Ein Leben lang hat die russische Lyrikerin Anna Achmatowa (1889 bis 1966) mit der Liebe gerungen und die Liebe besungen. Kein Thema, außer dem des Leidens an Russland, zieht sich so konstant durch ihre Verse wie das amouröse, freilich meist unter dem elegischen Zeichen von Trennung und Schmerz.

Liebeserfahren war Achmatowa allemal: Ehen verbanden sie mit dem Dichter Nikolaj Gumiljow, dem Orientalisten Wladimir Schilejko und dem Kunsthistoriker Nikolaj Punin, Affären und Freundschaften unter anderem mit Amedeo Modigliani (der sie in Paris vielfach porträtierte), mit dem Lyriker Nikolaj Nedobrowo, dem Maler Boris Anrep und in späten Jahren mit Isaiah Berlin, dem ominösen "Gast aus der Zukunft". Dass weder das Umschwärmtsein sie poetisch beflügelte noch das (stets fragile) Eheglück, beweisen gerade ihre Gedichte an Isaiah Berlin. Ausgelöst wurden sie durch eine einzige Begegnung - am 25. November 1945 - zwischen der 56-jährigen Lyrikerin und dem zwanzig Jahre jüngeren Stipendiaten (später Professor) der Universität Oxford. Achmatowa sah in diesem Treffen, das ihr zahlreiche Schwierigkeiten vonseiten des KGB eintrug, den schicksalsträchtigen Vorboten des Kalten Krieges, zugleich aber auch eine Koinzidenz von gleichsam kosmischer Strahlkraft und schöpfte daraus Stoff für ihre Verse. - Mit anderen Worten: Je fantasmatischer die Beziehung, desto besser eignete sie sich für eine (idealisierende) Literarisierung. So wie der Liebesverlust durch Leidensdruck das Schreiben beförderte.

Dennoch hat Joseph Brodsky recht, wenn er in seinem wunderbaren Essay Die klagende Muse bemerkt, Achmatowas Liebesgedichte sperrten sich gegen biografische und freudianische Betrachtungsweisen, da sie den konkreten Adressaten weit hinter sich ließen. "Das fast idiosynkratisch Beharrliche der frühen Liebesgedichte lässt weniger auf stete Wiederkehr von Leidenschaft schließen als auf häufiges Gebet. (...) Es ist die Sehnsucht des Endlichen nach dem Unendlichen, die dem rekurrenten Liebesmotiv in den Versen der Achmatowa zugrunde liegt, nicht die realen Liebschaften."

Tatsache ist, dass Achmatowas frühe Lyrik fast nur von Liebe handelt, auf eine zugleich diskrete und genaue Weise. Gefühl, Erzählung, Reflexion und Bekenntnis werden dabei in kurze Sätze, in strenge Metren und klare Reime gebannt. Statt Überschwang herrscht lakonisches Understatement, statt Pathos ein ruhiger Parlando-Ton. Wie in dem zauberhaften Gedicht Promenade (1913), das Alexander Nitzberg neu übersetzt und in seine Auswahl von hundert Liebesgedichten der Achmatowa aufgenommen hat:

"Die Feder streifte die Decke vom Wagen. / Ich sah ihm schüchtern ins Angesicht. / Und fühlte schneller das Herz mir schlagen / und wusste nicht, woran es bricht. / Der Abend drückte mit trüber Hitze unter dem grauen Wolkentuch, / Bois-de-Boulogne: eine Skizze, gemalt mit Tusche im alten Buch. / Die Luft war voll Benzin und Flieder, die Stille wartete gespannt. / Mein Knie berührte auf einmal wieder - beinah gelassen - seine Hand." So fein die Andeutung von Erotik, so diskret auch die Andeutung von Dissonanz: im Geruch von Benzin und Flieder. Achmatowa verlagert die innere Dramatik oft nach außen, in die Dingwelt. Das Sentiment - Eifersucht oder Verzweiflung - bricht sich nicht herrisch Bahn, erreicht höchstens den Tonfall von Klage und Selbstanklage.

Ganz anders bei Marina Zwetajewa (1892 bis 1941), der poetischen Schwester und Rivalin, deren Liebesgedichte (nachzulesen in der Auswahl von Ralph Dutli, Ammann Verlag 1997) Beschwörungen, Attacken, Schreien und Gestammel gleichen, voller Theatralik und Emphase, instrumentiert mit zahllosen Vergleichen und Satzzeichen. Wo Zwetajewa es bis zur emotionalen Weißglut bringt und sich in ein heftiges Fortissimo hineinsteigert, bleibt Achmatowa zurückhaltend, elegisch, abgeklärt und bisweilen ironisch, verpflichtet den weiblichen Rollenbildern der Muse, Nonne und Dienerin. Im Laufe der Jahre zeigt sie das intim-individuelle Drama mehr und mehr vor der Folie von Zeit und Geschichte, von kosmischen und metaphysischen Räumen. Die Gedichte an Isaiah Berlin stellen diesbezüglich den vergeistigten Höhepunkt ihrer Liebeslyrik dar.

Liebe? In den Versen der Achmatowa meint sie Sehnsucht und Schmerz, Weh und Leid, Verklärung und Reue. Von feuriger Passion ist kaum etwas zu spüren, sie entsprach nicht dem gemäßigten Temperament der Autorin. Und das Glück, ohnehin literaturuntauglich, verwöhnte sie nicht. Obwohl es ungerecht wäre, solche heiter-erwartungsfrohen Zeilen (ausgerechnet aus dem Revolutionsjahr 1917) zu unterschlagen: