Er war Geschichtsstudent und als einer der ersten Menschen in den Genuss einer sensationellen Neuentdeckung gekommen: der Möglichkeit, die Vergangenheit zu besichtigen. "Ich habe mir das Jahr 2000 ausgesucht, weil ich die seltsamen Jahrzehnte vor und nach diesem Datum in meinen Vorlesungen nie verstanden habe." - "Aha", sagte ich nochmals und mühte mich um Fassung. "Erzählen Sie mir etwas über Ihre Zeit", bat ich aufgeregt. "Gern", antwortete er. "Aber lassen Sie uns woanders hingehen. Ich weiß jetzt, was unser Dozent für Kulturgeschichte mit seiner These meinte, dass ein ganzes Jahrhundert Beethoven nicht spielen konnte." Sein schönes Gesicht verzog sich, als litte er unter akutem Zahnschmerz. Also verließen wir eilig das Konzerthaus und setzten uns in ein Café.

"Ist das Ihre erste Reise in die Geschichte?", fragte ich ihn. "Meine erste und einzige, und heute ist mein letzter Tag", antwortete er. "Warum ausgerechnet unsere Zeit?", erkundigte ich mich, "Cäsar hätte Sie nicht interessiert?" - "Oh doch", sagte er. "Aber Cäsar konnte ich begreifen. Außerdem haben uns die Römer vieles hinterlassen: Torbögen, Brücken, Skulpturen, philosophische Thesen. Da konnte man sich ein Bild machen. Aus dem zwanzigsten Jahrhundert ist fast nichts übrig geblieben: kein Haus, keine Vase, keine Philosophie, dafür aber eindrucksvolle technische Erfindungen, die auch wir noch nutzen. Aber offenbar wisst ihr nichts damit anzufangen. Was ihr produziert, produziert ihr so, dass es schnell wieder zerfällt. In euren wirtschaftlichen Entscheidungen lasst ihr euch von Zufallsfolgen sinnloser Zahlen leiten wie die alten Griechen vom Orakel. Ihr baut uniforme, stupide Städte, die noch hässlicher sind, als ich sie mir nach Bildern vorgestellt hatte. Wussten Sie eigentlich, dass der düstere Koloss, den Ihre Regierung gerade als Kanzleramtssitz bauen lässt, später als Gefängnis genutzt wurde?" Ich war ganz schön sprachlos. "Und sieht er nicht ganz so aus, als habe der Architekt das von vornherein im Auge gehabt?", schob er unerbittlich nach.

"Wie sehen denn die Städte bei Ihnen aus?", unterbrach ich seinen wenig schmeichelhaften Redefluss. "Unsere Städte sind keine bombastischen Metropolen", antwortete er. "Viele Siedlungen bestimmen einen großen Raum. Ein Haus sieht natürlich anders aus als jedes andere, denn es wohnen ja in jedem Haus andere Menschen mit anderen Wünschen, Vorlieben und Eigenarten. Bevor ein Haus gebaut wird, setzen sich die Leute, die einziehen wollen, zusammen und entwerfen gemeinsam mit einem Architekten einen Bauplan." - "Ein individuell gestaltetes Haus, kann sich das denn jeder leisten?", fragte ich ungläubig. "Wieso leisten?", entgegnete er, "wir haben doch Zeit."

"Ich meine nicht zeitlich, ich meine finanziell", erläuterte ich. "Da seid ihr wieder mit eurer Irrationalität!", rief er brüsk. "Was ist denn Geld anderes als der Widerschein des mit bestimmtem Zeitaufwand Produzierbaren? Hohe Produktivität enthebt uns der leidigen Frage, entweder für wenige Leute wenige Dinge in guter Qualität oder für viele Leute viel normierten, naturunverträglichen Billigkram zu produzieren. Weshalb ihr das nicht begreifen wolltet, sondern fortfuhrt, die Welt zu vermüllen, auch als ihr längst in der Lage wart, Gutes und Edles in hinreichender Zahl zu erzeugen, das habe ich nie verstanden."

Er sah mich mit großen, fragenden Augen an. Aber ich war viel zu neugierig, etwas über seine Zeit zu erfahren, als dass ich Lust gehabt hätte, ihm unsere zu erklären. "Wie seid ihr politisch organisiert?", bohrte ich, "Wer trifft die gesellschaftlichen Entscheidungen?" - "Diejenigen, die sie betreffen. Alle kleineren Sachen werden vor Ort geregelt, kommunal. In Berlin gab es kürzlich eine größere Debatte, ob wir ein neues Werk für elektronische Gebrauchsgüter oder lieber ein schöneres Theater bauen. Ich gehörte zu den Theaterbefürwortern. In einer langen Diskussion wurde das Für und Wider erwogen. Beim Entscheid der Stadtbevölkerung hat unsere Position dann die Mehrheit gewonnen." Er lächelte zufrieden.

"Regelt ihr alles über Plebiszite?", wollte ich wissen. "Nein, das wäre doch zu umständlich", erklärte er. "Es gibt natürlich auf allen Ebenen auch gewählte Vertretungen." - "Und Parteien?", fragte ich. "So etwas Ähnliches", erläuterte er. "Für konkrete Programme und Projekte bilden sich Vereinigungen, die mit ihren Konzepten konkurrieren. Über Wahlen wird dann der mehrheitlich gewünschte Trend ermittelt." - "Also eine Art Parlamentarismus?" - "Wir nennen es so nicht. Die Menschen, die bei uns in den Kammern sitzen, bleiben dort maximal acht Jahre. Sie sind nicht das, was man bei Ihnen Berufspolitiker nennt, sondern normale Leute aus allen Berufen, in die sie dann auch zurückkehren. Auch die Vereinigungen verändern sich bei uns viel öfter: lösen sich auf, bilden sich neu. Neben den gewählten Kammern gibt es übrigens Räte der Alten und Weisen. In sie werden - auf Lebenszeit - angesehene Senioren gewählt: herausragende Wissenschaftler, Dichter, bedeutende Erfinder. Sie haben nur beratende Funktion, aber ihr Rat wiegt schwer."

Wir schwiegen. Ihm zu folgen fiel mir zwar leicht, aber er forderte mich ganz schön. Er nahm den Gesprächsfaden wieder auf: "Vor allem unterscheidet sich unser System von eurem dadurch, dass unsere Kammern tatsächliche Macht haben: Sie sind befugt, alle für ihren Kompetenzbereich relevanten Entscheidungen zu fällen." - "Also auch wirtschaftliche Entscheidungen?", hakte ich nach. - "Ja, sicher. Die Ergebnisse solcher Entscheidungen betreffen doch die Bevölkerung. Grundsatzfragen müssen überdies im Volksentscheid bestätigt werden. Ökonomische Detailfragen werden natürlich von den Beschäftigten in den Betrieben entschieden." - "Nach welchen Kriterien?", wollte ich wissen. - "Danach, was die Verbraucher haben wollen. Bei vielen langlebigen Gütern läuft es ähnlich wie bei den Häusern: Man bestellt nicht einfach irgendwelche produzierten Sachen, sondern gestaltet sie nach eigenen Wünschen, bevor sie produziert werden. Kein Betrieb hat deshalb mehr ein Interesse daran, den Leuten irgendwelche Moden aufzuschwatzen."