Noch steht nicht fest, was das Ereignis des Jahres aus dem Hause Madonna ist, die neue Platte oder das neue Baby. Oder beides. Nach Abschluss der Dreharbeiten zum letzten Film hochschwanger ein komplettes Album nebst Video fertig stellen, ohne die Fitness- und Yogaübungen zu unterbrechen - wer sonst schafft das? Nicht auszuschließen, dass Kinderkriegen jetzt Pop wird. Im Falle Madonnas muss von einem weit gefassten Popbegriff ausgegangen werden.

Ihre Musik ist Pop, ihr Outfit ist Pop, ihr Leben ist es auch, und das seit bald zwei Jahrzehnten. So lange betreibt sie das harte Geschäft des Berühmtseins schon. Vielen, insbesondere jungen Frauen, die mit den eigenen Verhältnissen nicht recht einverstanden sind, ist dieses Gesicht vertrauter als die garstige Familie. Sogar der kleine Spalt zwischen ihren vorderen Schneidezähnen hat etwas Ikonisches, das nach Ausleuchtung schreit. Madonna verstehen ist ein Intellektuellensport, Madonna sehen ein Volksvergnügen.

Seit sie ihrem neuen Lover, dem Regisseur und Kindsvater Guy Ritchie, zuliebe von Bel Air/L.A. nach London gezogen ist, verfolgt die dortige Boulevardpresse ihre Spur. Und alle fühlen sich durch den hohen Besuch geadelt.

Wenn Madonna eine Immobilie kauft und wieder verkauft (doch zu unkomfortabel), steigt der Preis um 900 000 Pfund. Wenn Madonna eins ihrer raren Interviews gibt, geht die Auflage signifikant in die Höhe. Und wenn Madonna beschließt, mal wieder eine neue Frau zu sein und metallbeschlagene Cowboyhüte zu tragen, tauchen wie auf Verabredung metallbeschlagene Cowboyhüte an allen Ecken und Enden des modernen Lebens auf.

Effekte mit Modernitätswitz

Über so viel Modellkraft verfügt nur noch sie. Michael Jackson und Prince, die Kontrahenten aus den Achtzigern, haben sich in Scharmützeln gegen die Plattenindustrie und anderen, nicht mehrheitsfähigen Aktionen aufgerieben, Vergleichbares ist nicht nachgewachsen. Marilyn und Lady Di weilen auch nicht mehr unter uns. Die Bereitschaft von Fans wie Fachpresse, der seit Montag endlich erhältlichen CD entgegenzufiebern, gilt einer letzten großen Einigerin der zersplitterten Popkultur. Der Rest des Volkes nimmt qua Klatschspalte die Botschaft entgegen, dass Glück, Glanz, Ruhm, Kinder und Karriere eben doch zusammengehen, vorausgesetzt, man packt die Sache souverän genug an.

Souverän muss man aber auch sein, um eine Platte schlicht Music zu nennen - ich kenne keine Genres mehr, ich kenne nur noch die Sache selbst. Im Video zur Single, die so heißt wie das Album, lässt Madonna sich als Königin der Nacht auf der Rückbank einer superlangen Luxuslimousine herumkutschieren, während drinnen wie draußen das wilde Leben passiert. Gespielinnen rekeln sich neben ihr, Champagner fließt, am Steuer sitzt Ali G, ein britischer Komiker der Stunde, und mimt den coolen Einwanderer-guy. Die Tour führt durch Nachtlokale, in denen die als "Muff Daddy" auftretende Heldin gut gelaunt Tabledancerinnen Dollarscheine ins Höschen steckt. Drei Minuten und 45 Sekunden dauert der Spaß, doch das Wesentliche wird schon in der ersten Zeile gesagt: "Hey, Mr. DJ, put a record on, I wanna dance with my baby."