A R D  U N D  Z D F  Quote mit Qualität - oder Tod

Eine kleine Verteidigung von ARD und ZDF

Man ist versucht, all das, was sich jetzt (und seit Jahren) bei ARD und ZDF in Richtung Boulevard wandelt, auf die private Konkurrenz im Fernsehwesen zu schieben, und damit macht man einen Fehler. Schließlich gibt es eine Wirklichkeit außerhalb der Medien. Die Überzeugung, dass sich das Leben "draußen" entlang der Vorgaben des Fernsehens wandele, entstammt einer eher komischen Selbstüberschätzung der Fernsehleute. Aber auch die Kritiker gucken nicht links und nicht rechts und haben, wenn sie die Öffentlich-Rechtlichen kritisieren, ausschließlich das Privatfernsehen im Visier. So wirft Jens Jessen (ZEIT Nr. 36/00) ARD und ZDF vor, dümmer sein zu wollen als RTL und Sat.1, Robert Leicht prognostiziert einen baldigen Gleichstand in puncto "Quotengeilheit" (ZEIT Nr. 38/00), und Nils Minkmar erkennt auf "Sensationshunger" (ZEIT Nr. 37/00). Ist überall was Richtiges dran. Aber es liegt nicht nur am dualen System, und sofern es doch daran liegt, ist alles viel verwickelter, als dass man mit den Schlagworten "Qualität" versus "Quote" auskäme.

Als vor anderthalb Jahrzehnten die Kommerzkanäle ihre Frequenzen zugeteilt bekamen, konnten sie unbelastet von Bildungsaufträgen mit Gameshows und Softpornos loslegen, sie hatten die Freiheit, "den Zuschauer zu entdecken" (Helmut Thoma) und dessen Lust am Trivialen zu bedienen. Sie waren aber auch dazu genötigt, denn die Werbewirtschaft kannte ihre Pappenheimer und kaufte teure Spotminuten nur, wenn das Umfeld stimmte. Die öffentlich-rechtlichen Sender waren nie so frei gewesen. Der Runkfunkstaatsvertrag verpflichtete sie, dem Schönen, Guten, Wahren zu dienen, also das Volk aufzuklären, und zwar mit Qualität. Dafür bekamen sie Gebühren. So war das Gelände vermessen, und die Medienpolitiker und die Fernsehkritiker freuten sich auf den Wettlauf von Geschäft und Anspruch.

Wie es ausging, ist bekannt. Die Programmsparte "Infotainment" wurde geboren, die Spaßwürze durfte auch bei ernsten Themen nicht fehlen, und alles wurde hipper und poppiger. Zwar mühten sich die Privaten ihrerseits um Seriosität und setzten im Infowesen und beim Fernsehspiel auf Hintergrund und Klasse, aber der überwältigende Eindruck war: Die Öffentlich-Rechtlichen passen sich an. Sie verraten ihren Auftrag, sie senken das Niveau. Dafür werden sie, in Abständen, heftig gerügt.

Was wäre geschehen, wenn es die Frequenzfreigabe fürs Privatfernsehen nicht gegeben hätte? Sähen dann die politischen Magazine, die Features, Dokus und Nachrichten bei ARD und ZDF immer noch so aus wie in den siebziger Jahren? Okay, der Zeitgeist changiert, und wir changieren mit ihm. Was sich aber während der letzten 20 Jahre gewandelt hat, ist nicht nur die Oberfläche. Es sind der Geist jenseits des Kurzzeitgedächtnisses und die Ästhetik jenseits der Mode. Wir sind in eine Epoche eingetreten, die Sinn und Verstand zunehmend außerhalb der Printmedien und der ihnen zugeordneten abstrakten Räume des Erkenntnisgewinns sucht, eine Epoche des Auges, der visuellen Assoziation und der spielerisch-selbstkritischen Interpretation aller medialen Outputs. Das duale System gehört in diese Epoche hinein, bestimmt sie aber nicht wesentlich. Der Wandel geht tiefer. Wer ihn nicht versteht und nicht willkommen heißt, spricht der neuen Ästhetik die Sinnbezogenheit überhaupt ab und erkennt, wenn er sieht, wie ARD und ZDF sich optisch aufputzen, geradewegs auf Niveauverfall, sprich Überanpassung an die Privatsender. Aber so einfach ist es nicht.

Die Boulevardisierung aller Medien - oder ist das neue Ressort "Leben" der ZEIT etwas anderes? - ist die einschlägigere Rahmenbedingung. Den Hintergrund für diese Entwicklung bildet die Kaufkraft jener mittleren Sozialschichten, die sich in den letzten 20 Jahren vom Bildungsideal der alten Eliten gelöst haben und sich ihr eigenes Welterklärungsmodell zurechtmachen - dabei stärker auf die elektronischen Bildmedien setzend als auf Print und den altehrwürdigen "Bildungsauftrag". Inzwischen hat Aufklärung im Sinne von Sorgen für und Streben nach umfassender Information sich von der Dominanz des Wortes gelöst - sie kann in einem Bildausschnitt stecken oder in der Beleuchtung einer Krimiszene, sie ist multimedial geworden wie unsere ganze Welt. Die Jüngeren wissen das, haben es in ihr Neugierverhalten eingebaut und jonglieren entsprechend mit medialen Reizen. Ihnen ist es Wurscht, ob ein Moderator einen falschen Genitiv benutzt, sie interessieren sich mehr für seinen Schlips und seine Attitüden, die übrigens auch in älterer Zeit messages mit Bedeutung waren. Die Wortlastigkeit der älteren Kultur ist eine mediale Erscheinung (mit religiöser Geschichte) und keine kulturelle. Die Menschen haben sich immer schon an Bildern orientiert. Wer all diese Entwicklungen nicht mitreflektiert, kommt dem Fernsehen von heute und seinem Wandel nicht bei.

Fernsehen flimmert, und niemand guckt

Und noch ein Argument gegen die Programmpolitik der Altsender, der Vorwurf, anspruchsvolle Sendungen würden in die Nacht abgeschoben, zeigt, dass die Fixierung auf die Konkurrenz zwischen Werbe- und Gebührensendern den Beobachter daran hindert, zu sehen, was sich sonst noch ändert. Seit Fernsehen ein Tagesbegleitmedium ist, das immer flimmert, während niemand guckt, ist die Nächtlichkeit eines Sendeplatzes eine Empfehlung. Täglichkeit im Programm verweist eher auf Durchschnitt. Auch hier kommt als Parameter ein Wandel außerhalb der Fernsehwelt ins Spiel: Die alten Zeitschemata versinken. Mit dem Normalarbeitstag brechen die fixen Stundenpläne zusammen, Zeitkonten, Wechselschichten, nächtliche Ladenöffnungszeiten verschieben den Schlaf-wach-Rhythmus der Menschen. Es kommt zu einer systematischen Eroberung der Nacht in den großen kulturellen Zentren Europas und Amerikas, und das wirkt sich auf die Mediennutzung aus. Immer mehr Leute sehen nachts fern. Wer lieber schläft, lässt den Rekorder laufen. Und schaut zeitversetzt, dafür bewusst und außerhalb der Tagesbegleitroutine, sein Spezialprogramm.

Fernsehen ist deshalb ein so faszinierendes Medium, weil es innerhalb der unterschiedlichsten Reichweiten kommuniziert (und es gewinnt immer noch neue Radien hinzu): Es ist Schlüsselloch und Fenster zur Welt, Nabelschnur zur vertrauten Nachbarschaft und Kabel zum Mond. Jeder wünscht es sich als Intimfreund - aber soll es deshalb seine provozierende Kraft als Künder aus der Fremde verlieren? In letzterer Funktion wird es von jenen Sendern verstanden, die ein so genanntes Vollprogramm ausstrahlen, die also nicht vorwiegend versparteten Spezialinteressen dienen, sondern alle Reichweiten bündeln. Werden nun die Altsender geprügelt, sieht man immer davon ab, dass sie ja einem Vollprogramm verpflichtet sind, und legt Kriterien an, wie sie für Minderheitenprogramme gelten. Jens Jessen verwickelte sich bei seiner Schelte in einen typischen Widerspruch, wenn er einerseits den Mut zum völligen Verzicht auf Quotenrücksicht forderte, andererseits einem Sender ohne Zuschauer das Aus prophezeite. Löst man das Paradox auf, bleibt ein Zielkonflikt: Klar will man gute Sachen machen, aber auch das große Publikum binden. "Vollprogramm" heißt nun, dass ein Sender nicht nur die ganze Familie, sondern die ganze Nation mit einer wohlausgewogenen Mischung zufrieden stellt, die jedem etwas bringt - und darüber hinaus, sozusagen als Mehrwert, ein Sender-Heimatgefühl produziert, das im öffentlich-rechtlichen Fall eine besondere Verantwortung einschließt.

Genau darum bemühen sich ARD und ZDF. Sie können nicht bloß auf Qualität im Sinne eines Minderheitenprogramms setzen - das wäre Selbstmord. Sie müssen ihr Programm breit und populär halten; und wer genau hinschaut, weiß, dass Bildung und Meinungsbildung in ARD und ZDF immer noch vorkommen, und zwar differenzierter als zu Zeiten des Monopols; und dass solche Angebote hier weitaus dichter gesät sind als bei der privaten Konkurrenz. Die Wahrheit ist, dass unsere Gebührensender sich genauso am Markt behaupten müssen wie die Kommerzsender und dass sie deshalb gar nicht darum herumkommen, auf die Quote zu schielen. Die Alternative heißt also nicht: Quote oder Qualität, sondern: Quote mit Qualität oder Tod.

Die Zukunftsfrage ist nicht, ob das Niveau von ARD und ZDF den Gebühreneinzug rechtfertigt, sondern ob wir den großen Gemischtwarenladen des Vollprogramms noch wollen und dem Zerfall des TV-Marktes mit Tendenz zu reinem Sparten- und Bezahlfernsehen entgegenwirken. Die Integrationskraft des Vollprogramms, seine Familiarität und Bindungsstärke bieten gerade für die Erziehung durch Fernsehen Vorteile, während fortschreitende Ausdifferenzierung (Qualität kommt zu Arte, der Sport ins Sportfernsehen und die Info zu n-tv) bestehende Bildungsunterschiede eher zementieren dürfte.

Schließlich gibt es noch das Publikum. Es ist am Ernst des Lebens, da hat Jessen Recht, unbedingt interessiert. Und es bringt seine Macht, die Quote, ins Spiel, um das Programm zu optimieren. Dass es auch Trash liebt, muss eingestanden werden. Dass es das Besondere schätzt, gibt es kund. Die öffentlich-rechtlichen Sender wissen das und tun dafür, was sie können. Natürlich können sie mehr. Deshalb muss man sie schelten. Aber man soll auch die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, in Rechnung stellen und vor allem deren Wandel beachten, gerade bei den Fernsehgewohnheiten.

Aber Achtung: Auch das Triviale, auch Trash und Pop können den Ernst des Lebens spiegeln. Insofern bleibt Fernsehen immer im Geschäft der Sinngebung, der Weltdeutung. Wer das nicht zugeben will, wird dieses Medium nie verstehen. Und auch nicht die Nöte seiner Macher.

 
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