Das Zentralorgan des Ostens
Kein Blatt tut mehr für die deutsche Einheit: Die "SuperIllu" führt die Ostler ins neue Land
Jochen Wolff kommt aus Bayern und ist groß und stark. Manchmal ist er auch ein richtiger Ossi - dann, wenn er ins Jammern gerät darüber, dass die Bilder "grundfalsch" sind, die im Westen von seiner SuperIllu existieren, dass ihn kaum jemand ernst nimmt in der Medienbranche. In solchen Momenten ist Chefredakteur Wolff seinen Lesern wirklich nah. Das Image der krawalligen Busenpostille, als die sie vor zehn Jahren gegründet wurde, klebt zäh an der SuperIllu. Das ärgert Wolff. Er will anerkannt sein. Wie eine Trophäe steht in seinem Büro ein handsigniertes Porträt von Roman Herzog. Im Missionarston spricht Wolff davon, was für ein seriöses Magazin er und seine 40 Redakteure heute machen und dass die SuperIllu - anders als alle Konkurrenten - seit sechs Jahren Auflage gewinnt.
Es könnte Wolff egal sein, was der Westen über ihn denkt. Im Osten ist er der Größte. Keine Zeitschrift wird von mehr Menschen gelesen als seine. Bei Promis und Politikern stehen ihm alle Türen offen. Die Marke SuperIllu ist bekannt wie Coca-Cola. Aber so ist das eben im Jahr 10 der deutschen Einheit: Wer in Dresden ein Held ist, wird in Hamburg bestenfalls belächelt, in der Regel ignoriert. Wolff geht es wie den meisten Ost-Stars. Von ihm will niemand etwas wissen, während die Chefs von Bild, stern und Bunte Prominente sind.
Jochen Wolff, 51, ist ein Magazinprofi. Nach der Münchner Journalistenschule ging er zur Quick, stieg schnell zum stellvertretenden Chefredakteur auf.
Kurz vor deren Ende wechselte er zur Neuen Welt und hockte in Düsseldorf, als in Berlin die Mauer fiel. Dort startete der Burda-Verlag am 23. August 1990, sechs Wochen vor der Wiedervereinigung, die SuperIllu. 1991 stieß Wolff dazu.
Das waren die Zeiten, als die SuperIllu 900 000fach gekauft wurde und die Schlagzeilen Kriegen Ostfrauen häufiger einen Orgasmus? lauteten oder Honeckers Leibwächter packt aus: Pornos, Frauen und Intrigen. Zwei Jahre später halbierte sich die Auflage plötzlich. Statt vor SED und Stasi hatten die Ostdeutschen nun Angst vor Mieterhöhungen und Kurzarbeit null. Und immer mehr Leserinnen klagten, sie fühlten sich von den Nacktfotos unter Druck gesetzt.
Irgendwann hatte die SuperIllu dann mal die Ostberliner Schlagertante Helga "Henne" Hahnemann auf dem Titel. Prompt stieg die Auflage um zwölf Prozent.
Und Jürgen Wolff begann, die Namen der DDR-Schauspieler und -Musiker zu lernen. Von Dagmar Frederic ließ er sich erklären, wie das gewesen ist damals, als man mit einem VW Golf zu den Superreichen gehörte und ein "Komitee für Unterhaltungskunst" bestimmte. Nach einigem Zögern öffneten die DDR-Stars, die alle kurz nach Honecker in der Mottenkiste verschwunden waren, Wolffs Klatschreportern ihre Herzen - zum beiderseitigen Vorteil. Sie wurden wieder prominent, und die Auflage der SuperIllu stieg. Und Jochen Wolff sagt seitdem: "Roland Kaiser singt auch nicht besser als Wolfgang Ziegler!" Seine ostdeutschen Mitarbeiter brachten Wolff bei, dass Naschi und Nudossi die DDR-Pendants zu Nutella waren und das gebräuchliche Geschirrspülmittel Fit hieß. So wurde die SuperIllu zur Heimatzeitung der neuen Bundesländer - zopfig und keusch, blanken Busen zeigt nur noch das Girl der Woche auf der drittletzten Seite.
Auf fast 620 000 Exemplare ist die Auflage mittlerweile wieder gestiegen. Das Zentralorgan des Ostens liegt dort in jedem zweiten Haushalt. Es hat im Osten doppelt so viele Leser wie Bild der Frau und viermal so viele wie der Spiegel. Der stern setzt von seiner Millionenauflage nur 30 000 Hefte im SuperIllu-Land ab. Im Gegenzug liefert Wolffs Blatt nach Nordrhein-Westfalen, wo genauso viele Leute leben wie in den neuen Ländern, gerade 14 000 Stück - vor allem wohl an Exil-Ostler. Wolff sagt, er trete den Ostdeutschen mit "Respekt, Liebe und Verständnis" gegenüber. Obwohl er es nicht so meint, klingt das mit seinem bayerischen Dialekt und der tiefen Stimme ein wenig gönnerhaft. Jeden Donnerstag neu versuche er, sagt Wolff, "ein Heft auf Augenhöhe der Leser zu machen". Weil die sich noch als zweitklassige Deutsche fühlen, muss man das wohl so verstehen, dass ein Westdeutscher, um auf Augenhöhe zu kommen, sich ein bisschen herablassen muss. Aber Wolff ist ja kein Wessi mehr, sein Bayerisch hat Berliner Färbung. Der SuperIllu-Slogan lautet "Eine von uns", und Jochen Wolff ist für die Leser längst einer von ihnen. Als das Blatt vor ein paar Wochen den zehnten Geburtstag feierte, überschütteten sie den Chefredakteur mit Gratulationskarten, mit holprigen Gedichten, rührenden Filzstiftzeichnungen und Collagen. Anneliese S. aus Naumburg wünschte: "Dem gesamten Kollektiv alles Gute! Macht weiter so!"
Bernd G. aus Berlin pinselte unter ein Trabi-Logo: "Durch Sie wird das Erhaltenswerte der DDR erhalten. Und das finde ich gut."
Jochen Wolffs Frisur erinnert an die siebziger Jahre und sieht ein bisschen aus wie die alte von Franz Müntefering. So wie der SPD-Generalsekretär seine Partei will Wolff die ostdeutsche Gesellschaft erneuern: mit Nestwärme. Bis heute heißt es in den Artikeln "Kaufhalle" statt "Supermarkt". Über den Beschwerdebriefen an das Ressort SuperIllu kämpft für Sie steht häufig - wie früher - "Eingabe". So wie die Ostler sich entwickeln, so ändert sich die SuperIllu. Die erste Ausgabe stellte eine Bustour nach Italien für 490 Mark vor, heute führen Leserreisen nach Singapur und Bali. Vor zehn Jahren warnte das Blatt vor Tricks beim Gebrauchtwagenkauf, heute werden Mittelklasseautos getestet. Im Ratgeberteil gibt es seit kurzem Börsentipps, und unter super-illu.de bekommen die Leser "Ihr Zuhause im Internet" - die Homepage wurde schnell zu einer der meistgenutzten Ostdeutschlands.
Die SuperIllu sitzt im einstigen Hochhaus der DDR-Nachrichtenagentur ADN. An der Glastür zu Wolffs Büro pappt ein Aufkleber von Hansa Rostock. Dem Gast wird ostdeutsches Mineralwasser, Marke Spreequell, serviert. Wolff weiß, was seine Leser wollen. "Die harten Kontraste dieser Gesellschaft können wir denen nicht zumuten." Zu viel Kriminalität im Blatt verschrecke sie, das Luxusleben der Reichen interessiere nicht. Das am schlechtesten verkaufte Heft des ersten Quartals hatte Prügel-Prinz Ernst-August und eine Scientology-Aussteigerin auf dem Titel - 585 000 Exemplare. Quartalssieger mit 640 000 waren Angela Merkel und die ostdeutsche Volksmusikprinzessin Stefanie Hertel.
Schon früh gab es Doppelseiten über Alltagsrassismus
Also schreibt die SuperIllu über die großen und kleinen Helden des Ostens.
Über Wolfgang Lippert (Mein neues Leben ohne Kirsten) und Annekathrin Bürger (Die Wahrheit über den Tod meines Mannes). Über einen ehemaligen Piloten der DDR-Gesellschaft Interflug, der jetzt eine Chartermaschine steuert und einen Kidnapper überwältigte (Das Drama über den Wolken). Und über Ost-Jugendliche, die zur Lehre in den Westen gingen (Zwischen Heimweh und Hoffnung auf eine gute Zukunft). Dazwischen findet sich auch ein Plätzchen für Günter Pfitzmann und Alex aus dem Big Brother-Container.
Kein Blatt tut mehr für die deutsche Einheit als die SuperIllu. Schritt für Schritt führt sie die Ostler ins neue Land. "Unsere Botschaft ist die Demokratie, die Marktwirtschaft, das Leben in dieser Gesellschaft", sagt Wolff. In Dutzenden Variationen druckt er So-habe-ich's-geschafft-Geschichten. "Ich will den Leuten zeigen, dass man in diesem Land erfolgreich sein kann." Wolff stellt Firmen vor, die es geschafft haben (Warum nicht mal so rum? Pfiffige Sachsen schlucken Westmarke). Er schreibt einen Preis aus für Existenzgründerinnen und berichtet über die Kandidatinnen (Wie die Merkel: Wir haben uns durchgeboxt). Er druckt Fotos von Leipziger Gründerzeithäusern 1990 und heute (Vom Verfall zu neuem Glanz).
Schwierige Umbrüche stellt er als Herausforderungen dar (Wahnsinn! 80 % der Ostdeutschen haben seit der Wende den Beruf gewechselt). Das kann man als Heile-Welt-Geschreibe abtun. Wolff nennt es "Mut machen".
Jede Woche vollführt die SuperIllu eine Gratwanderung. Einerseits beschreibt sie mitleidig, wie Egon Krenz seine letzten Stunden in Freiheit verlebt.
Anderseits gräbt Chefreporter Gerald Praschl, auch ein Bayer, zwei ehemalige politische Häftlinge der DDR aus, lässt sie im Stasi-Knast fotografieren und breitet auf einer Doppelseite aus: Guck mal, Krenz, so saßen wir! Keine besonders intellektuelle Aufarbeitung des Sozialismus - aber kann man das einem Boulevardblatt vorwerfen? Die SuperIllu schwankt zwischen sachter Ächtung und nostalgischem Rückblick auf die DDR, und nicht immer gelingt ihr die Grenzziehung zwischen politischem System und privatem Nischenleben.
Wirft man ihm das vor, wird Jochen Wolff sauer. Er rennt in seinem Büro auf und ab. Mein Gott, schimpft er, und der rote Schnauzbart bebt, über Dopingvorwürfe gegen die DDR-Schwimmerin und ZDF-Journalistin Kristin Otto berichte man nicht, weil das "olle Kamellen" seien. Und zum Donnerwetter, langsam sei es Zeit, Menschen nicht nach irgendwelchen alten Geschichten zu beurteilen, sondern danach, was sie seit der Wende geleistet haben. Genau das wollen - so ermittelten es Demoskopen im Auftrag der SuperIllu - 61 Prozent der Ostdeutschen.
Ansonsten ist das Blatt verblüffend politisch. Lange bevor Rechtsextremismus zum Modethema wurde, erschienen Doppelseiten über den Alltagsrassismus (So ausländerfeindlich ist Frankfurt/O.). Die SuperIllu erläutert, was der Bundesrat ist (und Wolff meint, das könne auch in Rosenheim manchem nicht schaden). Sie erklärt dem verwunderten Ostler die Hintergründe des CDU-Spendenskandals. Regelmäßig geben Spitzenpolitiker große Interviews - nirgendwo können sie die breite Öffentlichkeit in den neuen Ländern besser erreichen.
Eines Freitags muss Jochen Wolff entscheiden, ob Nina Hagen und Harald Schmidt groß auf den Titel sollen. Er grübelt gemeinsam mit Sabrina Stechel, Wolffs Vize und bis 1990 ADN-Journalistin. Was wohl besser ankomme? Ost-Idol Hagen oder West-Star Schmidt? Die Mutter, die um ihren entführten Sohn kämpft? Oder der Spötter, über dessen ätzende Ossi-Witze sich ständig Leser beschweren? Harald Schmidt gewinnt. Im Exklusiv-Interview bekennt er, "eigentlich" ein "Fan der Ossis" zu sein und "richtig gern" Soli-Zuschlag zu zahlen. Den Ostlern rät Schmidt: "Hört auf, euch ständig für alles zu entschuldigen und euch selbst so klein zu machen!" Ja, das gefällt Jochen Wolff.
- Datum 05.10.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2000
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