Seufzen, vor Genuss. Auflachen, voller Mitleid. Kopfschütteln, in heilloser Verwirrung innehalten, verwundert, vorsichtig umblättern, langsam, weil so gierig, solcher Art sind die Reaktionen, die sich beim Lesen eines Romans von Kazuo Ishiguro einstellen können, etwa alle fünf Jahre, wenn ein neues Buch erscheint, was das Erlebnis umso kostbarer macht. Und wieder heißt es warten, für uns Süchtigen.

Es sind Merkwürdigkeiten, die seine Bücher erzählen. Zwei Frauen, gestrandet in einem nuklearen Brachland vor Nagasaki, und fast so etwas wie Freundschaft wird sich zwischen ihnen entwickeln: A Pale View of Hills. Ein alter Mann, ruhmvoller Maler im Dienste des japanischen Faschismus, am Ende seines Lebens vor dem Nichts: An Artist of the Floating World. Ein britischer Butler, am Ende seines Lebens, enttäuscht: The Remains of the Day, eine Geschichte, die auch ein wunderbarer Film wurde: Was vom Tage übrig blieb. Sind es denn Geschichten? Es sind Stimmungen, die diese Bücher beherrschen, Gedankengewebe, die sich ausbreiten, atmosphärische Schwankungen, die sich, wie eine melancholische Wetterlage, über uns ballen oder zerstreuen. Kazuo Ishiguro, in Japan geboren, aber in England lebend, Booker-Prize-Träger, Empfänger des Whitbread Award, Order of the British Empire, Chevalier de L'Ordre des Arts et des Lettres, ist ein Autor mit Millionenauflage, und doch keiner, der es darauf anlegte, populär zu schreiben.

Das neue Buch ist eine Überraschung. Denn es kommt so ganz anders daher, es tut so, als werde hier einmal Handfestes geboten, ein Kriminalfall! Ein Kind verliert seine Eltern. Ein schreckliches Familiendrama. Eine historische Erzählung, die sich im China der Opiumkriege entfaltet, Kolonialismus, Bandenkrieg, es birgt, natürlich, auch die Geschichte einer vergeblichen Liebe, und es gehört zum Abenteuerlichen dieser Lektüre, dass wir alle paar Seiten der Illusion erliegen, nun aber endlich zu erahnen, worauf wir uns hier einzulassen haben. Ahnungen, die uns mit dem Wenden einer Seite weggeschlagen werden, was die Gedanken nicht unangenehm verwirrt, so wie wenn die Achterbahn abrupt die Richtung wechselt und es uns herumschleudert und wir die Gravidität der Gehirnmasse kribbelnd spüren. Kein Wunder, es ist die Lebensgeschichte eines Verrückten.

Ein Mann erzählt sein Leben. Christopher Banks ist ein Detektiv in London, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in Shanghai aufwuchs, im Garten einer Villa des legendären Internationalen Viertels. Eine schöne Mutter, auf der Schaukel, lachend. Der Vater eilt morgens ins Geschäft. Aber eines Tages kommt er nicht wieder, es ist ein Ereignis, das die prekäre koloniale Balance stört, und dann ist auch noch die Mutter einfach weg und das Märchen aus. So beginnt die Geschichte, im Paradies sozusagen, und sie endet, ein halbes Leben später, im umkämpften chinesischen Wohnviertel, wo die Eingeweide der Massakrierten in stinkenden Haufen vermodern. Es ist eine Hölle, in der Christopher noch immer seine Eltern sucht.

Oscar Wilde hat einmal gespottet, ein Elternteil zu verlieren sei Pech, der Verlust von zweien aber grenze an Unaufmerksamkeit. Christopher versucht auf seine kleine britische Art, Haltung zu bewahren. Nur nicht weinen vor den mitleidigen Grobschlächtigen, die er mit dem Argwohn eines Zwerges betrachtet, der Zeuge ihrer Unfähigkeit war, auch nur seine kleine heile Welt zu bewahren. Und mit dem großen Herzen eines Kindes, das immer schon argwöhnte, das eheliche Glück der Eltern hinge von seinem Wohlverhalten ab, wie überhaupt der Lauf dieser Welt, fühlt er in sich den Auftrag wachsen, die Eltern aufzuspüren und das kosmische Heil wiederherzustellen. Ein monströser Auftrag, zu viel für ein Leben.

Ein Mann, der fühlt wie ein Kind. Er erzählt mit der ganzen Hartnäckigkeit eines, der reinen Herzens ist, beflissen, umständlich korrekt wie ein Musterschüler, und es ist der Übersetzerin Sabine Herting geglückt, den hartnäckigen Fluss dieser Sätze im Deutschen nachzubilden. Es ist ein Rechtfertigungsmonolog. Und nur langsam empfangen wir die Signale, dass da was nicht stimmt. Weil so ganz ohne Augenzwinkern erzählt wird, wie das Kind, inmitten der häuslichen Katastrophe, unberürt vom Schock über das Verschwinden seines Vaters, nur eines will, jetzt und sofort rüber zu seinem Freund Akira, spielen. Das ist komisch. Und vollkommen tragisch, wenn der erwachsene Christopher, inmitten von kotzenden Soldaten und zerfetzten Körpern, ebenfalls wie ein Kind, nichts will als das alte Projekt weitertreiben, das er mit demselben Freund, dem kleinen Akira, als "Vater-Rettungsspiel" betrieb.

Und dann ist sein Leben fast vorüber, und es ist, als sei nichts gewesen, als in der Welt, wie eine Waise, dem Schatten der Eltern nachzujagen. Dies ist das große Thema aller Bücher Ishigurus. Es sind psychologische Studien über Menschen in kontrollierter Verzweiflung. Aber auf einer philosophischen Ebene fragen sie wieder und wieder, was es denn bedeute, wenn alle Tugenden, Ehrlichkeit, Hingabe, Pflichtgefühl, uns nur in die Irre führten. Immer geht es auch um die Frage der Schuld. Um die Frage, ob jemand, der schuldlos schuldig wurde, vor sich und den Augen der Welt zu retten ist.