H O C H S C H U L E N Zeigt her eure Ränge

Warum das Hochschulranking in den USA funktioniert und bei uns nicht

Es gibt keine ZVS in den USA, keine Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen. Stattdessen werben die Universitäten und Colleges um Studenten, und die angehenden Studenten bewerben sich um einen Platz. Da alle Hochschulen unterschiedliche Profile und Anforderungen haben, findet sich für jeden ein Plätzchen. Damit jeder den Platz findet, den er wollen sollte, gibt es höchst fein gefieselte Ranglisten, neudeutsch: Rankings.

Das berühmteste Ranking wurde kürzlich, wie jedes Jahr im Herbst, von dem Wochenmagazin U. S. News & World Report unter dem Titel America's Best Colleges veröffentlicht. Wer ist die Nummer eins in diesem Jahr? Princeton. Einen Wimpernschlag dahinter liegen Harvard und Yale, beide auf Platz zwei, gefolgt von CalTech, MIT und Stanford. Ausländer, welche die amerikanische College-Landschaft nicht genau kennen, starren gebannt auf die Top Ten oder Twenty; doch amerikanische Eltern und ihre Siebzehnjährigen blicken nicht nur nach Princeton und Harvard. Die nehmen jedes Jahr nur je 1600 Anfänger auf, sind hoch selektiv, privat und sehr teuer.

Wo sollen die vielen anderen hin? Woher weiß einer, was gut für ihn ist und ob er gut genug für sein Traumcollege ist? Die Fachleute von U. S. News glauben, den Möchtegernstudenten mit ihren Listen eine ziemlich präzise Orientierung zu geben.

Wie können Ranglisten bei der Wahl der richtigen Hochschule helfen? Kritiker, bei uns wie in Amerika (speziell wenn ihre Hochschule auf den unteren Rängen auftaucht), sagen natürlich: Überhaupt nicht. Das komplizierte Innenleben einer Uni lasse sich nicht in dürren Zahlen ausdrücken. Schließlich sei das Spiel mit Geist nicht ganz dasselbe wie das mit dem Fußball. Das mag bei früheren Rankings der Fall gewesen sein, insbesondere bei denen der deutschen Montagsmagazine, die eher Wohlfühl-Indices (Siegen auf Platz eins) denn Gradmesser akademischer Qualität hergaben. Die Methodik des U. S. News-Rankings ist indes im 13. Jahresbericht noch ausgefeilter und nachvollziehbarer geworden als je zuvor.

Und doch wähnt Detlef Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh: "Man kann nur Fächer vergleichen, aber doch nie ganze Hochschulen." Kann man in Deutschland nicht, müsste es heißen. Wo weder Auslese noch Wettstreit herrscht, erübrigt sich fast der Vergleich. Was will man denn vergleichen, wenn alles ungefähr gleich ist, die Ausgaben pro Student ebenso wie die Durchfall- und Schwundquoten? Konsequenterweise hat das CHE sich mit seinen deutschen "Hochschulcharts" auf das Ranking von Fächern zurückgezogen.

Die Freiheit der Hochschulwahl ist ein anstrengendes Privileg

Gerade das U. S. News-Ranking zeigt, wie aussageschwach selbst das CHE-Verfahren im Vergleich ist. Wo doch nicht einmal der Uni-Präsident genau weiß, wie viele Studenten an seiner Hochschule wirklich studieren, kann auch niemand angeben, wie viel pro Student ausgegeben wird oder wie viele Studenten auf einen Lehrer kommen. Wo Schwundquoten von 20 Prozent in der Medizin, bis zu 90 Prozent in der Philosophie an deutschen Hochschulen als gottgegeben hingenommen werden und Regelstudienzeiten dehnbar wie ein Gummiband sind, kann kaum die graduation rate, die Zahl der Abschlüsse innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens, als Qualitätsmerkmal eruiert werden.

Was messen die Amerikaner? Einmal das Halbsubjektive: die akademische Reputation einer Hochschule. Dann das quantitativ Messbare: Student/Lehrer-Quote, Anteil der Hochbegabten unter den Anfängern, Strenge der Auswahl, Klassengröße, Schwund im ersten Jahr und Schwund bis zum Bachelor, Anzahl der Vollzeitlehrkräfte, Anzahl der Lehrkräfte mit dem höchsten akademischen Grad, Professorengehälter und das Stiftungskapital der Hochschulen. Je mehr Geld eine Universität oder ein College zur Verfügung hat, desto mehr kann es für Lehre und Forschung ausgeben. CalTech gibt die unvorstellbare Summe von 200 000 Dollar pro Student aus, doppelt so viel wie Harvard, Princeton oder Yale. Das hat gewisslich etwas mit der Qualität der Lehre zu tun.

Der suchende Student muss nur im Web seine Fragen anklicken oder mit dem Finger auf der Rangliste wandern, schon hat er den schönsten Vergleich: Wer hat die kleinsten Klassen (CalTech), die meisten Vollzeitlehrkräfte (Georgia Institute of Technology), wer hat den geringsten Studentenschwund (Harvard), die härteste Auslese (Harvard), den besten akademischen Ruf (Harvard), das meiste Geld und die meisten Spender (CalTech)? Die Rangliste gibt auf viele Fragen Antworten bis hinter das Komma. Wer mit Finger oder Maus lange genug in den Listen herumfährt, wird schnell feststellen, dass die Schulen mit der schärfsten Auslese auch die geringsten Schwundquoten haben. Wir freilich lehnen Auslese ab und haben entsprechend hohe Schwundquoten überall.

Die Freiheit der Hochschulwahl ist das anstrengende Privileg amerikanischer Studenten. Deshalb gehen sie auch ein Jahr vor Ende der Schule regelrecht Shopping im ganzen Land, um die Hochschule zu finden, die zu ihnen passt. Um den richtigen Studenten mit dem richtigen College zu verbandeln, braucht man Ranglisten, Collegeführer, Hochschulmessen und neuerdings auch das World Wide Web.

Damit es beim Ranking einigermaßen fair zugeht, werden die 1500 Institutionen in Gruppen gebündelt: "Beste Nationale Universitäten", 228 an der Zahl, von Princeton auf Platz 1 über die University of Texas, Austin, auf Platz 49 bis zur Wright State University, Ohio, auf dem allerletzten Platz. Dann folgen die "Besten Nationalen Liberal Arts Colleges", von denen gibt es 162, vom Amherst College auf Platz 1 bis zum William Jewell College in Missouri auf dem letzten Rang. Weitere Gruppierungen sind die Regionalen Universitäten und Regionalen Colleges, aufgeteilt in Nord, Süd, Mittlerer Westen und Westen.

Auch der künftige Chirurg muss Philosophie studieren

Die amerikanische Hochschullandschaft ist mit der deutschen kaum zu vergleichen. Nicht nur weil es hierzulande keine nennenswerte Gruppe der Privaten gibt oder keine gezielte Diversifizierung stattfindet, sondern vor allem, weil es das College mit seinem humanistischen Profil nicht gibt. Der amerikanische Studienanfänger zieht nicht los und studiert Medizin oder Jura. Auch der künftige Anwalt oder Chirurg muss sich in den ersten beiden Jahren mit Philosophie, Geschichte, Literatur, Psychologie oder Statistik herumschlagen, ehe er sich in den letzten beiden Jahren seinem Hauptfach zuwenden kann. Angehende Mediziner machen in dieser Zeit das Äquivalent des Physikums, Jurainteressenten beginnen in ihrem Fach indes erst in der Law School.

Darum geht der Einwand, dass man nicht ganze Hochschulen vergleichen kann, an der amerikanischen Realität vorbei. Denn der undergraduate studiert "die ganze Uni" und eben nicht nur ein Fach. Wie gut die Universitäten in den einzelnen Fächern sind, wird in einem weiteren U. S. News-Ranking unter dem Titel The Best Graduate Schools ermittelt. Dort erfährt der angehende Ingenieur sehr genau, wo das beste Engineering Department angesiedelt ist, der Literaturfan findet die beste Literaturabteilung und der Filmfreak die besten film studies.

Eine nationale Verwaltung des Mangels etwa an Medizinstudienplätzen ist undenkbar. Jede Universität verwaltet ihren eigenen Mangel oder Überfluss durch strenge oder laxe Auslese. Der Aufnahme jeden Studiums, sei das in Harvard oder am Wiley College, Texas, geht eine recht umfangreiche Bewerbung (mit Schulzeugnissen, Referenzen, Essays und nationalen Eignungstests) voraus. Annahme oder Ablehnung sind Teil des Geschäfts.

Solange man in Deutschland indes den einzelnen Hochschulen die Auslese ihrer Studenten verweigert und es richtig und gerecht findet, dass jeder alles überall studieren möge, solange es keinen echten Wettbewerb unter Hochschulen um die besten und fähigsten Studenten gibt, so lange wird man bei uns auch Rankings nicht wirklich brauchen - und können sie auch nicht wirklich funktionieren.

 
  • Quelle
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Bildung | Bildungspolitik | Forschung
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service