Literatur Ingeborg Bachmann
Ihre Gedichte aus dem Nachlass sind das Dokument einer Liebes- und Lebenskrise
Unveröffentlichte Gedichte von Ingeborg Bachmann! Das tönt nach einer Sensation, aber ist eher ein Skandal, jedenfalls ein elender Etikettenschwindel. Denn in diesem Band findet sich kein einziges abgeschlossenes, geschweige denn ein geglücktes Gedicht und schon gar nicht eines, das Ingeborg Bachmann je zur Publikation freigegeben hat. Was wir vor uns haben, ist ein Konvolut aus Gestammel und Geheul, aus Hilfe- und Racherufen, Wahn- und Todesfantasien, kurz: der ungereinigte Lebensschlamm, der zwar von jeher den Urgrund der Poesie bildet, aus dem Ingeborg Bachmann sich aber in den Jahren 1962 bis 1964 - also im unmittelbaren Banne ihrer schlimmsten Lebenskatastrophe, die mit dem Ende ihrer Beziehung zu Max Frisch über sie hereingebrochen war - nie so weit lösen konnte, dass sie dabei zu jener Distanz gefunden hätte, ohne welch e die Arbeit am Gedicht nicht glücken kann. Im Abgrund des Unglücks schreibt man so wenig ein Gedicht wie auf dem Gipfel des Glücks.
Zu besichtigen ist hier also nur ein enormes Elends- und Erregungspotenzial als Material für Gedichte, die Ingeborg Bachmann später freilich nie geschrieben hat noch schreiben wollte. Hat man vergessen, dass sie in den sechziger Jahren immer wieder ihr Unbehagen an der Gattung der Lyrik und insbesondere der eigenen Lyrikproduktion artikulierte und 1968 mit der Publikation von vier letzten Gedichten in jenem berühmt-berüchtigten Kursbuch, das den Tod der Literatur ausrief, demonstrativ von der Lyrikbühne abtrat? "Aufhören ist eine Stärke, nicht eine Schwäche", so kommentierte sie noch 1971 ihren Willen zur Lyrikabstinenz.
"Letzte, unveröffentlichte Gedichte" von Ingeborg Bachmann verhieß schon 1998 einmal ein von Hans Höller herausgegebener Suhrkamp-Band. Bereits er erwies sich als ziemliches Schwindelunternehmen, enthielt er doch neben den bereits aus dem Kursbuch bekannten Gedichten lediglich vier "weitgehend unbekannte Gedichte" ("Weitgehend jungfräulich", spottete damals Joachim Kaiser), die sich jetzt auch im vorliegenden Bachmann-Band wiederfinden und deutlich nur Entwurfscharakter haben (für die meisten der übrigen jetzt präsentierten "Gedichte" wäre schon der Begriff Entwurf ein Euphemismus). Hans Höller rechtfertigte damals seine Publikation als Versuch, "die Problemkonstante des Schaffens an den von der Autorin nie zur Veröffentlichung freigegebenen Texten zu verdeutlichen und sie nicht einfach nach dem Grad ihres ästhetischen Gelungenseins zu bewerten". Dass das gelungene Gedicht sich aber nur dem mühseligen Akt der Befreiung von ebendieser Problemkonstante verdankt, verdeutlichte der Höller-Band verdienstvollerweise auch, indem er die diversen von Ingeborg Bachmann verworfenen Fassungen zu ihren vier Kursbuch-Gedichten abdruckte. Zumal die 14 (!) Entwürfe zum Gedicht Keine Delikatessen belegen eindrucksvoll, wie der Text mehr und mehr vom auslösenden Affekt gereinigt und das private Drama zum objektiv gültigen Kunstwerk geläutert wird.
Solche Metamorphosen beschert uns der vorliegende Band nirgendwo, ja, es wird Ingeborg Bachmann da noch nicht einmal das Geschenk der ersten Zeile zuteil, ohne das kein Gedicht in Gang kommen kann. Die ungeheure Verengung der Welt auf die eigene Qual, in der sich Ingeborg Bachmann uns vollkommen schutzlos darbietet als ausgeraubt zerfetzt ausgepeitscht vergiftet aufgespießt gesteinigt gekreuzigt gehäutet ausgeweidet erdrosselt gesotten erwürgt verbrannt - und endlos und maßlos so weiter (sogar den Vergleich mit den Vergasten vermag sie nicht zu unterdrücken), diese Verengung ist zugleich auch eine des sprachlichen Ausdrucks. "Ich habe keine Worte mehr, / nur Kröten ...", so beginnt eines dieser Notate, die zumeist Klinikaufenthalten entstammen, bei denen menschlicher Beistand an Medikamente delegiert war.
Das Unglück bleibt ihr über den Tod hinaus treu
Da den im Zustand des totalen Außersichseins herausgeschleuderten Worten und Sätzen der poetische Mehrwert versagt bleibt, werden wir Leser zwangsläufig in die erbärmliche Rolle von Voyeuren des Unglücks dieser Frau gedrängt, zumal etliche Gedichttitel - etwa Zürichsee oder Tessiner Greuel - explizit Stationen jenes Dramas markieren, das Ingeborg Bachmann mit Max Frisch durchlitt, und darüber hinaus einzelne vom Hass diktierte Zeilen - etwa: "Der schreibt kein Wort mehr in se in Blutbuch" - allzu aufdringlich daran erinnern, dass Ingeborg Bachmann sich geradezu viviseziert empfand in Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein und mehr noch in jenem seiner Tagebücher, das wir nie werden lesen können, weil sie es näml ich seinem Versteck entrissen und verbrannt hat (in Max Frischs Montauk kann man darüber nachlesen). Bei solch unfreiwillig voyeuristischer Lektüre wird schließlich alles nur noch zum lebensgeschichtlichen Aha-Beweis: Aha, sie hat wirklich abgetrieben, aha, sie hat sich Jungs von der Straße geholt, aha, sie versuchte aus dem Fenster zu springen.
Ingeborg Bachmann blieb das Unglück treu, noch über ihren schrecklichen Tod hinaus. Für gewöhnlich kommt posthumes Künstlerunglück in der Gestalt der Künstlerwitwe daher, seltener in der des Künstlerinnenwitwers (auch den gibt es, man denke nur an das, was Ted Hughes mit Sylvia Plath' Tagebüchern angestellt hat). Bei Ingeborg Bachmann, die weder einen Witwer noch Kinder hinterließ, wirkt das Unglück in der Form der Familie, sprich: ihren beiden Geschwistern, an die ihr Nachlass fiel. Man kennt seit Karl Kraus die Doppelbedeutung des Wortes Familienbande. Während Ingeborg Bachmanns Bruder Heinz als weltgewandter Ölmanager aber meist diskret im Hintergrund bleibt, hat die Schwester Isolde Moser im Kärntner Gailtal sich des Werks Ingeborg Bachmanns voll bemächtigt und spielt sich als dessen Hüter auf.
Es ist dieselbe Isolde Moser, die jahrelang unter Berufung auf den Persönlichkeitsschutz jede ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Werk behinderte (als Autor eines Ingeborg-Bachmann-Films weiß ich, wovon ich rede) und 1983 allen Ernstes verfügte, dass in den großen Bachmann-Bildband des Piper-Verlags kein Foto von Max Frisch aufgenommen werden durfte, die dann aber 1991 die unsäglich pubertären Briefe an Felician, die Ingeborg Bachmann als 19-Jähriger unterlaufen waren, an die Öffentlichkeit zerrte und die jetzt mit der Herausgabe dieses Bandes ebenjenen Voyeurismus bedient, vor dem sie ihre Schwester angeblich stets bewahren wollte. Nein, in ihr verbirgt sich wahrlich kein Max Brod, der das Wohl der Menschheit, der ohne ihn Kafkas Werk fehlen würde, höher bewertete als den letzten Willen des Dichterfreundes, hier ist lediglich eine Wichtigtuerin am Werk, die wohl nur ein einziges Motiv umtreibt: Rachsucht. Nochmals Rache an Max Frisch, der in der Familie immer schon als Bachmann-Mörder gebrandmarkt wurde - als ob ein einziger Mensch Ursache einer solchen Verwundung zum Tode sein könnte! -, Rache aber vielleicht auch an der Schwester selbst und der Kunstüberlegenheit, mit der sie ihre großen Gedichte - Erklär mir Liebe, An die Sonne, Exil - ebenjenem Lebensschlamm abtrotzte, in den Isolde Moser sie jetzt mit dieser Publikation zurückstößt.
Dass der Piper-Verlag das üble Spiel mitmacht, verwundert nicht. Wer eilfertig Norman Finkelsteins Holocaust-Industrie auf den deutschen Buchmarkt werfen will, will auch die Bachmann-Industrie gewinnbringend in Gang halten.
Ingeborg Bachmann: Ich weiß keine bessere Welt
Unveröffentlichte Gedichte
Piper Verlag, München 2000
195 S., 38,- DM
(Erscheint am 10. Oktober)
- Datum 24.08.2008 - 16:27 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 41/2000
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