E R E I G N I S Boom des stillen Wassers

Vittel ist eine H2O-Enklave in den Vogesen. Und eine Wellness-Maschinerie

Was macht man in Vittel? Seit der Club Méd 1973 die komplette Belle-Époque-Architektur des Kurparks bezogen hat, macht man erstens Sport, zweitens Sport und drittens Sport. Als lustwandelnder, Ruhe suchender Reisender kann man in dem Vogesendorf dadurch zum Opfer einer schweißtreibenden Koinzidenz werden: Nach dem Treffen mit Monsieur Arnaud lief ich nichts ahnend durch das Grün hinter der Pferderennbahn. Alte, weiße Holztribünen, putzige Pavillons. Plötzlich schrie jemand: »Attention, Monsieur.« Fast hätte mich ein Militarypferd im Jagdgalopp mitgerissen, gleichzeitig zischte ein Golfball in greifbarer Nähe vorbei, und zwanzig Meter über mir setzte eine Cessna zur Landung an.

Vittel - der Name ist Programm. Und nichts passt besser zum noblen Club Méd als die von Marketing-Menschen zum Kult erklärten Insignien »Wellness und Wasser«. Im 19. Jahrhundert war Vittel noch ein nichts sagendes Kuhkaff irgendwo in den Vogesen. Ein Herr namens Louis Bouloumié (was ein wenig nach Bulimie klingt) hat Vittel 1854 nach erfolgreicher Quellenbohrung aus dem Nichts erschaffen. Dann kam Charles Garnier. Der Architekt, der auch die Pariser Oper gebaut hat, errichtete 1884 die erste Kurhalle. Es war eine Zeit, in der die Matronen im Ort noch mit Spitzenhäubchen einkaufen gingen. Und die Männer fünf Söhne zeugten. Die ersten Erholungssuchenden waren Industrielle aus Nancy und Offiziere, die sich in Kleinkriegen in Afrika Malaria und Syphilis zugezogen hatten.

Vergeblich versuchte Vittel, mit Biarritz und Vichy zu konkurrieren. Aber es war nie erste Wahl. Zumindest im Hinblick auf mondänes Flair. Kaum ein Theatermensch oder ein Schriftsteller verirrte sich hierher. Doch im Fin de Siècle sprach sich herum, dass die Sommertemperaturen Vittels Herz- und Kreislaufkranken zuträglich waren. Und dass die Grundstückspreise niedriger waren als anderswo. Heute ist Vittel en vogue. Nicht nur, weil man der Hotel- und Casinoarchitektur des bürgerlichen Zeitalters mehr Aufmerksamkeit schenkt. Auch deshalb, weil das stille Wasser boomt.

Stress macht blass und kalte Hände. Die Situation zwischen Cessna, Pferd und Golfball war stressig, ohne Zweifel. Also ab zur Therme. Eine dezent gepuderte Dame empfing mich in der Eingangshalle mit einem freundlichen »Bonjour«, einem weißen Bademantel und einem calendrier de soins. Auf dem Plan standen Uhrzeiten, Behandlungen und verschiedene Zahlencodes. »Das Personal wartet auf Sie«, sagte die Dame und zeigte dabei auf BFA, F130, DJA und F138. Konnte es sein, dass die Gesundheitsapostel keine Namen trugen? Ich zog mich um, nahm den Plan und machte mich auf die Suche nach BFA.

Ein wenig verloren lief ich durch ein futuristisches Ambiente. Auf verschiedenen Ebenen gab es Korridore, deren Wände aus hohen Holzschiebetüren bestanden und dem Ganzen schlichte Eleganz verliehen. Neugierig schob ich eine Tür einen Spalt auf und entdeckte einen ergrauten Mann, der mit feuerrotem Kopf in einem Blubberbad saß. Leise schob ich die Tür wieder zu und schlich davon. Auch andere Gäste schlichen durch die Gänge, alle in weißen Bademänteln; und für einen Augenblick wähnte ich mich in einer Art französischer Wellness-Sekte. Irgendwann entdeckte ich zwei Menschen hinter einem Computer. »Entschuldigung«, fragte ich, »sind Sie BFA, und können Sie mir sagen, wo ich die douche locale affusion bekomme?«

BFA, ein zierlicher junger Mann, brachte mich in eine Kammer. »Legen Sie sich mit dem Bauch auf die Matte«, befahl BFA und verschwand. Nach einigen Minuten fuhr eine Stahlkonstruktion über meinem Körper hin und her, eine dicke Düse spie Wasser auf die Haut. Sicherheitsabstand: 50 Zentimeter. Wie in einer Autowaschstraße. Konnte es im Sinne einer erfolgreichen Wellness-Behandlung sein, dass ich mir vorkam wie ein Golf GTI? Sollte gleich Hartwachs auf mich niederprasseln?

Das Motto lautet Abfertigung. Die Vittel-Werke bringen es auf täglich 4,6 Millionen Flaschen, die Therme schaffen 700 Menschen, zumindest in der Hochsaison. Für den Einzelnen heißt das: vite, vite, schnell, schnell. Blick auf den Behandlungsplan. Und weiter.

Eine Etage höher wartete ich auf die douche generale au jet longue. Neben mir saß eine junge Frau, die mir einen schüchternen Geteiltes-Leid-ist-halbes-Leid-Blick zuwarf. Ja, uns verband das gleiche Schicksal: die geheimnisvolle Technik hinter der nächsten Schiebetür auch nicht annähernd zu erahnen. Ist bei Wellness-Programmen eigentlich jemals ein Mensch ums Leben gekommen?

»Monsieur Niederrrrberrrgaus«, schnarzte DJA und führte mich in eine weiß gekachelte Kammer. Die Dame trug einen Kittel, kurze, wasserstoffblonde Haare und eine Art Nana-Mouskouri-Brille. Als Domina auf der Reeperbahn wäre sie keine Fehlbesetzung. »Hängen Sie den Bademantel hierher«, sagte DJA, »und stellen Sie sich mit dem Gesicht zur Wand.« Ausgeliefert starrte ich auf die Kacheln, während DJA mit drei Atü meinen Rücken abspritzte. »Maintenant tournez« - ohne Französisch wäre ich total verloren gewesen. Ich drehte mich um und stellte mich sicherheitshalber wie ein Abwehrspieler vor dem Freistoß in der Mauer mit nach unten verschränkten Armen auf. DJA ließ mit ihrem Gartenschlauch kaum ein Körperteil aus.

Eigentlich möchte man beim Wellness liebevoll, persönlich umsorgt werden. Man möchte sich, wie man so sagt, gehen lassen, denn im Grunde genommen führt dieses Vittelsche Warmwasserprogramm doch zu einer einzigen Regression - zurück ins Fruchtwasser. Hier aber musste man stark sein. Erst der Ruheraum brachte wirkliche Ruhe. Eingemummelt in Decken, blickte ich durch eine große Scheibe ins Freie. Wie gerne wäre ich morgens einem Hans Castorp begegnet, bei Kaffee und Croissant, denn eine Zauberberg-Stimmung ließ sich zuweilen nicht leugnen. Stattdessen glich der Frühstücksraum im Grand Hotel einer Krabbelkiste, mit Beißringen, Bauklötzen und kreischenden Kleinkindern.

Ich griff zu meinen Notizen und schrieb: Zu wenig Individualisten hier. Und der Wasserverbrauch für Wellness-Programme liegt in Vittel pro Person bei 1000 Litern (täglich). Aber Vittel ist schließlich eine H2O-Enklave. Die Therme ist eine einzige Düse, aus der es sprudelt und zischt. Und der moderne Wellness-Mensch steht davor. Oder liegt. Oder läuft. Oder schwimmt. Oder trinkt. Mach'gut, DJA! Avec plaisir.

Information

Anreise: Crossair fliegt täglich bis Basel. Von dort ist es mit dem Leihwagen noch eine Stunde

Preisbeispiele: Club Méd bietet in Vittel verschiedene Wellness- Programme an. Zum Beispiel »Fitness für junge Mütter« (6 Tage Gelenkigkeit und schlanke Linie nach der Entbindung, ab 717 Mark)

Ein gewöhnlicher Aufenthalt im Grand Hotel kostet ab 1108 Mark, im Hotel Eremitage (Golfklientel) ab 1421 Mark

Auskunft: In Reisebüros oder direkt bei: Club Méditerranée Deutschland GmbH, Emil-von-Behring-Straße 6, 60439 Frankfurt/Main. Tel. 069/95 88 38 01. Fax 95 88 38 05

Für Kinder: kostenlose Betreuung für Kinder ab 3 Monaten während der Behandlungszeiten. Animationsprogramme

 
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