Bitte nicht aussteigen!

Kleine Rede aus dem Beitrittsgebiet, zu halten vor dem Feuerwerk, der Hymne und dem Sekt

Da stand das Opfer, und es schrie. Brüllte sich die Lunge aus dem Hals. Grölte, als befände sich's in keiner Kirche, als predigte nicht eben ein Klassiker der DDR-Opposition. Ich gedenke, hatte der Klassiker ein ums andere Mal gesagt und in gemessener Litanei die Opfer der SED-Herrschaft vorübergeführt: die Ermordeten und die Verschleppten, die Eingekerkerten, die Beraubten, die Bespitzelten, die Erpressten ... All jener gedenkt der Expfarrer und -Verteidigungsminister Rainer Eppelmann (CDU), da hastet dieser Mensch zum Altar, trägt Häftlingsuniform und Handschellen am linken Gelenk, baut sich vor Eppelmann und erhebt, schier fünf Minuten lang, sein Wutgeheul: Heuchler! Verräter! Die Armee haste verscherbelt, die NVA-Panzer anne Türkei, scheißen tuste auf die Opfer, und die Stasis kassieren und die alten Bonzen und du! Ick bin arbeitslos, ick hab Zeit, ick helf dir Knete zählen! Mit zwanzigtausend im Monat kann ick ooch anne Wand pinkeln! - So brüllt der Erregte, dann bleibt ihm die Stimme weg. Eppelmanns Seele scheint eine Regenhaut. Ja, ölt er ungerührt, an dieser Reaktion merken wir wieder, dass die DDR-Geschichte nicht vergangen ist, dass sie noch qualmt.

Dies geschah am 11. Juni 2000 in der Berliner Gethsemanekirche. 250 Unversöhnte wollten Erinnern und nicht vergessen, dass die Misshandelten des SED-Regimes oft auch in Einheitsdeutschland zu den Verlierern gehören. Im Fernsehen sprechen Herr Gysi und Herr Wolf, sagte Bärbel Bohley, und die, die gelitten haben, werden langsam verrückt, weil sie nicht zu ihrem Recht kommen. Jetzt ist die Politik gefragt. Jetzt helfen keine schönen Reden. Das war vor 1989 deine Stärke, Rainer, das ist vorbei.

Hier irrte Frau Bohley. Es naht der 3. Oktober - kein normaler. Es ist Rosenhochzeit zwischen Ost und West. Den Reden wird an Schönheit nichts ermangeln, auch wenn der deutsche Völkervater, der Kanzler der Einheit, der zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls unpassenderweise geredet hat, bei der Dresdner Einheitsfeier unpassenderweise schweigen muss. Ihm zum Gedächtnis, uns zur Mahnung sei beschworen, was sich am 3. Oktober 1990 ereignet hat: die Wiedervereinigung der Deutschen in Frieden und Freiheit. Feuerwerk? Moment noch, ein paar Minuten Gehör. Eine kleine Chronik wollen wir skizzieren, für jedes Jahr der Einheit ein Geschehnis aus ostdeutscher Sicht.

1990: Mit der raschen Währungsunion zum Kurs 1 : 1 beziehungsweise 1 : 2 vernichten die Ostdeutschen ihre Volkswirtschaft, mit dem Einigungsvertrag unterwerfen sie sich der bundesrepublikanischen Besitzordnung. Die eben gewonnene "neue Identität aus erlebter Volksbewegung" (Bischof Werner Leich) verlischt.

1991: Die DDR-Sender werden zerschlagen und den ARD-Strukturen angepasst. Dem Beitrittsvolk verbleiben nur regionale Medien.

1992: Die Stasiakten werden geöffnet. Millionenfach begehren die Ostdeutschen Einsicht in ihr MfS-Dossier, verwahren sich allerdings dagegen, als Volk von Spitzeln denunziert zu werden. Der Osttrotz kommt auf und erwählt sich eine Lichtgestalt der schummrigen Vergangenheit: Manfred Stolpe.

1993: Aus Gründen der "Marktbereinigung" schließt die Kasseler Kali + Salz AG den rentablen Thomas-Müntzer-Schacht von Bischofferode. Der halbjährige Hungerstreik der Kalikumpel bleibt ohne Erfolg. Thüringens CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel spricht von der "Fratze des Kapitalismus". Ein unvergessliches Lehrstück über den Primat der Wirtschaft vor der Politik.

1994: Bundestagswahl. Die Rote-Socken-Kampagne der CDU restauriert die Fronten des Kalten Kriegs und etabliert die PDS als Ostpartei auf Kosten der SPD. Helmut Kohl wird noch einmal gewählt, auf dass er die blühenden Landschaften vollende - möglichst mit Menschen darin, denn die Abwanderung nach Westen hält an.

1995: Politbüroprozess. Egon Krenz präsentiert sich als Opfer von Siegerjustiz, Saulus Schabowski als Paulus. Die meisten Ostdeutschen empfinden das Verfahren als westdeutsche Angelegenheit.

1996: Acht DDR-Bürgerrechtler treten demonstrativ der CDU bei und legitimieren deren Bemühungen um eine Delegitimierung der DDR.

1997 überspült die Oderflut viele Gräben zwischen Ost und West - bis die Wasser wieder sinken. Und dann kommt 1998, das Jahr der Wende.

Bis hierher klingt alles wie Opfergeschichte. Wir hätten noch mehr davon. Wir könnten auch die Kirchenleute klagen lassen, die schwunghaft entsorgte Ostintelligenz, das geschasste Proletariat, die zu Heimchen degradierten Frauen, Künstler, denen Volk abhanden kam, Publikum, das seine Kunst vermisst: Metaphysik des Alltags, Verdichtung erfahrenen Lebens mit einem Abgrund, einem Ernst. Stattdessen umgrinst uns die Affenparade der Lauterbäche und Ochsenknechte, der Naddeln, Veronen und Arabellen, der Schimmis und Schumis, wie sie einander überholen, schwängern, prügeln, vom Urineur Ernst August ganz zu schweigen, nein zu reden davon, wie viel blaues Blut "Rückgabe vor Entschädigung" verlangte. So sind wir Ossis nicht? Wir grinsen doch mit, falls man uns lässt, zumindest aus der Super-Illu. Oh, Ost-Stolz, als unsere Kati Witt zur Beilägerin des US-Serienhelden McGyver promovierte, als der Potsdamer Arbeitslose John die Pop-Stasi-Show Big Brother gewann. Wahrlich, fände sich ein Autor, der die große Mahd, Umpflügung und Neusaat Ostfünflands zusammenbrächte, er schriebe nicht Ein weites Feld, sondern Früchte des Zorns. Und es dürfte kein Jammerepos werden. Und es müssten auch die Fratzen des Ostens hinein, von Hoyerswerda bis Rostock-Lichtenhagen, und die wirklichen Opfer, von Antonio Amadeu, totgetrampelt am 24. November 1990 in Eberswalde, bis vorerst zu Alberto Adriano, Dessau, 11. Juni 2000.

Aber wir sind ja noch im Jahre 1998. Das ganze Land ist einig: Mit dem Kohlschen Weiter so! geht es nicht weiter. Die Arbeitslosenstatistik explodiert. Die Abwahl Helmut Kohls wird zur ersten konzertierten politischen Handlung von Ost und West. Gerhard Schröder bindet seine Kanzlerschaft an das Versprechen neuer Arbeitsplätze. Dass er das Beitrittsgebiet zur Chefsache erklärt, ist ein gern gehörter Witz. Helmut Kohl bereiste den Osten als antikommunistisches Gemütsereignis und inszenierte Weisheit und Wärme der alldeutschen Provinz. Für Schröder scheint Ostelbien Terra incognita, aber diese Unbelecktheit ist konstruktiver als das Lagerdenken Kohls, der hinter jedem Busch Sozen und die PDS am Wühlen wähnte. Falls ihm der Feind deutsche Übelstände vorhielt, vertrieb ihn Helmut Kohl mit seiner Siegesposaune, der Einheit. Da blieb nur Dankbarkeit.

Gerhard Schröder besaß weder Posaune noch Sieg, und er folgte dem Parteihistoriker Kohl als Ungeschichtler. Schröder stellte neues Deutschland aus: Hauptstadt Berlin, Modernismus, demonstrative Normalität. Deutschland sollte sich nicht länger aus Vergangenheit erklären. Aber Geschichte duldet keine verlassenen Räume. Wo die eine auszieht, marschiert eine andere ein. Wer vergisst, woher er sei, dem wird diktiert, von wo man gern käme und wohin. Schon zwei Wochen nach Schröders Wahlsieg erhob diese Art von Zukunft ihre Stimme, im Timbre urdeutscher Raunung, und sprach, von Beifall umtost, aus der Vaterlandskanzel zu Frankfurt am Main den Heidegger-Satz: "Das Schuldigsein gehört zum Dasein selbst." Und, kurz zuvor: "Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. (...) Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?"

Die Intellektuellen sind empört, sagte eine Freundin, die normalen Leute finden, Walser hat Recht. - Was für ein schöner Satz, wie geschaffen, beiden Seiten beizuspringen. Längst ist ja die Hitler-Serie Unterhaltungsfernsehen und Guido Knopp ein Thomas Gottschalk der Bebrillten. Und dennoch gibt es nie wieder deutsche Geschichte ohne Auschwitz, so wahr wir Nachgeborenen in Vorigem wurzeln. Das sei nicht bloß nach rechts gesagt, sondern auch den "Deutschland halt's Maul!"-Rufern wie den grenzenlos flexiblen Globalisten, die Volk und Nation für Käsesorten halten. Ohne Nation existiert keine Verantwortungsgeschichte, so wie ein Dorf verludert, das alle drei Jahre die Bewohner tauscht. Ostdeutsch ist ein Unterparagraf von deutsch. Dass aber Deutschtum relativ sei, ein Zählerchen des Nenners Europa, das ist rot-grüner Protestantismus, das ahnt nicht, welch mythischer Reichsbegriff noch immer im Deutschinneren Kyffhäusergefühle entflammt: Ethnos statt Demos Volk - da stört Auschwitz. Walser störte nicht.

So wären wir beinahe in der Gegenwart. Als dies geschrieben wird, sind die Neonazis Deutschlands Thema Nummer eins. Endgültig, so möchte man glauben, ermannt sich die Mediendemokratie, doch die nächste Ladenschlussdebatte naht gewiss und Schumi immerzu, und ist mit Steffi und André etwa schon wieder alles aus? Eins wenigstens scheint vergangen: das untätige Salbadern von "Äquidistanz gegenüber jeder Art von Extremismus". Punks, das erfuhr sogar die CDU, schlagen keine Neger tot.

Wenn ich mir was wünschen dürfte zu diesem 3. Oktober: dass wir den asozialen Brauch beenden, den Müll der Gegenwart im Gestern abzukippen, bei unseren wechselseitigen Geschichten. Die Neonazis sind Heutige. Weder hat sie Margot Honeckers Volksbildung gezeugt, noch prügeln sie als Büttel des Monopolkapitals. Neonazis sind individuell verantwortliche Schänder der Menschenrechte und des deutschen Namens (und eine Linke, die Heimat und Nation verachtet, läuft bei Rot über die Straße).

Tragischerweise blieben die deutschen Antifaschismen unvereinigt. Kohls Ideologie hat alles unternommen, den Ostantifaschismus zu entmutigen. Er existiere gar nicht oder sei bloß staatsverhängt gewesen, Faschismus in Rot. Das CDU-Ziel wie seit Adenauer: die Aberkennung der DDR bei deutschnationaler Akzeptanz ihrer Bewohner. Doch die DDR war legitim - nicht als Demokratische Republik, aber aus der deutschen Schuldgeschichte, an der die Ostdeutschen viel schwerer schleppten als ihre Westverwandten. Die SED-Kommunisten häuften neue Schuld und missbrauchten den Antifaschismus als Diktaturlizenz. Dies hinderte nicht, dass Millionen von Ostdeutschen sich mit ihrem Staat im Blick auf die Hitlerei einig fühlten. Bloß als Zivilcourage, als Gegenwartsverpflichtung musste sich der Antifaschismus kaum bewähren, da ja nur der Westen Nazis haben durfte. Nun haben wir sie auch, und sie locken das Ostvolk mit jener wärmenden Binsenwahrheit, die ihm der Westen vorenthielt: Die DDR, die Lebenszeit und -welt ihrer fleißigen Bewohner, seien volldeutsche Geschichte. Und Sozialismus (aber bitte ein nationaler!) wäre ein trefflicher Wehrsport gegen Asylmissbrauch, Globalisierung und Bankentyrannei.

Letzteres glauben die wenigsten Ostler. Doch wie Mehltau liegt ein Satz über dem Land: Mit diesem System heute kann ich mich auch nicht identifizieren. - Weithin gilt der Parlamentarismus als Schoßhund der Höllenfürstin Kapital. Politiker dürften Renten regulieren, Bahnabschnitte übergeben, Fallschirmspringen und sogar mal einen Holzmann retten, aber wer der Politik den Primat vor der Wirtschaft zurückgewinnen wolle, der ende wie Oskar Lafontaine. Da steigt's dem Ostler antikapitalistisch auf, und er ruft: Die Welt ist schlecht! - War sie immer, sagt der Westler, aber davon geht sie nicht unter. Und entzieht, mitten im CDU-Finanzskandal, den Christdemokraten bei der Schleswig-Holstein-Wahl gerade mal zwei Prozent. Da möchte der Ostler verzweifeln, und Roland Koch scheint ihm ein Klon der SED-Bonzokratie. Dagegen trinkt man am besten ein schönes Köstritzer auf die innere Emigration.

So war's 1999: Der Osten mehrheitlich gegen die Nato-Bomben auf Jugoslawien, verschanzt hinter einem Pazifismus, der den Namen nicht verdiente, weil da bereits ein Völkermord im Gange war. Der Westen größtenteils für den Krieg, die Regierung naiv von Erfolgen schwadronierend, statt davon, wie die Amerikaner Geostrategie betrieben und Europa an die Kandare nahmen, wie sich die Russen freie Bahn erhandelten für ihr tschetschenisches Schlachtfest.

Ein Weilchen ist es her, da schrieb Klaus Harpprecht, der Osten sei geistiges Niemandsland. Das ist er keineswegs, aber zu sehr auf Homogenität bedacht. Parteiengezänk widert uns an. Die Welt soll moralisch sein, das System sozial, Identität ein Wir und manche Leute passen einfach nicht in unsere kleine Stadt. (Natürlich gibt es auch anständige Ausländer.) Der Westen hält Konflikte für normal und lebt in vielerlei Systemen - hier ein bisschen, da ein Stück. Der Osten hat die Westbeweglichkeit nicht internalisiert; die eigenen Werte kann er kaum noch praktizieren. Da rät ihm der Westen: Sei nicht immer so offen, denk an den Chef!

Es gibt viele Ostler, die reden von Fremdheit im eigenen Haus. Vielleicht müsste Klaus Harpprecht selbst erlebt haben, mit welcher Marktgewalt der Westen sich den Osten ebenbildlich machte. Die Ratio sagt: Das musste so kommen. Die Seele erfährt den heutigen Osten als fremdbebildertes Land. Hier soll kein Eifern folgen, nur ein Reihe ostdeutscher Namen: Heiner Carow, Gottfried Forck, Rolf Ludwig, Gerhard Gundermann, John Stave, Dieter Erler, Reinhard Lauck, Stephan Hermlin, Klaus Piontek, Gerulf Pannach, Jürgen Fuchs, Heiner Müller, Rudolf Bahro, Tamara Danz, Rolf Römer, Norbert Bischoff, Marianne Wünscher, Kurt Böwe, Eberhard Cohrs, Manfred Streubel, Karl Mickel ... Dies ist eine einheitsdeutsche Totenliste. Wen kannte der Westen? Wie viel Tod fiel auf?

Auf Krummes mußt du setzen das Gerade / Sprach Meister Kung, dann steht es wohl im Staate, so schrieb Karl Mickel, der Weltkundler und Ästhet von Dresden. Die immer soviel Danke sagen und Bitte / Bescheißen dich auf jedem Schritt und Tritte / Und die nur immer knicksen und sich bücken / Sprach meine Mutter, dulde nie im Rücken. Es gibt wenig zu beschmeicheln am deutsch-deutschen Status quo, doch hoffnungslos ist er nicht. Der Rechtsstaat ist in allen Bundesländern installiert. Die SED-Diktatur stand vor Gericht und wurde deutlich und mit souveräner Milde abgestraft. Die sterbenden Innenstädte des Ostens erstrahlen neu. Fast jeder hat Telefon. Alle Musiken, alle Bücher sind zu finden. Die PDS hat sich demokratisch legitimiert. Die Gauck-Behörde löste weder Mord noch Totschlag aus. Das wahre Leben im Falschen der Ostbiographien wird anerkannt. Unsere Kinder erfahren Deutschland neu. Eine ganze Bibliothek zur DDR-Geschichte ist erschienen, und der Ostfußball scheint endlich drauf und dran, sich aus den verderbten Reihen der Hochfinanz zu verabschieden.

Vergessen wir nicht die vielen stillen Helfer der Verständigung: Martin Weskott, den Bücherpfarrer von Katlenburg, Manfred Klostermann, Kulturreferent zu Hameln, Bernd Feldhaus aus Münster mit seiner Agentur Deutsche Einheit, die ZDF-Leute von Kennzeichen D ... Aber das Wunderbarste bleibt die Öffnung der Welt, die Freiheit zu reisen (wenn man sie bezahlen kann). Dass wir erleben, was wir ehedem nur wussten, macht den Osten zu einem reichen Land. Und siehe, Portugal ist nicht nur Tejo, Belém-Kloster, Lissabons Kathedralen, da sind auch die proletarischen Notgässchen der Alfama und das Atlantik-Fort Peniche, Zwingburg des Salazar-Faschismus, aus der 1960 Álvaro Cunhal entkam; und in Coimbra, gegenüber der Sé-Velha-Kirche, fandest du im Abendschein das porzelline Bildnis von José Afonso, dem Sänger des Grândola, vila morena. Und lasest endlich die Volksbücher von Saramago und Lobo Antunes, deren emanzipatorischer Herzenssozialismus nichts gemein hat mit dem Dreck von Stalin bis Honecker. Und in Finnland, im Lenin-Museum von Tampere, schrieb der dicke Ami vor dir ins Gästebuch: "Great man! Tremendous ideology!" Da donnertest du drunter: "Thank God I survived Leninism!"

Am 27. April 2000 hielt auf dem Mannheimer Bahnhof ein seltsamer ICE. "Behelfs-Zug" stand DDR-artig an den räudigen Waggons, und die Wartenden zogen Gesichter. Aber die Rumpelfuhre raste mit Affenzahn gen Hamburg. Minuten vor dem Hauptbahnhof quarrte wonnigstes Sächsisch aus dem Abteillautsprecher: Drotz Bähälfs-ICE ärraischn mier dos Fohrziel bünktlisch. Dos is doch 'n Abblaus wärt for unsern Loggführer und dos ganze Gollegdief! - Es gibt keine pikierteren Mienen als die der so ermunterten Hanseaten. Stumme Fassungslosigkeit im Abteil. Jäh stoppte der Zug. Neue Durchsage: Nu hakt's doch noch ä bissl. Bidde ni ausschdeigen, draußen is Brärie. Dor Zielbahnhof wurde noch ni ärraischt.

Bidde ni ausschdeigen! - dieser sächsische Imperativ sei unsere Kampflosung zum Dresdner Tag der Deutschen Einheit. Und nun, wenn's sein soll: Feuerwerk ab! Hymne los! Denn es muss uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.

 
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