Auf, trapp, trapp
Deutschland läuft. Wohin? Ins hohe Alter? Oder zum Orthopäden? Fünf Ratgeber für das schnelle Glück!
Lola rennt, Joschka läuft, Hera trabt mit Engelbert. Wer bloß geht, verpasst etwas. Der aufrechte Gang, natürliche Fortbewegungsweise des sapiens gewordenen Hominiden, reicht nicht mehr aus, um sich heute als Hochkulturwesen zu definieren. Wer richtig moderner Mensch sein will, schnürt sich gefedertes Schuhwerk an die Füße, drückt den Kopf leicht nach vorn und rennt los. Zu einer kompletten biografischen Deklaration gehört das Bekenntnis: "Ich laufe!"
Und damit sind nicht etwa freitags drei Kilometer gemeint. Oder samstags einmal Waldrand und zurück. Die Rede ist von täglichen Hochdosen Wellness.
Von durchgaloppierten Doppel- und Dreifachrunden um die Alster. Sogar vom geilen Gefühl, das sich einstellt, wenn man auf urbanem Asphalt jene Distanz abspult, deren erster Bezwinger noch tot zusammen gebrochen ist: 42,195 Kilometer. Denn sogar die "Paradedisziplin" der Läufer, der Marathon, ist heute längst nicht mehr ein Happening für Irre, sondern Breitensport mit großem Zulauf: Allein hierzulande überprüfen dieses Jahr bei 87 Marathonanlässen Normalsterbliche (und Außenminister) die Leistungsfähigkeit ihres Kreislaufs, ihres Bewegungsapparats und ihres Willens.
Deutschland läuft. Fragt sich nur, wie schnell wohin. In Richtung gesundes Alter? Oder schnurstracks zum Chiropraktiker, zum Orthopäden, ins Grab? Seit Laufen von der Modewelle zur Tsunami geworden ist, scheiden sich die Geister wieder vehement. Die Kritiker aus der Churchill-Fraktion ("No sports!")
schwören auf Lesen, Whisky und Zigarre zur Erlangung eines körperlich-seelischen Optimalzustands und motzen über die Luftverschmutzung, wenn eine schwitzende Horde an ihnen vorbeihechelt. Die Läufer dagegen räsonnieren über das Runner's High, das Hochgefühl, das sich einstellt, wenn die körpereigenen Drogen (Endorphine) das Gehirn erweichen. Sie feiern das Ausbleiben des Pfeifens beim Treppensteigen. Sie verweisen auf die Stärkung der Muskeln und damit des Bewegungsapparats. Sie freuen sich über den gesenkten Cholesterinspiegel, die bessere Verdauung, und mancher preist die Wiederherstellung seines Rückens infolge der Massage, die er bei jedem Laufschritt den Bandscheiben gönnt, jenen 23 gallertartigen Puffern zwischen den Rückenwirbeln. Wer sich nicht mit schlechten Schuhen oder übertriebenen Trainingsdosen Gelenke und Gesundheit ruiniert, kann sich an einer ganzen Reihe positiver Effekte erfreuen: von der Volumenzunahme in Herz und Lunge bis zur erhöhten Infektabwehr und größerer Festigkeit der Knochen.
Die neuen Laufbücher sind Bibeln für Gläubige
Das Massenglück der Läufer zieht natürlich Verleger an, die das Zelebrieren dieser Sportart befördern möchten. Sie beliefern den Buchhandel mit Bibeln.
- Datum 05.10.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2000
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