Der Triumph der Avantgarde findet umsonst und draußen statt. Riesige Lautsprechertürme tragen ihn über Platz und Gassen, Mädchen verteilen Programme, selbst ältere Passanten bleiben stehen, nachdem sie sich davon überzeugt haben, dass nicht gerade ein Flugzeug über Paris abstürzt. Schrecksekundenlang klingt es so, ein Geräusch wie knirschendes Glas und splitternder Stahl. Dabei ist es nur der Kultursommer, der lautstark niederkommt.

Die Stadt feiert den Tam Tam du Merveilleux, eine Komposition von Pierre Henry, realisiert unter Verwendung einiger Motive der britischen Gruppe Propellerheads. Lärmtrauben treffen auf Basslinien, Rotorengedonner entfernt sich auf Rhythmusschienen - "le son dans tous ses délires", wie es in der Ankündigung nicht unzutreffend heißt. Akzeptanz und Tanzbarkeit dieser Techno-Trance-Vision von konkreter Musik dürfen am Ende als erwiesen betrachtet werden, das Publikum auf der Place Beaubourg direkt vor dem Centre Pompidou akklamiert generationsübergreifend und loveparadesk. Bloß Henry selbst steht ungerührt auf seiner Kanzel, die an das Cockpit eines prähistorischen Raumgleiters erinnert, und dreht an Bakelitknöpfen. Gleich nach Beendigung des Spektakels wird er sich im Schutz seiner Prinz-Heinrich-Mütze davonmachen, sparsamen Respekt nach außen bekundend. Keine After-Hours-Party bitte, kein Small Talk im Chill-out-Room. Paradox, aber wahr: Der Urvater des Lärms braucht Ruhe.

Henry, mittlerweile im 73. Lebensjahr, wirkt bei aller Genugtuung ein wenig verstört über die späte Anerkennung, die ihm als Miterfinder der musique concrète zuteil wird. In diesem Jahr hat er bereits auf der Midem in Cannes seine Apocalypse de Jean aufgeführt, im Doppelpack mit dem ebenfalls hochbetagten Krysztof Penderecki und unter dem poppigen Motto Classique sur la Croisette. Davor lagen Auftritte beim Jazzfestival von Montreux, seriösere Herumreichungen in den Medien. Der französische Zweig einer großen Plattenfirma hat begonnen, seine Werke im Prachtstil zu edieren: 16 CDs in wohldesignten Viererschubern, wovon Ausläufer jetzt den deutschen Markt erreichen. So erhabener Klassikerstatus ist hierzulande nicht einmal Stockhausen zuteil geworden. Wo doch auch er mit Hubschraubern experimentiert hat.

Den Gipfel des aktuellen Henry-Booms markiert ein Album mit Remix-Versuchen junger elektronischer Verehrer. Die meisten haben sich aus dem in fünf Jahrzehnten akkumulierten Fundus Psyché Rock herausgegriffen, diesen präpsychedelischen, beatmessenmäßigen Bastard von konkreter Musik, den Henry in den Sechzigern für ein fortschrittliches Ballett von Maurice Béjart beigesteuert hat, im Grunde bloß ein Fragment aus einem endlosen work in progress. Psyché Rock remixen, das ist, als würde man von Beethoven ausgerechnet Für Elise reinterpretieren, dies aber pompös zeitgemäß. Drei glorreiche Akkorde, die sämtliche Nerven treffen, versehen mit etwas Klimbim und ganz viel Hintergrundgeräusch, nicht unbedingt im Sinne des Erfinders, aber zweifellos ein Zeichen von Konjunktur. Jetzt rotiert der kommerziell erfolgreichste Mix als Zeichentrick auf MTV: Fatboy Slim lässt die Halbleiter tanzen.

Zufällig ist die Reverenz trotzdem nicht. Pierre Henry gilt als Pionier der Sampling-Technik. Vor einem halben Jahrhundert baute er zusammen mit Pierre Schaeffer acht Plattenspieler auf, die die beiden, entgegen der Gebrauchsanweisung, nicht als Wiedergabegeräte, sondern als Geräuschquellen nutzten und untereinander mixten: die Urszene der elektroakustischen Moderne, zugleich eine Revolution der kompositorischen Verfahren, wie sie in zahlreichen Manifesten und Statements von Henry und anderen vorangetrieben wurde. Die neue, aus Geräuschen kombinierte Musik ersetzt nicht nur den Musiker durch einen Apparat, sie überwindet das aus sich selbst schöpfende Genie, indem sie sich in Abhängigkeit von bereits Vorgefundenem begibt. Sie sprengt schließlich die Notation, weil das Objekt nicht in langen Stunden am Schreibpult erdacht, sondern direkt am Klangmaterial skulptiert, gewissermaßen live komponiert wird.

Avantgarde als heroisches Kunstwerk

Die Ähnlichkeit mit dem, was heutige DJs mit Plattentellern oder per Festplatte bewerkstelligen, liegt auf der Hand. Und doch gilt die Sehnsucht beim Blick zurück weniger der Überwindung ästhetischer Schranken - ein mittlerweile uralter avantgardistischer Hut - als im Gegenteil dem Widerstand des Materials. Das neu erwachte Interesse an den "Early Gurus of Electronic Music", das Sammeln und Wiederedieren der Gründerväter (ZEIT Nr. 34/00) hat etwas von Selbstvergewisserung. In Zeiten, in denen jeder nur erdenkliche Sound verfügbar geworden ist, das Geräusch sich in den Alltag entgrenzt hat und neue Grenzen nicht in Sicht sind, werden wenigstens die historischen Frontverläufe rekonstruiert: Szenen, in denen Männer mit Hornbrillen, einige von ihnen gerade erst den Schützengräben des letzten Weltkriegs entronnen, sich an Maschinen zu schaffen machen, die eher der bemannten Raumfahrt als der Musikerzeugung zu dienen scheinen, in denen die Bänder noch von Hand geklebt wurden und Kabelbrände die gute Sache um Wochen zurückwerfen konnten.