? Ich gestehe jedenfalls, zum Ende des Buches, gegen jede Vernunft, inständig gehofft zu haben, dass er sie, nach 30 Jahren, wiederfinden wird!

ISHIGURO: Aber es ist nicht möglich, die Vergangenheit zu korrigieren.

ZEIT: Warum sehen wir die Vergangenheit immer als Quelle aller Übel?

ISHIGURO: Die Vergangenheit ist in meinem Buch keineswegs nur unerfreulich. Sie war ein Paradies, bis die Eltern verschwanden. Seit ich eine Tochter habe, ist mir bewusst geworden, wie wir Kinder mit einer Art von Blase umgeben, die sie vor allen Schrecklichkeiten beschützen soll, und alle haben Teil an dieser Konspiration. Auf der Straße setzen die Menschen so ein kleines Lächeln auf, wenn sie einem Kind begegnen, um vorzutäuschen, dass die Welt ein ganz sonniger Platz sei. Die Leute reden mit lustiger Stimme zu Kindern, wir alle tun es und gern. Eltern wissen, dass diese Blase irgendwann platzen wird, aber auch wenn das Ereignis nicht so dramatisch ist wie bei Christopher, dann bleibt doch oft ein Element von Enttäuschung. Traurigkeit. Ein Gefühl von Verlust, wenn wir die Hässlichkeiten der Erwachsenenwelt entdecken.

ZEIT: Das klingt jetzt so, als ob das Glück der Kindheit nur Trug sei und es später nur schlechter werden könne.

ISHIGURO: Es führt manchmal auch zu einem guten Ende, weil sich Menschen motiviert fühlen, die bessere Welt der Kindheit wiederzuerschaffen, sie tun es nicht nur aus Altruismus.

ZEIT: Sie waren einmal Sozialarbeiter.

ISHIGURO: Ich habe Obdachlose in Schottland betreut. Meine Frau war Sozialarbeiterin bis zur Geburt unseres Kindes. Wir kennen viele Leute, die politisch aktiv sind. Und natürlich viele Leute aus der Kunstszene und deshalb die Frage, warum tun sie das, was sie tun. Einige dieser Leute könnten angenehme Jobs haben, anstatt sich bis morgens um zwei für wenig Geld in einer Umgebung zu plagen, die die meisten Leute als unerfreulich empfinden würden.

ZEIT: Solche Aufopferung beschreiben Sie in Ihrem Buch als Symptom eines Hirngespinstes.

ISHIGURO: Nun, Christopher Banks hat Pech. Seine Mission führt nicht zu einem Guten, und sie ist so stark, dass er darüber sein Leben versäumt.

ZEIT: Ein Schicksal, dass er mit einigen Ihrer Helden teilt. Wieso eigentlich?

ISHIGURO: Vielleicht, weil ich so viele getroffen habe, die in diese extremen Tätigkeiten verstrickt sind, Schreiben, was auch immer. Wenn sie wählen müssen, zwischen ihrer Berufung oder der Familie, entscheiden sie sich immer für die Berufung. Ich spüre es selbst bei Menschen, die ein ausbalanciertes Leben zu führen scheinen, dann denke ich, sie hatten einfach Glück, sie mussten sich noch nicht entscheiden.

ZEIT: Ihre Helden akzeptieren am Ende ihre Niederlage mit derselben Hingabe, die sie vorher auf die falsche Spur geführt hat. Ist das ein zynischer Kommentar über den Wert von Tugenden?

ISHIGURO: Meine Charaktere zeigen eine Art von verzweifeltem Mut. Sie machen weiter, obwohl sie sehen, dass sie einen großen Teil ihres Lebens etwas getan haben, was nicht so gut war. Ich bewundere sie. Sie waren in der Lage, sich zu erkennen. Das Problem ist ja, das Leben geht schnell vorbei.

ZEIT: Ganz ohne Zweifel.

ISHIGURO: Wenn wir 300 Jahre leben würden! Man hätte 50 Jahre, um ein Problem zu lösen, und dann noch 250 Jahre nach dieser interessanten Erfahrung.

ZEIT: Auch Sie haben ja, bei einem Roman in fünf Jahren, nur eine begrenzte Anzahl von Versuchen frei.

ISHIGURO: Ach, das ist jetzt eine ganz andere Frage. Warum schreibe ich so langsam. Ich schreibe nicht langsam, ich schreibe schnell. Aber von den letzten zehn Jahren habe ich vier auf Promotiontour verbracht. Morgen fahre ich nach Italien, für eine ganze Woche.

ZEIT: Sie sind Japaner, und Sie schreiben auf Englisch. Ihre Bücher sind in 28 Sprachen übersetzt, Sie sind ein Global Player, würden Sie sich überhaupt noch der Englischen Literatur zuordnen?

ISHIGURO: Wenn man an die Sprache denkt, ist die Antwort ja, natürlich, es sind englische Bücher. Ob ich für eine britische Leserschaft schreibe, weiß ich immer weniger. Als mein erstes Buch veröffentlich wurde, bekam ich einen Schock, als mir klar wurde, Leute würden es lesen, die ganz anders waren als meine Freunde. Dann wurde es übersetzt, und ich begann, selbst physisch um die Welt zu reisen. Nach Amerika, aber auch nach Kopenhagen, und ich spreche dort mit Lesern, und wenn ich zurückkomme, hat sich meine Vorstellung von Leserschaft gewandelt. Mir wird klar, was ich schreibe, werde ich eines Tages einem Dänen erklären!

ZEIT: Schreibt man anders für Dänen?

ISHIGURO: Ich schreibe Sachen nicht, weil ich weiß, in Dänemark kommt das nicht an. Sprachspiele unterlasse ich, weil ich weiß, nach der Übersetzung ist das weg. Und selbst im Englischen kann das passieren, wenn ich mich auf einen Reklameslogan beziehe, der Leuten in Minnesota nichts sagt. Bestimmte Themen sind nur dringlich, wenn ich mich an ein englisches Publikum wende. Aber obwohl meine Bücher in den Bestsellerlisten auftauchen, habe ich das Gefühl, dass ich mich nur an einen sehr kleinen Teil der britischen Gesellschaft wende.

ZEIT: An welchen?

ISHIGURO: An eine gebildete obere Mittelschicht. Diese Leute, sei es in Frankreich oder Spanien, lesen meine Bücher, es ist eine Minorität in vielen verschiedenen Ländern. Die Mehrzahl der Menschen, die ich in London auf der Straße sehe, würde meine Bücher doch nie in die Hand nehmen.

ZEIT: Fühlen Sie sich in Konkurrenz zu der jungen wilden Literatur, Lad-Lit und Chick-Lit sagt man hier, Bücher für supercoole Typen und süße Tussis?

ISHIGURO: Es gibt eine neue Art von Mittelschicht. Viele sehr gut ausgebildete Leute, die trotzdem keine Lust haben, sich der Anforderung ernsthafter Literatur zu stellen. Die wollen eine Unterhaltung, für den Nachhauseweg in der U-Bahn. Und sie sind keineswegs zufrieden mit den üblichen grob gestrickten Liebesgeschichten oder mit Büchern über Spione. Es gibt also einen riesigen neuen Markt.

ZEIT: Der flott bedient wird.

ISHIGURO: Seit die Vielzahl von unabhängigen Verlagshäusern in den achtziger Jahren von einigen wenigen Konglomeraten geschluckt wurde, ist die Atmosphäre auf dem Buchmarkt eine von größter Nervosität. Kein Lektor kann ein Buch in Auftrag geben im Bewusstsein, dass er selbst in einem Jahr noch da sein wird. Das ist nicht das Klima, in dem sich jemand innerhalb von drei Büchern zu einem interessanten Autor entwickeln könnte. Reifen ist nicht mehr angesagt, es geht um Bestseller, sofort. Wenn ein Autor ein passables Manuskript hat und seine Mutter gerade seinen Vater erschossen hat, das ist ein Spielvorteil. Und die Leute vom Verlag machen Vorgaben. Sie sagen zu einem jungen Autor: Wir wollen folgende Zutaten, das verkauft sich ...

ZEIT: Und wie berührt Sie diese neue Atmosphäre?

ISHIGURO: Niemand würde mir zu nahe treten, bevor ich mein Manuskript präsentiere.

ZEIT: In Ihrem jüngsten Buch gibt es einen Reichtum an fantastischer Szenerie. Society-Partys im Waldorf Astoria und Spielhöllen im Opiumdunst von Shanghai, Nahkampfszenen in der chinesischen Altstadt. Tolle Drehorte. Ist das der Einfluss des Films?

ISHIGURO: Schwierig zu sagen. Film hat mich immer interessiert. Früher habe ich für Channel 4 Drehbücher geschrieben. Aber gerade das hat mir das Gefühl gegeben, dass ein Roman ganz anders sein muss. Etwas, das nur als Roman funktioniert. Wenn ich ein Buch gelesen habe und hinterher denke, ach, das könnte auch die Epsiode eines Fernsehdramas sein, also das ist dann enttäuschend. Wenn man jemanden auffordert, ein Buch zu lesen, was viel länger dauert, als einen Film zu sehen, muss man ihm etwas Besonderes bieten.

ZEIT: Und das wäre was?

ISHIGURO: Nichts Optisches. Romane sind besser im Beschreiben von gedanklichen Prozessen, sie funktionieren besser im Kopf der Leute. Man muss nur Proust lesen.

ZEIT: Ihre Romane sind als makellos beschrieben worden. Ist Schönheit für Sie eine Kategorie beim Schreiben?

ISHIGURO: Nein. Es muss sich für mich einfach gut anfühlen. Ich habe früher Musik gemacht, Rock und Jazz. Wenn man in einer Band spielt, ist man gezwungen, sich über Nichtverbales zu verständigen, Worte zu machen, die eigentlich nur sagen: So klingt es besser. Man muss sich auf seinen Instinkt verlassen. Weil Schreiben aus dem Umgang mit Wörtern besteht, gibt es immer die Gefahr, anzunehmen, man müsse begründen können, warum dieses so oder so sein müsse. Aber es gibt dafür nicht mehr Gründe als die, die erklären, warum das Solo heute Nachmittag besser war als das am Vormittag.

ZEIT: Kein Wort mehr.

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  • Von Mit Kazuo Ishiguro sprach Susanne Mayer
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