Das Zentralorgan des OstensSeite 3/3

Kein Blatt tut mehr für die deutsche Einheit als die SuperIllu. Schritt für Schritt führt sie die Ostler ins neue Land. "Unsere Botschaft ist die Demokratie, die Marktwirtschaft, das Leben in dieser Gesellschaft", sagt Wolff. In Dutzenden Variationen druckt er So-habe-ich's-geschafft-Geschichten. "Ich will den Leuten zeigen, dass man in diesem Land erfolgreich sein kann." Wolff stellt Firmen vor, die es geschafft haben (Warum nicht mal so rum? Pfiffige Sachsen schlucken Westmarke). Er schreibt einen Preis aus für Existenzgründerinnen und berichtet über die Kandidatinnen (Wie die Merkel: Wir haben uns durchgeboxt). Er druckt Fotos von Leipziger Gründerzeithäusern 1990 und heute (Vom Verfall zu neuem Glanz).

Schwierige Umbrüche stellt er als Herausforderungen dar (Wahnsinn! 80 % der Ostdeutschen haben seit der Wende den Beruf gewechselt). Das kann man als Heile-Welt-Geschreibe abtun. Wolff nennt es "Mut machen".

Anzeige

Jede Woche vollführt die SuperIllu eine Gratwanderung. Einerseits beschreibt sie mitleidig, wie Egon Krenz seine letzten Stunden in Freiheit verlebt.

Anderseits gräbt Chefreporter Gerald Praschl, auch ein Bayer, zwei ehemalige politische Häftlinge der DDR aus, lässt sie im Stasi-Knast fotografieren und breitet auf einer Doppelseite aus: Guck mal, Krenz, so saßen wir! Keine besonders intellektuelle Aufarbeitung des Sozialismus - aber kann man das einem Boulevardblatt vorwerfen? Die SuperIllu schwankt zwischen sachter Ächtung und nostalgischem Rückblick auf die DDR, und nicht immer gelingt ihr die Grenzziehung zwischen politischem System und privatem Nischenleben.

Wirft man ihm das vor, wird Jochen Wolff sauer. Er rennt in seinem Büro auf und ab. Mein Gott, schimpft er, und der rote Schnauzbart bebt, über Dopingvorwürfe gegen die DDR-Schwimmerin und ZDF-Journalistin Kristin Otto berichte man nicht, weil das "olle Kamellen" seien. Und zum Donnerwetter, langsam sei es Zeit, Menschen nicht nach irgendwelchen alten Geschichten zu beurteilen, sondern danach, was sie seit der Wende geleistet haben. Genau das wollen - so ermittelten es Demoskopen im Auftrag der SuperIllu - 61 Prozent der Ostdeutschen.

Ansonsten ist das Blatt verblüffend politisch. Lange bevor Rechtsextremismus zum Modethema wurde, erschienen Doppelseiten über den Alltagsrassismus (So ausländerfeindlich ist Frankfurt/O.). Die SuperIllu erläutert, was der Bundesrat ist (und Wolff meint, das könne auch in Rosenheim manchem nicht schaden). Sie erklärt dem verwunderten Ostler die Hintergründe des CDU-Spendenskandals. Regelmäßig geben Spitzenpolitiker große Interviews - nirgendwo können sie die breite Öffentlichkeit in den neuen Ländern besser erreichen.

Eines Freitags muss Jochen Wolff entscheiden, ob Nina Hagen und Harald Schmidt groß auf den Titel sollen. Er grübelt gemeinsam mit Sabrina Stechel, Wolffs Vize und bis 1990 ADN-Journalistin. Was wohl besser ankomme? Ost-Idol Hagen oder West-Star Schmidt? Die Mutter, die um ihren entführten Sohn kämpft? Oder der Spötter, über dessen ätzende Ossi-Witze sich ständig Leser beschweren? Harald Schmidt gewinnt. Im Exklusiv-Interview bekennt er, "eigentlich" ein "Fan der Ossis" zu sein und "richtig gern" Soli-Zuschlag zu zahlen. Den Ostlern rät Schmidt: "Hört auf, euch ständig für alles zu entschuldigen und euch selbst so klein zu machen!" Ja, das gefällt Jochen Wolff.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service