Große weiße WeltSeite 3/3

er nicht als er). Aber aus Goetz' Höllenchor macht er bloß ein pointenloses Handlungskabarett, eine Ärzteposse. Sein Spielführer auf der Bühne ist Doktor Bögl (Matthias Neukirch), ein Mann mit einem pfäffischen Lächeln, das sich ätzend bis ins Innerste der Figur frisst.

Die Arztsoldaten entstammen einer Militärklamotte: Ihr Alltag ist Drill, Gutelaunemachen, dem Chef nachlaufen, Stillhalten, Unglück abnicken, Horror weggrinsen. Eine Polonaise der Untoten, von der etwas Kresnikhaftes ausgeht.

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Wieler verhöhnt einen Habitus, in die Welt jenseits des Hohns dringt er nie vor. Sein Zorn kennt nur den Plural: Die Ärzteschaft ist das große weiße Wir, das dem Feind ins Auge blickt und dabei erblindet

sie neigt sich über die Phänomene, ohne von ihnen ergriffen, verändert, verschlungen zu werden. Sie ist stolz darauf, alles gesehen zu haben und dabei, nein, nicht anständig, aber "vernünftig" und heiter geblieben zu sein. Es gibt hier kein richtiges Leben im falschen, aber ein strahlendes Leben im Grauen: die Fähigkeit der Ärzte, aus jeder Patientenkatastrophe unschuldig und gestärkt hervorzugehen.

Der Protagonist Raspe (Fabian Gerhardt), Alter Ego des Autors und Mediziners Rainald Goetz, ist Gastgeber und allwissender Erzähler: Bei seinem ersten Auftritt prüft er, mit Goetz gesprochen, den space des Abends. Was folgt, sind Rückblenden, alte Filme, da müssen Licht und Ton stimmen. Der Künstler erzählt einen Schock aus seinem Leben, er nimmt uns mit auf die Sondermüllhalde seiner Vergangenheit: Hier war ich, von hier floh ich, von hier beziehe ich meine Gifte und meine Wut.

Bei Wieler wird aus Irre eine Variante von Goethes Torquato Tasso in den Zeiten des Wohlfahrtsstaats: Raspe ist der überspannte, schutzlose Künstler, geduldet an einem Hof, dessen Herrschaften über den Wahnsinn gebieten. Die Herrschaften amüsieren sich über den Bewegungsdrang des hageren Jungen, sie mögen seine Tänze, sie fangen und lähmen ihn mit ihrem "du". Aber die wahren Künstler, darüber lassen sie keinen Zweifel, sind sie selbst. Ihr Material ist der kranke Mensch, ihre Werkzeuge sind der Elektroschock und das Medikament, und ihre künstlerische Handschrift offenbart sich in der Dosis, die sie durchs kranke Material jagen.

All das ist grauenhaft, aber es langweilt. Rainald Goetz' Irre sterben in Hannover einen weißen, kalten Schneetod. Sie haben sich vom Theater ihren Schatten abkaufen lassen.

 
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