Rumpelstilzchen, der tragische Held des gleichnamigen Märchens, hilft einer jungen Königin, Goldfäden aus Stroh zu spinnen. Als Lohn fordert er dafür das Kind, das sie erwartet. Es sei denn, der jungen Frau gelinge es, den Namen des Kobolds zu erraten. Der Ausgang dieses Minidramas ist sprichwörtlich bekannt: Oh, wie schön, dass niemand weiß, dass ich ...

Marcel Beyer hat jetzt eine moderne Langfassung dieses kurzen Märchen verfertigt. Die Rolle der jungen Königin ist auf mehrere Kinder verteilt, Rumpelstilzchen wird von der Großmutter gespielt, und der Autor beansprucht ebenfalls einen, sogar nicht unerheblichen, Part. Er teilt uns nämlich mit, dass die ganze Geheimniskrämerei bloße Einbildung sei und Rumpelstilzchen selbst nicht wisse, dass er Rumpelstilzchen heißt und dass er natürlich nichts von der jungen Königin wolle, schon gar kein Kind, und dass er dementsprechend auch keine Großmutter brauche. Bis zu dieser, vielleicht nicht sonderlich originellen, dafür wissenschaftstheoretisch ordentlich abgesicherten Erklärung sind allerdings 275 Druckseiten zu bewältigen, die das sorgsam gehütete Geheimnis der versteckten Großmutter mit bewundernswerter Energie, doch auch mühsam vor sich herschieben, um es am Ende noch einmal ausführlich zu kommentieren.

Aber, bitte, es ist keine Häme angebracht. Marcel Beyer zählt nicht nur zu den talentiertesten der jüngeren deutschen Schriftsteller, er hat auch etwas vorzuweisen. Der 1965 geborene Autor veröffentlichte 1991 bereits seinen ersten Roman Das Menschenfleisch und vier Jahre später, 1995, hoch gelobt und gut verkauft, Flughunde. In diesem Buch hatte Beyer die Geschichte des Akustikers Karnau, eines Stimmensammlers (und Wachmanns im Bunker der Reichskanzlei), der sich ein akustisches Archiv zusammenstellt, mit dem Schicksal der Goebbels-Kinder verknüpft und auf diese Weise eine bizarre Innenansicht der Naziherrschaft geliefert. Vielleicht hat ihm der Erfolg dieses Buches etwas den Blick verstellt. Denn in dem neuen Roman Spione greift er wieder auf die Vorgeschichte und Geschichte des Dritten Reiches zurück. Er beschreibt, allerdings immer nur vage, den geheimen Aufbau der deutschen Luftwaffe, den Einsatz der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg und, überhaupt, einige "Geheimnisse". Die Angst vor einer bloßen Wiederholung seines Erfolgsrezeptes ist ihm dabei offenbar in die Quere gekommen. Das Ergebnis: ein Kompromiss. Geheimnisse allerorten, aber: nichts Halbes und nichts Ganzes.

Doch fängt auch hier wieder alles so gut an.

Ein junger Mann verliebt sich in eine Sängerin. Er war arbeitslos und hat jetzt nicht nur einen Job gefunden, sondern, damit einhergehend, auch wieder sein Selbstbewusstsein. Und, "was sicherlich nicht viele haben": ein "Geheimnis". Tagsüber schreibt er, scheinbar zivil und harmlos, Werbesprüche an den Himmel. Tatsächlich gehört er der "im Verborgenen" aufgebauten, von den Siegern des Ersten Weltkriegs noch verbotenen neuen Luftwaffe an. Abends sitzt er im Parkett der Oper, nicht wie seine Kameraden in Uniform, sondern nur, wie er bedauert, im "Abendanzug".

Trotzdem gelingt es dem kühnen Flieger, bei seiner Sängerin zu landen. Es mag an der Konstruktion liegen, auch an der Halbherzigkeit des Autors, jedenfalls ist die Beschreibung dieser Szene ziemlich kläglich ausgefallen: "Die Sonne wird bald untergehen. Man wird sie schon vermissen, sie haben nur einen kurzen Spaziergang machen wollen. Aber das alles spielt noch immer keine Rolle, spielt nun keine Rolle mehr. Es kommt ihnen vor, als wäre es schon immer so gewesen.

Bauchnabel, Brüste, Schweiß, behaarte Stellen sind noch da. Der Büstenhalter, das zerdrückte Kleid, der Anzug und das Hemd mit den grünen Flecken. Seine Manschettenknöpfe, Erbstücke, sind weg. Die beiden hören einander atmen, wie die ganze Zeit, als hätten sie den Atem schon immer gehört. Sie reden nicht."