L I T E R A T U R Der Beischläfer der Göttin

Warum den Sommer vertun? Eine Reise in das Italien des Dichters Cesare Pavese

Seine letzte Liebe war eine amerikanische Schauspielerin, es gibt ein Foto von ihr, sie ist wunderschön, sie liebten sich Ende der vierziger Jahre, damals, jeder kennt solche Bilder, fotografierte man Filmstars wie Göttinnnen. Und Pavese liebte sie, er schlief mit ihr; er schlief mit einer Göttin, mehr bedarf es nicht für ein Leben, wie der Dichter nach seiner Liebeslektion sagte. Was sollte er da noch hier? Solche Frauen sind ja Todesengel, auch wenn sie aussehn wie das reine Leben. Im März 49 notiert er, im Anschluss an Nächte: "Unglaubliche Sanftheit von ihr, Worte der Hoffnung. Darling, Lächeln, lang wiederholte Freude, mit ihr zusammen zu sein ... Und doch ist sie - schrecklich ..."

Das Foto hängt in Paveses Geburtshaus, im piemontesischen San Stefano Belbo, ich hätte es leicht mitnehmen können, es hängt oben; unten, im Saal, saß ein Mann und half einem kleinen Mädchen bei den Schularbeiten, sonst war niemand im Haus, man zahlt auch nichts. Gleich neben dem Bild, oder darunter, darüber, ich habe das vergessen, hängt ein Foto Paveses, als ob es derselbe Fotograf gemacht hätte; er also, der Beischläfer dieser Göttin, ganz anders als sonst, bei ihm kann man ja vergleichen: ganz als ob er ein andrer wäre, der ihn nun bloß spielte.

Ein wunderbar aussehender Mann, keine Frage. Und dazu noch, was damals alle wussten, die Frauen, die sich in ihn verliebten, die Männer, die gern seine Freunde gewesen wären: er schrieb in rascher Folge, durch diese Jahre hin, so ruhige, schwermütig schöne Romane, wie kein Mensch sie, und nicht bloß in Italien, wie in ganz Europa sie kein Mensch nach diesem Krieg, nach diesen barbarischen Zeiten erwartet und wie doch jeder sie wohl erhofft hatte in jener Tiefe des Herzens, die immer fürchtet und hofft, wenn wir zu lesen anfangen. Keiner wusste richtig, wer er noch sein konnte in dieser plötzlich erkalteten Welt oder wer er sein durfte oder was mit der Liebe wäre, mit dem Glück: in diesen kleinen Romanen fand man sich wieder, wie entdeckt von einem verständnisvollen Freund, einem klugen Liebhaber.

Auch heute noch liest sich das so, nichts ist veraltet: möglich, dass es kein Glück gibt, aber es gibt diesen Romancier, der die begreift, denen das Glück entgeht. Das ist ja gar nicht so häufig, dass ein Schriftsteller, ein Romanschreiber seine mitlebenden Leser so trifft, wie allein sie zu sein glauben in ihren lausigen Zeiten, und sie doch, wie wir Späteren jetzt sehen, so getroffen hat, wie wir noch ihnen fast traumhaft genau ähneln, wenn wir uns plötzlich wieder erkennen in dem Spiegel seiner Bücher.

Und ein wunderbar aussehender Mann nun eben auch noch. Draußen, unter Bäumen, eine Bronzebüste, ihn darstellend. Auf allen Fotos, von früh an, trägt er eine Brille, ich kenne nur ein einziges, auf dem er keine trägt, und da putzt er sie gerade; sonst trägt er sie immer, in Wäldern, in Liegestühlen; allein die schöne Göttin vielleicht hat ihn anders erblickt. Sonst nach hinten gekämmte dunkle Haare, ein breiter herrlicher Mund mit fleischigen festen Lippen, schon in mittlerem Alter gehn die Mundwinkel leicht nach unten, an ihnen steigt gleich eine ausgeprägte, tiefe Falte an der Nase hoch; und dann diese Nase, nach vorn springend, kraftvoll, ebenso kühn wie skeptisch.

Und darüber eben die Brille. Tatsächlich sind ja Brillen ein wirkliches Problem für Porträtisten in Bronze (in Marmor sind sie, glaube ich, ganz unmöglich). Entweder kann der Bildhauer versuchen, gewissermaßen die Idee des Kopfes, den er da vor sich hat, zu modellieren; und Ideen haben keine Brillen. Oder er versucht, den Kopf so zu machen, dass jeder, der ihn sieht und der den Kopf sonst kennt, so wenig daran vermisst, dass er also denkt, die Brille sei dran (Lichtenberg hat ja einmal von Leuten geredet, die aussehen, als hätten sie einen Buckel); auch das geht ja irgendwie in Richtung Idee, vielleicht ist beides überhaupt dasselbe.

In Paveses Fall, und man kann ihn verstehen, hat der Bildhauer sich dafür entschieden, die Brille mitzumodellieren, das heißt, sie ist jetzt an Paveses Bronzekopf dran. Und zwar ist sie fest dran, jedenfalls, als ich daran zog und versuchte, sie ihm abzunehmen, ging das nicht. Man hat das Gefühl, dass da irgendetwas, fast möchte man sagen: eine Idee zu weit getrieben ist; aber dann ist es wohl doch nur der Tod, der dazwischengekommen ist. Das ist er: diese Versteinerung, wenn nicht einmal mehr an der Brille zu rütteln ist.

Oben das Foto also: als ob er ein anderer wäre, dieses sehr sonderbare Gefühl. Ich hatte, ehe ich hinreiste in diese Gegend, aus der er kommt, in dieses piemontesische Kaff, in dem er geboren ist, seine Sachen gelesen, auch dieses merkwürdige, gar nicht zur Publikation geschriebene Tagebuch (ich glaube, er hat sich dazu gezwungen, ein Tagebuch zu schreiben, und war im Grund überhaupt nicht der Typ dafür; ich verstehe ihn; manchmal, wenn man sie liebt mit einem Mal, sind ja Autoren fast man selbst; verwirrende Dinge), ich habe daraus schon zitiert, über die Liebe, die letzte; in den Romanen taucht die Liebe so gut wie immer nur auf wie gesehen von einem, der nichts von ihr kennt als die ersten Minuten danach, im Tagebuch heißt es, sogar noch während dieser letzten Liebe: "Jedesmal, wenn ich besessen habe, habe ich keine Lust daran gefunden ... Man muss besessen werden, ohne es zu zeigen ..."

Für die Männer bei Pavese sind Frauen oft wirklich nur kleine, nicht ganz verständliche Wesen, es ist aber auch nicht nötig, dass man sie versteht, und beim Lesen sagt man sich: so ähnlich wird es wohl sein. Die Geschichte von der todtraurigen Selbstmörderin in den Einsamen Frauen erzählt eine Frau, und für sie, Pavese versteht das, sind die Männer die, die von Frauen so denken, so töricht sind sie wohl.

Und nun über das Reisen ein großes, gelassenes Wort, ein paar Jahre früher, Mai 1946, er war natürlich irgendwie derselbe schon damals, dieses Wort also: "Der Zauber des Reisens besteht darin: unzählig reiche Szenen streifen und wissen, dass eine jede unser sein könnte, und weitergehen, wie ein grosser Herr." Ich glaube, die weiteste Reise, die er davor gemacht hatte, war die, als sie ihn in die Verbannung geschickt hatten, ganz in den Süden nach Brancaleone, am düstersten fadesten Wasser, 1350 Kilometer von Turin, weiter weg von irgendwo kann man in ganz Italien nicht sein.

Ich habe mich beim Reisen in seine Heimat gefragt, ob ich auch gern an den Ort seiner Verbannung reisen würde, wie man so reist auf Spuren. Es gibt eine wunderbare Erzählung von Pavese, die dort unten spielt: Der Erzähler lernt einen Verbannten kennen, der in dem Moment verzweifelt, in dem er hört, dass ihm zu Hause ein andrer den Mann, der ihm sein Mädchen weggenommen hat, eben erschlug, denn nur, dass er das selbst noch tun könnte, hat ihn hier am Leben gehalten. Doch, ich glaube, auch dorthin würde ich fahren.

Die Brille bringt mich darauf: Ich bin mit der Bahn gereist, erst todschick nach Turin, dann unklimatisiert in Richtung Cuneo, bis Cavallermaggiore. In Cavallermaggiore, wenn man nach Alba will, bis dahin kommen ja einige Reisende noch, im Herbst, des Weins, der Trüffeln wegen, steht in der prallen Sonne auf dem hintersten Gleis ein bunt besprayter Waggon, einfach ein abgestellter Waggon, denkt man, mit dem man weiterfährt. Auf einer Bank vor dem Waggon, auf dem Bahnsteig, saß die ganze Zeit ein sehr schöner junger Mann, dunkle Sonnenbrille, Handy am Ohr, cool, stark, Typ James Dean, ein wenig verspätet vielleicht. Dann stieg er ein, eine Bank vor mir; ein Freund noch, ein hübsches junges Mädchen. Kurz vor der Abfahrt kam ein andrer junger Mann herein; sie sahn sich an, murrten einige Worte (in der Übersetzung von Paveses Einsamen Frauen ist immer von brummen die Rede, auch die mondänsten Frauen brummen; ich weiß nicht, ob das sein kann); dann stieß der eine den andern mit beiden Händen weg, und gleich nach dieser Geste begannen sie sich zu schlagen; das Mädchen verließ diese Hälfte des Waggons, ich trat etwas beiseite, wollte sie nicht über mich fallen lassen, aber nach wenigen Schlagwechseln schon ging der Freund des coolen Brillenträgers, er war wohl eher der Aggressor gewesen, zwischen die beiden, der später Gekommene ging weg, der mit dem Handy saß wieder auf seinem Platz schräg vor mir und massierte sich die rechte Hand, mit deren Faust er zugeschlagen hatte; der Freund zog dann noch an den einzelnen Fingern, der Schläger probierte die Hand wieder, massierte aber weiter, sie muss wehgetan haben; meine Idee war eigentlich immer schon, dass Schlagen schmerzhaft ist, nun sah ich das selbst bei diesem markigen Burschen. Beide stiegen dann in der einzigen größeren Stadt vor Alba aus, sie heißt Bra; der später Gekommene und dann Weggegangene ging einfach quer über die Gleise.

Alba ist eine freundliche, sehr charmante kleine Stadt, an deren Bahnhof auch, ebenfalls aus Turin, in seinem letzten Buch der Erzähler Paveses ankommt, zweifellos ist er es selber; er gelangt dann per Auto nach San Stefano, dort trifft er seinen Freund, Nuto, und das Buch, von einem wüsten Totschlag abgesehen, besteht in der Hauptsache darin, dass die beiden sich über die Jugendzeit, dann aber auch über spätere Tage unterhalten; sie gehn dabei durch diese unendlich schöne Gegend. Pavese, so können wir den Erzähler ruhig nennen, übernachtet in seinem Geburtsort in einem Gasthaus am Dorfplatz, er erzählt, wie er von einem eisernen kleinen Balkon auf den Platz schaut. Alles ist noch da, nur kann man im Gasthaus nicht mehr übernachten, es ist so etwas wie eine Bierhalle daraus geworden; wenn Markt ist, stehn die angebotenen brandneuen und gewienerten kleinen Traktoren davor für die bergigen Weingärten, beim Bier sitzen die Männer. Über der Tür ist eine Plakette, sie sagt, dass hier damals Pavese gewohnt habe.

Auf der andern Seite des Riesenplatzes ist die Bar Roma, unten, hinter Betonarkaden, in einem hässlichen Bau, aber kühl, belebt, bald ist man hier zu Hause. Nachmittags immer kamen vier, fünf junge Mütter mit ihren kleinen Kindern in den Kinderwagen, junge Frauen, hauteng gekleidet, durchsichtig fast, als wollten sie zeigen, nicht nur dass (denn das zeigten ja die Kinder), sondern wie sie es gemacht hatten, zu diesen schönen Kindern zu kommen, und wie sie es weiter schaffen würden. Schön, da zu sitzen; erst am letzten Nachmittag merkte ich, dass hinter mir an der Wand zwei große Fotos hingen, eines mit Pavese, das andere mit seinem Freund Nuto, auch den hatten die meisten hier noch gekannt. Daneben, von einem Sonntagsmaler, ein hübsches Bild: die Landschaft hier, nachts, mit einem Mond, und unter dem Mond Johannisfeuer.

Paveses letztes Buch, deutsch Junger Mond, heißt La luna e i falò, luna ist der Mond, das ist schon wahr, falò ist ein Johannis-, ein Freudenfeuer, auch ein Feuer einfach, das hat der Maler gemeint. Er hat es gut gemeint. Aber in dem Buch, in dem die beiden nun erwachsenen, fast älteren Männer sich von damals erzählen und wo das Meiste, außer bis es dann zu diesem Totschlag kommt, und der halb blöde Bauer brennt auch das Gehöft nieder, eigentlich wie auf dem Bildchen klingt, heimatlich, idyllisch beinahe, da geht es mehr und mehr um die Geschichte dreier sehr hübscher Mädchen, die die beiden Männer immer schon gekannt haben.

Dass er erzählt, merkt man, wie Verliebtheit, mittendrin

Es ist eine der Eigenarten der kleinen Romane Paveses, dass einer erzählt, fast als erzählte er nichts, nichts Besonderes jedenfalls, kaum so etwas wie eine Geschichte, und dass er doch eine erzählt, merkt man erst, wie eine Verliebtheit, wenn man mittendrin ist; oder wie eine Melancholie vielleicht eher.

Hübsche Mädchen, angebetet von den Knaben, schön das eine älteste sogar, regelrecht schön. Die beiden andern, wild und heiß die eine, sind gestorben, kläglich beide, ein Jammer. Nun die Schöne, Santa; sie hat, erzählt Nuto, mit den deutschen Besatzern geturtelt, war zugleich aber bei den Partisanen; und dann, erzählt Nuto, sei es den Partisanen vorgekommen, als habe sie sich doch mehr und mehr als Doppelagentin betätigt. Eines frühen Morgens, in einem hellen Sommerkleid aus dem nächsten Ort, Canelli (nichts Schönes, ich habe dort gewohnt), sei sie ins Quartier gekommen, und man habe ihr gesagt, ihr, die tat, als verstehe sie nicht, sie sei verurteilt. Man habe sie nach draußen geführt, sie habe noch zu fliehen oder vielleicht einfach um ihr Leben zu laufen versucht, man habe sie aber erschossen. Vielleicht finde man sie ja eines Tages, wie so manche in diesen Bergen, Wäldern, sagt Pavese. Nein, sie nicht, sagt Nuto, man habe Reisig gesammelt und sie im Feuer verbrannt, noch im nächsten Jahr, erzählt Nuto, der dabei war, und mit diesem Satz endet dieses große Buch, "noch im nächsten Jahr war die Stelle zu erkennen, sie sah aus wie die Brandnarbe eines Johannisfeuers".

Schwer mitzumalen für einen Sonntagsmaler so etwas natürlich. Auch die Landschaft ist still darüber in dieser verführerischen désinvolture aller Landschaft, sie ist immer unschuldig wie für die Alten die Götter, über die Pavese so gern nachdachte, sie sind ja aus solchen Gegenden. San Stefano Belbo - Belbo ist der kleine Fluss, der dieses San Stefano näher bestimmt, er durchfließt von Süden nach Norden eines der Längstäler dieses kleinen, unbesuchten Gebirges, das aus dem Dreieck der Städtchen Alba, Asti und Acqui Terme bis hinab nach Ceva reicht, östlich des Tanaro, an dem Alba liegt. Man rühmt den Höhenweg von Alba nach Ceva, aber er berührt nur den Rand des Berglands, und das Innere erst hält alles, was der Rand verspricht. Anmutig sieht vieles aus, aber in den Tälern ist es fast zu heiß für Anmut, und wenn man hinauffährt auf die Höhen, ahnt man Härten, Schroffheit sogar, und doch über allem eine glanzvolle Schönheit. Wenn man auf einer Höhe um eine Dorfkirche den energischen Wind spürt, dann versteht man die Schilder, die unten an allen diesen vermeintlich harmlosen Hügelstraßen Schneeketten empfehlen für den Winter.

Oben fallen immer wieder an Dörfern schmale Straßen bergab, andere gleiten aber überall auf Kämmen auf wieder andere Höhen; überall von diesen Höhen sieht man dann jenseits seiner Ränder die glänzenden Ebenen Piemonts sich ausbreiten. Das Land selbst, in diesem Gebirge, ist vielleicht auch deshalb so bezaubernd, weil jede Senke, jedes Hügelchen da unten noch einmal im Kleineren wiederholt, was im Großen den Gedanken dieser Landschaft ausmacht. Hingerissen, wie träumend sieht man das beim ersten Durch- und Darüberfahren, dann ist man zu Hause hier. Einmal in einem Roman sagt ein junger Mann zu einem Freund, der ihn hier zum ersten Mal besucht und gern sagen möchte, was er da sieht: "Am ersten Tag ist es dir erlaubt. Schau dir das Panorama nur an. Morgen hörst du dann schon auf damit."

Dann bin ich noch den Belbo ganz hinaufgefahren, bis auf den Pass vor Ceva, ich wollte westlich nach Cuneo hinüber, diesem kleinen Ort an der alten Straße von Turin nach Nizza und Ventimiglia, unten, hinter Limone Piemonte, durchquert man den Colle di Tenda in einem süßen Albtraum von Tunnel. Oben am Pass, nach Südwesten hinab, lagen in einem graublauen Dunst verlockende Berge, weit großartiger als die Gegend, die ich eben durchfahren hatte; und als ich schon hinabwollte, hielt mich, zog mich doch dieses schimmernde Filigran, dieser schöne Sommer der pavesischen Hügel zurück.

Der Teufel auf den Hügeln heißt dieser kleine Roman, er beginnt in Turin, nachts, ein paar junge Leute, die nicht schlafen wollen in solchen Nächten ("warum willst du den Sommer vertun?", fragen sie einen, der schlafen will), gehn einen großen Hügel hinauf, drüben, am andern Ufer des Po, die ganze Stadt würde dann unter ihnen liegen, die Straße hinab kommt ihnen ein großer Wagen entgegen, geräuschlos, dunkel, und bleibt stehn. Sie gehn hin, ein Mann, wie schlafend, sitzt am Steuer. Sie gehn weiter, eine Autotür schlägt, sie gehn wieder zurück, der Mann sitzt stumm auf dem Trittbrett (hatten die großen Autos damals). In einem andern Buch fahren Leute, Leute, die Geld haben, in einem solchen Wagen von Turin an die Küste, nach Savona, dann wieder zurück, frühstücken, trinken, wie in den frühen Filmen Antonionis, in denen Monica Vitti immer so schön war. Im Tagebuch heißt es einmal, Anfang 1948: "Wenn der traurige Abend kommt, wo das Herz wie zerschlagen ist, ohne Grund, liegt der Trost noch in dem gewohnten Gedanken, dass auch der frohe Abend, der trunkene, entzückte keinen Grund hat ..."

Turin zum Schluss, diese wunderbare unbekannte Stadt, seine Straßen, die Pavese einmal im Tagebuch für seinen eigentlichen Ort hält, "die breite Straße in Turin, vornehm und bescheiden, frühlingsmäßig und sommerlich, ruhig, verschwiegen und geräumig". Hier spielen die berühmten Romane, Der schöne Sommer, Die einsamen Frauen. In diesem Buch macht die junge Frau, die jetzt erzählt, sie stammt aus Turin, jetzt lebt und arbeitet sie in Rom, hier in Turin eine Filiale des schicken römischen Modeladens auf, in der Via Po, einer einst glänzenden Straße, die vom königlichen Palast hinabführt zum Fluss. Nicht alle diese einst glänzenden Straßen sind mehr das, was sie nach dem Krieg wieder zu werden versprachen, die junge Frau würde heute mit ihrer Boutique, wenn sie die reichen jungen Frauen zu Kundinnen haben wollte, woanders hingehn. Die linke Straßenseite mit den wappengeschmückten palastartigen Häusern ist fast ganz wieder renoviert, rechts unter den herrlichen Arkaden sind noch eine Menge holzgetäfelter Läden da, aber das Publikum ist jung und gemischt und hat alle Melancholien überwunden. An der Piazza San Carlo werden an einem Gebäude oben in Riesenschrift nachts leuchtend Zeit und Temperatur angezeigt. Es war halb elf an diesem Abend, in Deutschland regnete es, es war kühl, hier waren 26 Grad, und sie waren alle auf der Straße, die den Sommer nicht vertun wollten, und diese Nächte selbst zu zweit auch erst später.

War das damals, Ende August 1950, auf den Tag 50 Jahre nach Nietzsches Tod (der nichts damit zu tun hat, aber doch mit Turin, wo er am Hals dieses Droschkengauls zusammengebrochen ist, wie man sagt), war das damals so ein Abend, und dann für ihn voll dieser grundlosen Traurigkeit, doch ohne den Trost ebenso grundloser Entzückungen? An diesem Abend jedenfalls, vor 50 Jahren, noch 14 Tage, und er wäre 42 geworden, nahm sich Pavese, hier in Turin, in einem Hotel, das Leben. "Warum sterben?", hatte er im August notiert. Schwer zu sagen, weiß Gott. Aber auch Camus zum Beispiel lebte ja noch, und das waren eben so die Fragen, die sie vor 50 Jahren stellten.

Taschenbücher von Cesare Pavese

Am Strand. Roman; FT 5303; 12,90 DM

Der böse Blick. Erzählungen; Ft 5347; 12,80 DM

Die einsamen Frauen. Roman; FT 5305; 12,90 DM

Der Genosse. Roman; FT 5302; 10,80 DM

Gespräche mit Leuko. FT 10567; 14,80 DM

Hunger nach Einsamkeit. Gedichte; FT 10552; 14,80 DM

Der schöne Sommer. Roman; FT 5899; 12,90 DM

Die Selbstmörder. Erzählungen; FT 5348; 14,90 DM

Unter Bauern. Roman; FT 5304; 8,80 DM

alle im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main

Der Teufel auf den Hügeln. Roman; BS 1255; 22,80 DM

Junger Mond. Roman; BS 111; 24,80 DM

beide im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

Das Handwerk des Lebens. Tagebuch; Claassen Verlag, München; 68,- DM (gebundene Ausgabe)

 
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