Z E I T  U N D  G E L D Geschichte wiederholt sich

Lange galt die technische Aktienanalyse als Voodoo-Zauber. Das könnte sich ändern

Unter www.zeit.de/2000/41/charts finden Sie weitere Informationen über Chartanalyse

Kaiserbulle II beobachtet im Internet-Forum der Comdirect-Bank das Geschehen auf den Aktienmärkten: "Die Abwärtstrends bei Jungheinrich werden flacher. Wahrscheinlich ist das ein Fächer. Das bedeutet, dass die Party noch einige Zeit weitergeht. Kauft, Leute!" Was sich anhört wie Astrologie, ist Aktienanalyse. Charttechnik, genauer gesagt.

Charttechniker prognostizieren anhand grafischer Darstellungen des Kursverlaufs die künftige Kursentwicklung eines Wertpapiers. Kaiserbulle II ist nicht der einzige Charttechniker im Netz. Allein im Forum der Comdirect tauschen über 400 Online-Analysten die neuesten Kurveninterpretationen aus. Die Methode ist populär - und umstritten.

Jeder Trend braucht seine Gurus. Hans-Dieter Schulz ist einer von ihnen. Euro-Kurs, Neuer Markt, Inflationsraten - immer wenn es um Preise geht, zückt der Altmeister Bleistift und Papier. Schulz ist Ingenieur und schwört seit über 40 Jahren auf die bunten Charts. Schon als Student malte der heute 65-Jährige Kurven, damals noch zum Eigengebrauch. Doch inzwischen verkündet er seine Vorhersagen in der n-tv-Telebörse. "Das Verfahren ist einfach und zuverlässig", sagt Schulz, "und der Erfolg gibt mir Recht. Ich würde nie ein Papier anfassen, von dem ich keinen Chart habe." Charttechniker interessieren sich wenig für Bilanzen und Konjunkturdaten. Stattdessen fahnden sie im Kursverlauf nach Kaufsignalen. Zunächst werden Aktienkurse deshalb in grafische Darstellungen übertragen, aus denen die prozentuale Veränderung der Wertpapierpreise sichtbar wird. Dann suchen technische Analysten in diesen Bildern nach Mustern im Kurszyklus. Weil sich bestimmte Formationen regelmäßig wiederholen, lassen sich aus vergangenen Mustern zukünftige Kursbewegungen ableiten. Seit über 100 Jahren katalogisieren Chartisten solche Formationen. Verbindet man beispielsweise die Tiefpunkte eines Aktienkurses, so erhält man seine Unterstützungslinie. Nähert sich der Kurs dieser Linie, ist es wahrscheinlich, dass er von ihr abprallt und nicht weiter fällt. Glauben Chartisten.

Eine Studie belegt die Regelmäßigkeit im Kursverlauf

Unter Analysten und Kapitalmarktexperten haben Charttechniker einen schweren Stand. "Da wird einfach die Vergangenheit fortgeschrieben", sagt Christoph Bruns, Chefanalyst bei der Frankfurter Union Investment, "man sollte mit solchem Humbug die Anleger nicht verwirren." Die Zunft kann mit Widerstandslinien und Trendkanälen nicht viel anfangen. Aus verschiedenen Gründen: Fundamentalanalysten sind der Ansicht, dass allein fundamentale Daten wie Wachstumschancen oder Gewinnaussichten die Kursentwicklung eines Wertpapiers bestimmen. Und Vertreter der Theorie effizienter Märke wie der Princetoner Ökonom Burton Makiel glauben, dass Aussagen über das künftige Kursverhalten einer Aktie grundsätzlich unmöglich sind. "Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten hat die Chartanalyse den Status der Alchimie", meint Makiel.

Der Methodenstreit in der Finanzanalyse geht nun allerdings in eine neue Runde: In einer eben erschienenen Studie verteidigt Andrew Lo vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die technische Analyse. Lo untersuchte die Kursentwicklung US-amerikanischer Aktien von 1926 bis 1996 und kommt zu unerwarteten Ergebnissen: Manche der Muster, die von den Chartisten verwendet werden, kommen in den Zyklen überdurchschnittlich häufig vor. Der wissenschaftliche Ritterschlag für die Chartanalyse?

Noch nicht, sagen Experten. Zunächst liegen die Gründe für Regelmäßigkeiten im Kursverlauf bis heute im Dunkeln. "Wir wissen nicht genau, wie das funktioniert", sagt Martin Weber, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Mannheim, "mit Sicherheit spielt aber die Psychologie der Investoren eine wichtige Rolle." Wenn genügend Anleger aufgrund eines Verkaufssignals der Charts tatsächlich ihre Papiere abstoßen, tritt das vorhergesagte Ereignis ein: Die Kurse sinken. Eine andere Möglichkeit ist, dass Chartformationen das Risikoverhalten von Investoren abbilden: Wer mit einer Aktie bisher gute Erfahrungen gemacht hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter in den Wert investieren - unabhängig von den Fundamentaldaten. "Das ist wie beim Roulette", erläutert Weber, "wenn man dreimal mit einer Strategie gewonnen hat, spielt man sie auch noch ein viertes Mal." Auf diese Weise werden Trends zum Selbstläufer - und damit prognostizierbar.

Außerdem sind die Ergebnisse der MIT-Studie bis jetzt rein statistischer Natur. Zwar zeigt Lo, dass Chartformationen in einer gegebenen Zeitspanne mit einer bestimmten Häufigkeit vorkommen, doch der Zeitpunkt ihres Auftretens lässt sich, ähnlich wie beim Würfelspiel, nicht voraussagen. "Ob man mit der Chartanalyse tatsächlich Geld verdienen kann, ist noch nicht erforscht", erklärt Weber. Bei Kaufentscheidungen sollte man sich deshalb nie allein auf Kursbewegungen verlassen. Obwohl die Methoden der Aktienanalyse ständig verfeinert werden, lässt sich der Markt nicht vorherbestimmen. Garantie gibt es, auch an der Börse, keine - daran ändert auch die beste Kurventechnik nichts.

 
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