die zeit: Herr Ministerpräsident, bis zu diesem Sommer hat kaum jemand den Rechtsextremismus ernst genug genommen. Nach der Wiedervereinigung, als man in den Neuen Ländern früh hätte gegensteuern müssen, wurde er geradezu verharmlost. Als Sie 1991 nach Hakenkreuzschmierereien gefragt wurden, sagten Sie: "Das ist kein Neonazismus, das ist noch nicht einmal prinzipielle Ausländerfeindlichkeit."

Manfred Stolpe: Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Ich lebte mit der Vorstellung, dass bei den jungen Leuten doch etwas hängen geblieben sein müsse von dem Antifaschismus, dem Internationalismus und der Solidarität mit Menschen aus anderen Ländern, die an den DDR-Schulen gelehrt wurden. Ich hatte nicht geglaubt, dass das alles so vorbeigerauscht ist.

zeit: Als 1997 die Einwohner des Dorfes Gollwitz gegen ein Heim für Juden aus der Ex-sowjetunion protestierten, bekannten Sie öffentlich, Sie könnten die Leute verstehen.

Stolpe: In diesem Fall sind von den örtlichen Behörden Fehler gemacht worden.

Sie haben damals mit falschen Informationen und null Fingerspitzengefühl die Bürger überrollt. Da konnte man einiges von dem Protest wirklich verstehen.

Aber meinen verständnisvollen Ansatz habe ich vor einiger Zeit korrigiert: Das differenzierte Herangehen an Vorurteile, das Um-Verständnis-Werben ist objektiv eine Unterstützung der Fremdenfeindlichkeit. Differenzieren wirkt als verharmlosen, und verharmlosen heißt unterstützen. Das Thema ist so brisant, da muss die Position wirklich klar sein.

zeit: Es scheint, als hätten viele ostdeutsche Politiker - und das betrifft nicht nur Brandenburg - die Gewalt erst wahrgenommen, als sie zum Standortproblem für die Tourismusindustrie und für Investitionen aus dem Ausland wurde.