Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (geboren 1958 in La Réunion) ist mit seinem Roman Elementarteilchen, der im vergangenen Jahr auf Deutsch erschien, schlagartig berühmt geworden. Es geht darin unter anderem um eine Abrechnung mit den Emanzipationsbewegungen der sechziger Jahre, die zu einer öden Promiskuität und leeren Selbstverwirklichung geführt haben. Der Roman entwirft die gentechnische Utopie einer von der Fortpflanzung befreiten Sexualität. Unter der scheinbaren Sachlichkeit einer quasiwissenschaftlichen Prosa glüht ein romantischer Zorn gegen die Kälte der modernen Gesellschaft. Von Michel Houellebecq ist dieser Tage der Lyrikband Suche nach Glück erschienen, in dem in gereimten lakonischen Versen der Ennui, die Einsamkeit, der Tod, die Leere, das Verschwinden der Liebe und der Treue beklagt werden.

DIE ZEIT: Welche Rolle spielt die Poesie heute?

MICHEL HOUELLEBECQ: In der Poesie geht es um Gefühle. Es gibt angenehme und unangenehme Gefühle, bizarre und fremde. Da die gesamte Gesellschaft größten Wert auf angenehme Gefühle legt, ist es gut, das Unangenehme zu betonen. Eines der Rechte der Literatur ist das Recht auf Unklarheit, darauf, eben nicht Spaß zu machen. Die Literatur ist eine Gegenkraft.

ZEIT: Der Suche nach Glück geht das Leiden voraus. Im ersten Gedicht deines neuen Buchs bricht das lyrische Ich vor der Käsetheke des Supermarkts zusammen.

HOUELLEBECQ: Es ist immer gut, ein vollkommenes Scheitern an den Ausgangspunkt zu setzen. Das Leben an sich ist ein Prozess des Scheiterns, es ist ein langsamer Verfall, der mit dem Tod endet. Man sollte rechtzeitig die Erfahrung des Scheiterns gemacht haben, um sich des Vorgangs bewusst zu werden. Man ist dann weniger überrascht, wenn das letzte und endgültige Scheitern eintritt.

ZEIT: Glaubst du, dass der Tod wichtig ist für die Entwicklung des Bewusstseins?

HOUELLEBECQ: Nein, ganz und gar nicht. Das ist punktuell. Derzeit sterben wir, also bedeutet der Tod einen wichtigen Faktor in unserem Leben, der viele Konsequenzen mit sich bringt. Man muss sich dessen möglichst schnell bewusst werden. Aber die meisten Leute sind das auch. Wer hat nicht schon einen Toten gesehen?