K I N O Aufwachen!
Tom Tykwer hat sein Kino wieder entschleunigt. "Der Krieger und die Kaiserin" widmet sich in aller Ruhe dem Wunder der Liebe
Ein Brief geht auf Reisen. Was muss das für ein Brief sein, wenn sich die Kamera extra in den Briefkasten hockt, um dem Brief in Zeitlupe beim Hineinfallen zuzusehen? Sie begleitet ihn sogar durch die Sortierstationen, beobachtet dann den Briefträger beim Austragen, bis am Zielort, in der Psychiatrischen Anstalt Birkenhof in Wuppertal, jemand "Sissi" ruft und eine junge Frau aufmerkt. Jetzt ist der Brief bei der Empfängerin und der Film bei seiner Heldin angekommen.
Aber der Postweg dient nicht nur der Annäherung an eine Hauptfigur, er ist schon eine flüchtige Fahrt durchs ganze Tom-Tykwer-Kino, in dem es immer wieder geschieht, dass eine Kleinigkeit zum entscheidenden Auslöser einer großen Veränderung und das Beiläufige zum Schicksalsschweren aufgedonnert wird, dass am Ende einer ordentlichen Kettenreaktion eine außerordentliche Spannung entsteht, dass etwas eingepackt durchs Leben huscht und darauf wartet, endlich ausgepackt und verstanden zu werden. Hier ist es erst ein Brief, dann ist es ein Mensch, dann noch einer. Und was im Brief steht - eigentlich unbedeutend. Es stupst nur die Heldin zu einer bestimmten Besorgung an, dabei begegnet sie dem Helden, dann muss man nur noch abwarten. Aber was heißt schon nur noch. Das Abwarten steht geradezu im Mittelpunkt von Tom Tykwers neuem Film Der Krieger und die Kaiserin. Bei manchen Menschen dauert es eben eine Weile, bis sie aus ihrem Umschlag, ihrer luft- und liebesdichten Verpackung herausfinden, wieder die Augen aufschlagen und neu im Leben stehen. Diese Weile hat sich Tykwer Zeit genommen, da hält er drauf, geduldig und energisch, und nachdem seine Helden aufgeschnürt sind, geht's nicht los, sondern ist es vorbei, und es sind ja auch schon mehr als zwei Stunden Kino vergangen.
Zu wissen, es ist Zufall; zu fühlen, es ist Schicksal
Der Krieger und die Kaiserin ist ein langsamer Film. Das hat sicherlich auch ein wenig mit Lola rennt zu tun, Tom Tykwers weltweitem Erfolgsmodell, dem überaus schnellen und darin eigentlich ganz untypischen Tykwer-Film. In Lola rennt gab es zwei Liebende, die waren aufgeschlossen, in action, und mussten ihre Liebe nur verteidigen, geistesgegenwärtig. In Tykwers zwei früheren Filmen musste der Geist die Gegenwart erst finden, mussten die Herzen erst ans Licht gerissen werden - das galt für Die tödliche Maria (und ihren verhuschten Geliebten) ebenso wie für die Winterschläfer, die auch noch den passenden Namen trugen. Kein Tykwer-Film kommt dabei ohne eine Kreisfahrt der Kamera um wenigstens eine der Hauptfiguren aus. Das wirkt leicht manieristisch und ist doch wesentlich. Denn Tykwer schraubt sich an seine Figuren immer näher heran, er rückt ihnen auf den Pelz - bis sie endlich ihren Pelz verlassen. Von diesem inneren Kampf, den er mit äußeren Anstößen versorgt, kann er nicht genug bekommen. Und das Soghafte von Frank Griebes Kamera in Tom Tykwers Filmen, die nie einfach nur zeigt, sondern oft beschwört und bedrängt, jedenfalls mit Nachdruck in die Szene hineinfährt, rührt vermutlich von dieser zentralen Obsession her: Menschen im Winterschlaf ihres Lebens zu beobachten und sie umsichtig, wenngleich mit Schockeffekten, daraus aufzuwecken.
Die Schockeffekte, das sind einschneidende Ereignisse, vor denen Menschen in die Knie gehen und als andere wieder aufstehen. Ein solches Ereignis geschieht immer aus Zufall, aber sobald es sich ereignet hat, sieht es aus wie Schicksal. Das ist der stereoskopische Blick von Tom Tykwers Erweckungsgeschichten, und der steckt auch in der Errettungsgeschichte Lola rennt: zu wissen, es ist Zufall; zu fühlen, es ist Schicksal. Aus beiden Eindrücken entsteht erst das ganze Bild. Wer bemerkt, dass das Schicksal nur aus Zufall zugeschlagen hat, der lernt es doppelt zu schätzen.
Der Weg zur Erweckung ist zwingend und mysteriös zugleich, das gilt ganz besonders für denKriegerund dieKaiserin, die der Film schon parallel und damit zusammen sieht, als sie noch gar nichts voneinander wissen. Sissi (Franka Potente) ist Pflegerin in der geschlossenen Psychiatrie, aber sie könnte genauso gut eine Patientin sein, so gedämpft und traumverloren lebt sie auf ihrer Station dahin. Bodo (Benno Fürmann) versucht sich gerade als Sargträger, und auch er scheint seinen Schutzbefohlenen näher, als ihm lieb sein sollte. Zwei heruntergedimmte Existenzen, denen ein Schock fürs Leben fehlt. Dann fährt zum richtigen falschen Zeitpunkt ein schwerer Lkw durch Wuppertal. Bodo, mal wieder kleinkriminell und auf der Flucht, hängt sich hinten ran, der Fahrer wird abgelenkt und übersieht, vorne auf der Straße, Sissi. Es kracht. Unter dem Laster kommt es zur rettenden Begegnung. Sissi röchelt, Bodo robbt heran und nimmt, jetzt geistesgegenwärtig, einen Luftröhrenschnitt vor. Sissi atmet wieder.
Wer war der Mann, das fragt sich Sissi auch noch nach zwei Monaten Krankenhaus. Sie sucht und findet ihn, er weist sie rüde ab, sie insistiert, rührend, er bleibt ungerührt. In ihr gärt die Liebe, zum ersten Mal, er hat schon geliebt und will nicht noch mal. Es braucht einen zweiten Schock fürs Leben, mindestens, bis auch Bodo wieder frei atmen kann. Auf dem Weg dahin wird eine Bank ausgeraubt, es kommt sein Bruder um, und die Psychiatrie wird erst zum Versteck, dann zum Sprungbrett.
Der Krieger und die Kaiserin ist vollgesogen von Dringlichkeit, vibriert vor existenzieller Anspannung, selbst in Szenen, in denen es beileibe nicht ums Ganze geht. Tom Tykwer erzählt vom Wunder der Liebe, ohne die Liebe selbst zu zeigen. Er verzichtet darauf zugunsten des Wunders, das sie bedeutet. Es sinkt als geheime Macht in seine Helden ein wie der Nachdruck in die Bilder. Man muss daran glauben, man muss es spüren, sonst ist alles in Gefahr, nicht zuletzt der Film. Tykwer pokert hoch. Er hat nur eine schlichte Geschichte, den vielen Schlenkern zum Trotz. Bodo und Sissi müssen sich finden, das ist ihre einzige Chance; sie zu ergreifen, darin liegt schon das größtmögliche Glück, denn im Leben wird es keine wichtigere Entscheidung mehr geben. Man kann trivial finden, wovor Tom Tykwer sich Ehrfurcht erbittet, wofür er Geduld fordert. Man kann ihm genauso gut folgen und durch das Triviale hindurch tatsächlich etwas Wunderbares sehen, über das sich in Ruhe staunen lässt, immer wieder einmal. Vieles hilft dabei, zum Beispiel Franka Potente, die ihrem schmerzhaft schönen Durchbruch mit einer ganz besonderen Mischung aus Furcht und Entschlossenheit entgegengeht. Nachts vor Bodos Tür im Regen, verzweifelnd an dessen Sturheit, reichen ihr ein paar schlichte Sätze ("Das geht so nicht. Ich geh nicht weg.") für einen Tigersprung aus der Geschichte direkt ins Herz des Zuschauers. Natürlich hat sie das auch Tom Tykwer zu verdanken, der nicht nur hochfliegend inszenieren kann, sondern mitunter auf wahrhaftige Wortwechsel achtet wie kein anderer deutscher Regisseur.
Tykwer ist in Wuppertal aufgewachsen, und nach allem, was man weiß, hat er dort für längere Zeit selbst ein traumwandlerisch unerwecktes Leben geführt, im Kino zwischen Früh, Spät- und Nachtvorstellungen. Noch immer scheint die Dankbarkeit in ihm nachzuhallen über das eigene Glück beim Weg aus dem Dunkel heraus, und in Der Krieger und die Kaiserin scheint sich das niederzuschlagen in einem etwas zu ausdauernd verklärenden Blick, der schließlich fast den gesamten Film mit einer Art Trance überzieht. Man bewundert den Regisseur für seine magischen Fähigkeiten, hätte aber am Ende lieber auf ein wenig Nachhall verzichtet. Jetzt jedenfalls, nach Wuppertal revisited, sollte es zügig neuen Ufern entgegengehen. Geht es auch. Tykwer hat gerade in Italien die Dreharbeiten zu seinem ersten englischsprachigen Film beendet. Heaven basiert auf einem Drehbuch aus dem Nachlass von Krzysztof Kieslowski. Und worum geht es? Um eine schicksalshafte Begegnung zwischen einer Attentäterin und einem Polizisten einschließlich einer himmlischen Erweckung. So sieht Tom Tykwer vom neuen Ufer erst einmal ans alte zurück.
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