Theater Zirkus heißt jetzt Globus
Kleinkunst und Gesamtkunstwerk: Robert Lepage bei den neuen Berliner "Theaterwelten"
Die Globalisierung geht auch an der Kleinkunst nicht vorüber. Robert Lepage, den frankokanadischen Darsteller, Entertainer, Regisseur, Stückeschreiber (alle diese Funktionen verschmelzen bei ihm), darf man, bei allem Respekt, einen Kleinkünstler nennen, freilich einen, der zum Weltstar wurde und nun mit Interkontinentaljets alle großen Bühnen der Erde ansteuert, um seine intime Kunst auf fünf Kontinenten mit gleichem Erfolg darzubieten.
Die Bretter bedeuten da längst nicht mehr nur die Welt, sondern schon das All. Als die Erde noch eine Scheibe war, nannte man das Zirkus. Heute müsste man es wohl Globus nennen.
The far side of the moon (Die verborgene Seite des Mondes), seine jüngste Produktion, hat Lepage nun beim neuen Schauspielschwerpunkt der Berliner Festwochen - sie tragen den behäbig makrokosmischen Titel Theaterwelten - mit großem Erfolg gezeigt. Das Publikum ließ sich über 150 Minuten von einer idiotischen Handlung - bestenfalls allegorischem Nippes - und überwiegend seichten Pointen fesseln und spendete anschließend frenetischen Applaus, dem vereinzelte Buhs das gewisse Extra gaben. Sonderbarerweise war dieser Beifall vollkommen verdient. Denn mit der Idiotie seiner Rahmenhandlung und der erschütternden Fadheit seiner Einfälle hat dieser große Virtuose nur jene Erschwerung der Bedingungen hergestellt, die seine eigentlichen Kunstmittel erst in vollem Glanz erstrahlen lassen. Es war, als würde man mit einer Blockflöte eine Symphonie aufführen.
Ebenso bezwingend komisch wie nervtötend
The far side of the moon handelt von zwei Brüdern, einem 42-jährigen Studenten und einem etwas jüngeren Wetteransager des Fernsehens - einem Versager und einem schwulen Außenseiter. Der Student promoviert über den russisch-amerikanischen Wettlauf zum Mond, was dem Abend nicht nur das global-kosmologische Ambiente verschafft, sondern ihm auch einige Originaldokumente von den heroischen Jahren der Raumfahrt in den Fünfzigern und Sechzigern einträgt. Für den neurotischen Studenten ist der Drang zum Mond nicht Ausdruck wissenschaftlicher Neugier, sondern narzisstischer Eitelkeit. Diese "These" will er gleich zu Beginn "verteidigen". Aber alles an diesem Abend stürzt von Anfang an ins Private ab, und kein Funkspruch aus dem Sputnik vermag Lepages Kleingesamtkunstwerk noch aus der Murkelzone des Psychischen auf die Höhen allgemeinerer Bedeutung zu hieven. Wenn das Stück beginnt, ist die Mutter der beiden Brüder gerade gestorben, und natürlich schwimmen einige faulige Brocken konventioneller Psychoanalyse in dem Konstrukt Lepages - die Astronauten mit ihren Versorgungsschnüren schweben wie Neugeborene ins All, nachdem sie aus der Luke einer Raumkapsel gekrochen sind.
Dieser ganze ödipal-kosmische Schamott vermag nun rätselhafterweise nichts gegen die situative Komik der einzelnen Nummern, mit denen Lepage sein Set füllt. Lepage, der beide Brüder abwechselnd spielt und nur für Momente in die Kleider der Mutter schlüpft oder Nebenrollen mit fremdem Akzent in den Raum stellt, gibt zweimal den unglücklichen dicken Loser, den "Eingeölten und Vernölten" (Max Goldt), der sein Defizit an Attraktivität und Charme mit einer ausladenden und masochistischen Beredsamkeit ausgleicht - ebenso bezwingend komisch wie nervtötend. Diese Beredsamkeit entwickelt tatsächlich jene "Magie", die die Kritik mit diesem etwas verlebten Ausdruck seit langem an Lepage bejubelt. Seine nölige und leicht tuntenhafte Redseligkeit zeigt nämlich weltschöpfende Kraft. Was Pantomimiker mit ihrem Körper leisten, das schafft Lepage mit Tonfällen, Pausen, Tempowechseln, also stimmlichen Mitteln, deren Gewalt weit über den wörtlichen Inhalt des Gesagten hinausgeht. Für ein Home-Video, das ins All geschickt werden soll, um den Außerirdischen unser Leben zu zeigen, veranstaltet einer der beiden Brüder eine Führung durch seine Wohnung. Kein Requisit stellt sie vor uns hin, nur die quengelige Stimme Lepages entwirft die durchschnittliche Schreckenskammer unserer Lebensform. Am virtuosesten ist Lepage als Monologiker mit dem Telefon. Gespräche, von denen man nur die eine Hälfte hört, werden zur Tonspur der Einsamkeit, die jeden Moment in glibbriges Nähebedürfnis umkippen kann.
Die spacige Bedeutungskulisse des Rahmens verschafft Lepage sein bestes Requisit: ein Bullauge, das mal Raumschiffluke, mal Waschmaschinenauge, mal Mond, mal Goldfischglas, mal Flugzeugfenster, am Ende gar Mutterschoß werden kann. Immer geht es um ein Kippen zwischen irdisch und kosmisch, privat und allegorisch, zwischen Seele und Physik. Das Problem ist freilich, dass sich im Verlauf der überlangen Vorstellung die Mechanik der Konstruktion immer mehr in den Vordergrund schiebt - in dem Maße, in dem sich das Staunen über Lepages schauspielerische Virtuosität beruhigt. Vielleicht ist der Abend eine halbe Stunde zu lang. Am Ende liegt Lepage unter einem riesigen gekippten Spiegel und scheint in sanft gummihaft gleitenden Bewegungen durch die Schwerelosigkeit zu schweben. Der Illusionseffekt ist bezaubernd, der gestische Doppelsinn von Astronaut und Fötus schmerzt mit Trivialität.
- Datum 05.10.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 41/2000
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