O N L I N E - S H O P P I N G Und der Hunger tat www.

Online-Shopping mit leerem Magen - ein Selbstversuch

Schnarchsäcke kann ich nicht leiden. Am wenigsten, wenn sie auf Rolltreppen im Weg stehen oder an Expresskassen im Kleingeld wühlen. Wochenmärkte mit ihrem bunten Frischobst und den appetitlich arrangierten Kohlstapeln entzücken mich nicht, solange die Preisabsprachen der Standinhaber selbst Mineralölkonzerne vor Neid erblassen lassen. Auch der Erfahrung, vor einer versperrten Supermarkttür zu stehen, vermag ich rein gar nichts abzugewinnen. Kurz: Das gewöhnliche Einkaufserlebnis ist mir schnurz. Oder anders gesagt: Ich bin der ideale Online-Shopper.

Online-Shopping ist bequem und macht Spaß. Es war ein Freitagmittag. Das Wochenende stand vor der Tür. Der Kühlschrank war leer, der Bauch auch. Draußen kroch nasskalter Herbst durch die Gassen. Jetzt vor die Tür treten, um schlecht gelaunten Leuten zu begegnen? Der Fall war klar: Kiste an, rein ins Web, einkaufen gehen.

Internet-Kaufmann Walter liefert nur nach Forchheim

Edeka. Online. Viel Blau, viel Gelb und die Information, dass es 5360 Edeka-Kaufleute in Deutschland gibt. Davon sind zirka 5358 ohne Internet-Auftritt. Schnarchsäcke. Mein Pech: Online-Kaufmann Walter in 91347 Aufseß beliefert ausschließlich Forchheim und Umgebung. Und sein Kollege in 27367 Sottrum fährt nur bis hart an die Bremer Landesgrenze. Keinen Meter weiter! Leider knurrte mein Magen in Bremen-Mitte. Tja, Edeka. Und tschüs!

Lieber "Prima leben und sparen"? Plus.de informiert - über Jobbörse und Immobilien. Tengelmann informiert zusätzlich über Fun und Umwelt, Aldi über seine Firmenphilosophie. Nach zwei Stunden Online-Shopping und intensiver Befragung mehrerer Suchmaschinen und Internet-Einkaufshelfer wie shop.de ergab sich folgendes Bild: Online-Shopping ist anderswo. Jedenfalls nicht in Bremen. Einkauf24.de trägt in Hamburg und München die Tüten ins Haus, bringshop.de nur in Hamburg, Billa beliefert Wien. Netconsum.de bringt 4000 Lebensmittel an sieben Tagen die Woche - nach Köln. Direktkauf.de ist pleite. In Stuttgart gibt es einen Frühstücksdienst. Sollte jemand Biofutter für Haustiere und Pferde brauchen, ist er bei zebo.de auch bundesweit bestens aufgehoben. Der hungrige Bremer aber, der www. hungrig.de eingibt, erfährt: "Der Dienst Hungrig ist seit dem 1.8.2000 geschlossen. Wir planen jedoch eine neue Präsentation. Schauen Sie bei Gelegenheit wieder vorbei!"

Es wurde Abend. Der Hunger tat www. Das sollte doch möglich sein: eine Pizza online zu bestellen! Na? Zwei Treffer! Unter www. fast2foot.de (witzig!) erfuhr ich: "Unser Service startet endgültig am 1.8.2000." Also vor gut zwei Monaten (sehr witzig!). Ebenso lustig ging es bei pizza-express.net zu. Man kann dort aus zahllosen Zutaten eine unglaublich individuelle Pizza kreieren, preiswert, Anfahrt kostet nichts, prima Sache. Ich schickte meine Bestellung los - und wartete eine halbe Stunde lang auf die versprochene Bestätigung. Vergeblich. (Die schlauen Pizzaleute hatten aber irgendwo eine Hotline-Nummer angegeben. Kohldampf macht auch knallharte Onliner weich - ich rief an und gab den Auftrag durch. 45 Minuten später klingelte es an der Tür. Falls es jemanden interessiert: Die Pizza schmeckte genau so, wie man sich eine Online-Pizza vorstellt).

Halten wir fest: Online einkaufen ist bequem und macht Spaß - vorausgesetzt, man ist satt und hat viel Zeit. Betrachten wir Karstadt. Im Web nennt sich Karstadt my-world, zwölf Karstadt-Filialen beliefern ihre Kundschaft, Karstadt Bremen ist nicht dabei. "Schade", sagt my-world dem, der aus Bremen kommt, und verweist aufs Berliner Kaufhaus des Westens. Das KaDeWe, "Deutschlands Gourmet-Tempel Nr.1", liefere bundesweit. Echt wahr.

Ich war satt. Ich hatte Zeit. Ich wollte es wissen. Ein paar Klicks, und schon lagen eine Aprikosenkonfitüre mit Birne und Walnüssen, eine Dose Espresso und ein Döschen Fasanenpastete in meinem "Warenkorb". Wert der Gourmet-Lieferung: 26,94 Mark, dazu 10 Mark Versandkosten - da muss man durch! Natürlich kriegten die meine Kreditkartennummer, in dieser Frage sind wir Onliner ganz cool. Klick: Die Bestellung war unterwegs. Wo ich schon einmal dabei war (in der Old Economy hätte man von Kaufrausch gesprochen): Ein Kollege hatte mir erzählt, dass man bei der Drogeriekette Schlecker Essbares bestellen kann. Schlecker.de führte mich zu "Schlecker Home Shopping" und vorbei am GesundheitsShop, BabyShop und TierShop zu den Lebensmitteln. Unter "Lebensmitteln" versteht Schlecker Nutella, Kartoffelchips, Gummibärchen und Dosencola. Ach so. Nicht leicht, da auf den Bestellwert von 30 Mark zu kommen, von dem ab die Lieferung portofrei ist. Und ab mit der Bestellung.

Beim Bio-Online-Shop ("erster Naturkost Online-Shop mit Frische-Logistik") habe ich bald darauf noch für 24,06 Mark zuzüglich 9,90 Versandkosten ein Eckchen "Ur-Emmentaler", Müsli, Tortellini grün und Vollkornspaghetti geordert. Und beim Otto Versand eine Pulle Merlot, eine Zahnbürste, acht Rollen Klopapier, sechs Flaschen Mineralwasser und ein Liter H-Milch (gemein: auch hier wird wieder Hamburg bevorzugt - es darf bei Otto Frischkost bestellen. Otto: find' ich schlecht). Schließlich führte mich www.bergkaese.de auf eine Alm bei Untermaiselstein im Oberallgäu, wo ich ein Kilo Bergkäse (3 Monate gereift, 19,95 Mark plus eine Mark für die Vakuumverpackung) anklickte. Dann kam das Warten.

Aber wo war denn nun die Fasanenpastete?

Freitag bestellt - Mittwoch schon da. Prima! Der Mann von der Post wuchtete ein großes Paket über die Schwelle. Darin etwa ein Kubikmeter zerknülltes Papier, Lieferschein vom KaDeWe sowie ein winziges Gläschen Konfitüre und die Kaffeedose. Fasanenpastete fehlte. In kluger Voraussicht hatte ich ein Zimmer meiner Wohnung schon einmal als Zwischenlager für Verpackungsmüll deklariert.

Doch wo war die Fasanenpastete? Über E-Mail kann man sich niemanden so richtig vorknöpfen. Darum griff ich ausnahmsweise noch einmal zum Telefon. Die Karstadt-my-world-KaDeWe-Hotline-Dame verband mich mit dem Service (Wartemusik: I had a little love); der verband mich mit Karstadt Bremen (What shall we do with the drunken sailor?). In Bremen große Aufregung: "Zwar liefern wir theoretisch aus, wenn wir von KaDeWe den Auftrag kriegen. Aber Fasanenpastete haben wir gar nicht!" Ob ich ein Karstadt-Auto vorfahren gesehen hätte? Zurück bei my-world (Empty words we both are saying) notierte man meinen Namen und die Telefonnummer. 45 Minuten saß ich neben dem Telefon. Dann klingelte es: "Fasanenpastete ist nicht mehr lieferbar" (I need some love).

Schlecker war wirklich flott. Schon wenige Stunden nach meiner Bestellung erreichte mich eine E-Mail: die Wochen-News! "Schlecker versorgt Sie mit den nötigen Leckereien: Jakobs Kaffee für aromatische DM 6,49, Kaba für schokoladige DM 2,49. Tierische Angebote zur Welttierwoche!" Das, was ich bestellt hatte, trudelte vier Tage später ein. Der Mann vom Paketdienst holte mich dafür aus dem Bett. Das Wetgel war vergriffen. Dafür gab es zum Trost Lebkuchenherzen, einen Kugelschreiber mit Reklame für gelben Strom und ein Döschen mit einem "Svit Komplett-Tuch und einem Svit Schutz-Beutel", vom dem ich bis heute nicht weiß, was man damit anfangen kann. Aber gratis!

Merke: Online-Shopping dauert. Meine schnellsten Lieferanten lieferten am dritten Tag. Otto kassierte vier Mark Samstagszuschlag und bereicherte meine Altpapiersammlung um etwa eine Tonne Pappschnipsel. Ökokäse und Tortellini von Bio-Online waren auch ein paar Tage auf Achse, erreichten mich aber dank komplexer Kühllogistik in alter Frische. Nur dem www.bergkaese war offenbar erst der Hangabtrieb dazwischen gekommen und dann das Wochenende.

In diesen Online-Tagen unterlag ich noch so manchen Verlockungen. Bestellte eine CD-ROM bei book.de, Faxpapier bei buerozeug.de und einen Akku fürs Handy bei primustronix.de (sie schickten einen kaputten, den schickte ich zurück, seitdem nichts mehr gehört). Bei bettdesign.de orderte ich ein Schweizer Designerbett. Das war zehn Prozent billiger als im Fachgeschäft um die Ecke und fünf Wochen schneller da. Doch irgendwann, als ich die Suche längst aufgegeben hatte, fand ich auch noch ihn - meinen Online-Kaufmann!

Unter easyeinkauf.de hatte ich eine Landkarte entdeckt, auf der ich Bremen und dann mein Viertel anklicken konnte. Und da stellte sich heraus, dass mein Rewe-Filialist um die Ecke einen Online-Shop hat! 500 Produkte einschließlich Brot, Käse und Frischfleisch. Bis 14 Uhr bestellt, am selben Tag geliefert. Mindestbestellwert 50 Mark, Preise wie im Laden. Unfassbar! Vier Stunden nach meiner Bestellung keuchte ein graues Männlein meine Treppe hoch. Wuchtete einen Karton auf den Tisch. Weintrauben, Mortadella, Buchweizenmehl, Ökobasilikum, Frischmilch, eine Bild-Zeitung... der komplette Wochenendeinkauf. Ich bezahlte, gab ihm Trinkgeld, er nahm Leergut mit. Toll!

Als ich einem guten Freund von meiner Entdeckung berichtete, lachte er spöttisch und meinte, in seinem Dorf sei das schon immer so gewesen, dass der Kaufmann die Ware an die Haustüre liefere. Als ich nachhakte, musste er allerdings zugeben, dass diese Bestellungen keineswegs übers Internet laufen. Mein Freund - festhalten! - ruft den Kaufmann an! Mit dem Telefon! Über Amt! Ein Hotline-Shopper! Der Arme!

 
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