Als Sir Arthur Conan Doyle auf dem Höhepunkt des Erfolgs stand, entschloss er sich zum Mord. Er hatte es satt, Detektivgeschichten über Sherlock Holmes zu schreiben. So trat dessen Gegenspieler auf den Plan, Professor Moriarty, der Napoleon des Verbrechens. Beim Showdown in den Alpen stürzten beide in den Abgrund. Der Fall wäre erledigt gewesen, hätten die Leser nicht laut protestiert und den Autor zur Wiedererweckung seines Helden gezwungen.

Für den Schurken hatte Conan Doyle ein lebendes Vorbild: Moriartys fiktive Karriere erinnert streckenweise an den - hoch angesehenen und kreuzbraven - amerikanischen Mathematiker und Astronomen Simon Newcomb. 1835 in Nova Scotia geboren, wuchs Newcomb zur wissenschaftlichen Autorität heran. Seine Berechnungen der Planetenbahnen galten als Standard, kleinste Abweichungen, etwa beim Merkur, ließen sich später nur durch Einsteins Relativitätstheorie erklären. Newcomb pries unermüdlich den Wert der wissenschaftlichen Methode

auch im politischen, ökonomischen und sozialen Alltag sah er Gesetzmäßigkeiten am Werk. Seine sonderbarste Entdeckung aber machte Newcomb in Logarithmentafeln.

Logarithmentafeln wurden früher für Kalkulationen aller Art benutzt. Nach Jahren des Gebrauchs waren sie entsprechend zerfleddert. Aber, wie Newcomb fand, keineswegs durch und durch: Die vorderen Seiten schienen schmutziger als die hinteren, als hätten sich die Benutzer bevorzugt für die niedrigen Zahlen interessiert. Newcomb, der die Welt für prinzipiell berechenbar hielt, zog daraus einen weit reichenden Schluss: Die Ziffer 1 am Beginn einer Zahl müsse häufiger vorkommen als die 2, die 2 wiederum häufiger als die 3 und so fort, am seltensten beginne eine Zahl mit einer 9. Das klang absurd. Warum sollte die Natur kleine Zahlen bevorzugen? Schließlich nutzen Ingenieure und Wissenschaftler alle erdenklichen Messgrößen. Aber Newcomb ging noch weiter, er stellte ein Gesetz auf: Die Wahrscheinlichkeit p(d), dass eine beliebige Zahl mit einer bestimmten Ziffer d beginne, sei exakt errechenbar (nach der Formel p(d) = log(1+1/d)). Mit einer Logarithmentafel oder einem Taschenrechner lässt sich einfach prüfen: Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendeine Zahl mit der Ziffer d = 1 beginnt, beträgt rund 0,3, was 30 Prozent entspricht. Die Ziffer 2 folgt mit 17, die 3 mit 12 Prozent, und die Ziffer 9 muss sich gar mit 4,5 Prozent begnügen.

1881 veröffentlichte Simon Newcomb seine Berechnungen im American Journal of Mathematics - und erntete Schweigen. Sei es, dass die Arbeit niemand las, sei es, dass niemand ihre Bedeutung erkannte, Newcombs merkwürdiges Gesetz geriet in Vergessenheit. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde es erneut entdeckt

der Physiker Frank Benford stolperte in den Diensten der General Electric Company ebenfalls über abgegriffene Logarithmen. Nach ihm heißt die Formel heute Benfords Gesetz. Benford ließ es nicht bei Logarithmen, er stürzte sich auf alles, was die Statistik hergab: Luftdruckmessungen, die Ergebnisse der amerikanischen Baseball-Liga, Atomgewichte, Bevölkerungszahlen, die Höhe der Stromrechnungen auf den Solomon Islands, Artikel aus dem Reader's Digest, insgesamt über 20 000 Einzelbeobachtungen, die alle dasselbe ergaben. Die 1 lag immer vorn.

Warum das so ist, leuchtet auf den ersten Blick nicht ein. Selbst für Statistiker ist Benfords Gesetz eine harte Nuss. So häufig es gilt, so häufig gilt es scheinbar auch wieder nicht. Der Preis aller Biermarken etwa, die im Supermarkt in der Dose angeboten werden, bewegt sich aus Konkurrenzgründen innerhalb einer bestimmten Spanne