Irgendwann wird sie es mit ihrer Mutter besprechen. Nicht sofort, nicht gleich morgen. Aber bald. "Ich spüre das kommen." Nun, da Katrin Ann Kunze ihre Geschichte selbst einem Fremden erzählt hat. Jetzt nach mehr als zwei Jahrzehnten.

Damals im Urlaub, sie war 16 Jahre alt, hatten die Eltern ihr gesagt: "Du bist anders als andere Mädchen." Eierstöcke habe sie keine, auch die Gebärmutter fehle, eigene Kinder werde sie niemals bekommen. Stattdessen hätten die Ärzte männliche Gonaden bei ihr gefunden.

Plötzlich machte alles einen Sinn. Die ständigen Sitzungen auf dem gynäkologischen Stuhl. Die Gespräche der Mutter mit dem Arzt, während Katrin vor der Tür warten musste. Die Sorge, warum alle Mädchen in der Klasse bereits ihre Regel hatten, nur sie selbst noch nicht. Gleichzeitig bekam Katrin von ihren Eltern eingeschärft, mit niemandem darüber zu sprechen, dass sie eine Frau sei, aber mit den Erbanlagen eines Mannes. Nicht mit ihren Geschwistern, die noch zu jung seien. Nicht mit den Verwandten, die damit nicht umgehen könnten. Nicht mit zukünftigen Partnern, die sie sonst vielleicht nicht mehr liebten. Und auch die Eltern selbst meiden bis heute das Gespräch.

Katrin Ann Kunze gehört zu einer Gruppe von Menschen, denen der kleine Unterschied zum größten Problem wurde. Zwitter nennt sie der Volksmund oder, gebildeter, Hermaphroditen, nach den Göttern Hermes und Aphrodite. In der Wissenschaft heißen sie Intersexuelle - ein Sammelbegriff für eine Vielzahl medizinischer Befunde, bei denen die äußeren oder inneren Geschlechtsteile bei der Geburt fehlen oder fehlgebildet sind. Bei schweren Fällen wissen die Geburtshelfer keine spontane Antwort auf die klassische erste Frage: "Junge oder Mädchen?" Anders als bei Transsexuellen, deren Gefühl, im falschen Körper zu leben, ursächlich schwer erklärbar ist, hat Intersexualität gut bekannte medizinische Ursachen (siehe Artikel-Link Intersexualität).

Etwa eines von 2000 Neugeborenen ist intersexuell. Das scheint wenig, doch insgesamt dürfte es 20 000 bis 30 000 Betroffene in Deutschland geben. Fast jeder ist bereits einem von ihnen begegnet - meist ohne es zu bemerken. Denn die Ärzte weisen den Kindern gleich nach der Geburt ein Geschlecht zu, bessern den scheinbaren Fehltritt der Natur mit Skalpell und Hormonen nach - und hoffen mit den Eltern, das Problem sei halbwegs behoben.

Die Patienten erfahren oft erst spät, was ihnen fehlt. Bis heute bedeckt ein Tabu das Thema, unter dem viele Betroffene zu ersticken drohen. Katrin Ann Kunze hielt sich lange an das Schweigegebot. "Ich habe die Sache ganz tief in mir vergraben und ständig daran vorbeigelebt", sagt sie. Für den Fall, dass andere Mädchen sie um einen Tampon bitten würden, hatte sie stets welche dabei. Ging es um Verhütung, sagte sie, dass sie die Pille nehme. Was nicht einmal gelogen war, hatten die Ärzte ihr doch nach Entfernung der Gonaden Hormonpillen verschrieben. Irgendwann aber begann das Geheimnis zu schmerzen. Ess- und Schlafstörungen wechselten sich ab, immer wieder überfielen sie Depressionen. Und tief in ihr quälte sie die Vorstellung, keine vollwertige Frau zu sein - eher "so eine Art Alien". Heute, nach mehreren Therapien, ist die nun 40-Jährige endlich eins mit sich und hat gelernt, darüber zu reden.

Sie ist nicht die Einzige. In den USA hat sich in den vergangenen Jahren eine Intersex-Bewegung formiert, deren Protest allmählich auch in Deutschland ein Echo findet. Betroffene haben Selbsthilfegruppen gebildet und die Anonymität verlassen. Sie werfen Ärzten schwere Therapiefehler vor, klagen über eine inhumane Medizin und fordern grundlegend veränderte Behandlungsmethoden, mehr Mitsprache für die Patienten und ein Ende der Geheimniskrämerei. Andere gehen noch weiter und behaupten, es gebe gar nichts zu behandeln. Nicht Intersexuelle seien krank, sondern die Gesellschaft, die sie für krank erkläre. Intersexualität ist für sie bloß eine Variante der Natur - und der Beweis, dass die übliche Zweiteilung in Mann und Frau nur ein kulturelles Konstrukt ist. Die amerikanische Genetikerin Anne Fausto-Sterling schlug in der August-Ausgabe der Zeitschrift The Sciences vor, die Kategorie "Geschlecht" in Pässen und Dokumenten ganz zu streichen.