K I N O "O Brother, Where Art thou?", der neue Film der Brüder Coen

Odysseus in Ketten: Joel und Ethan Coen fleddern eine besonders klassische Vorlage

Es gibt einen Ulysses Everett McGill, der sich in die Heimat aufmacht zu seiner Frau Penny und den Kindern und dabei auch einen "Freier" zu verjagen hat; es gibt ein paar unwiderstehliche Sängerinnen, die zu Recht Sirenen genannt werden, die aber zugleich Wäsche waschen wie Nausikaa, und die scheinbar einen von Ulysses' Gefährten in ein Tier verwandeln können wie Kirke. Es gibt einen gefährlichen Zyklopen (einen Einäugigen) und einen blinden Seher und manches Homerische mehr, aber dazwischen tauchen auch Legenden des Südens auf wie der Bluesmusiker, der an der Kreuzung dem Teufel seine Seele verkauft, oder Babyface Nelson, das Schweinchen Dick unter den Bankräubern, born to raise hell. Nahezu alles hat einen hohen Wiedererkennungswert, und selbst dort, wo die Coens bewusst verfremden, tun sie das noch im Dienste der Erinnerung. Die Farben sind nachträglich digital bearbeitet worden, bis kein frisches Grün mehr in den Bildern war. So sieht der Süden dieses Films von vornherein vergilbt aus, einem alten Album entsprungen. Allerdings nimmt das Gelb zum Teil einen derart grellen Ton an, dass jede nostalgische Regung buchstäblich ausgeblendet wird und man sich eher in einen animierten Comic versetzt glaubt. In mancher Hinsicht scheint O Brother, Where Art Thou? tatsächlich die Comicversion eines Südstaatendramas aus der Depressionszeit zu sein, jede Gestalt ihre eigene Karikatur, jede Episode ein Kabinettstück mit Extremperspektiven. Auch der Titel in seiner antikisierenden Schreibung fände gut in einer Sprechblase Platz. Er stammt allerdings aus einer Komödie der vierziger Jahre, die ihre Figuren selbst schon so sehr karikierte, dass die Coens ihr nur mehr Referenz erweisen, sie aber nicht ihrerseits an sophistication überbieten können

Dumme gibt es überall, aber im Süden sehen sie anders aus

In Preston Sturges' Sullivan's Travels träumt ein Komödienregisseur davon, endlich einmal einen sozial mitfühlenden, ungeschönt realistischen, ungemein aufrüttelnden Blick auf die Armen und Ausgebeuteten des Landes zu werfen. Seine moralisch-filmische Großtat soll heißen O Brother, Where Art Thou?, und um ein Gefühl für seinen Gegenstand zu bekommen, verkleidet sich der Snob (mithilfe des Butlers) als Hobo und spielt eine kleine Weile den Hungerleider - bis unversehens Ernst daraus wird. Als Kettensträfling muss er schuften im Sumpf. Zum Trost darf er einmal mit dem Gefangenentross ins Kino - und ist selig, dass er dort Mickymaus zu sehen bekommt und eben kein aufrüttelndes Sozialdrama. Wieder daheim in seiner Villa, enträt er dem O-Brother-Projekt und wendet sich guten Gewissens der nächsten Komödie zu.

Jetzt haben die Coens also jenen Film gedreht, von dem Sturges' Held aus guten Gründen Abstand nahm. - Natürlich haben sie nicht. Denn sie geben Sturges ja Recht, mit seinem Bekenntnis zur Komödie und seiner Abkehr vom Aufklärungsstück. Sie gehen darin sogar einen Schritt weiter. Sturges achtete nämlich bei allem Aberwitz darauf, sich nicht über die Armen lustig zu machen; das war noch ein moralischer Vorbehalt. Diese Zurückhaltung haben die Coens aufgegeben. Bei ihnen sind auch die Verlierer Witzfiguren - und dürfen es sein, weil der Film ja keinen Moment vorgibt, etwa von "echter" Armut zu handeln. Seine Vorbilder sind andere Filmbilder, und denen gegenüber ist natürlich aller Spott erlaubt. Überhaupt gestatten sich die Coens wie immer ziemlich vieles, abwegige Fantasien, bizarre Figuren und eine Episodenstruktur, um deren innere Dramaturgie sich niemand zu scheren scheint. Mit nichts ist es ihnen ernst, das macht ihre Filme so unbändig, setzt sie allerdings auch unter den Druck, eine Kapriole nach der anderen liefern zu müssen, denn darin steckt ja schon die ganze Substanz. Deshalb kann man manchen Coen-Film erst beim zweiten Mal richtig genießen; beim ersten Mal steht mitunter eine zarte Unzufriedenheit im Weg über eine Story ohne Bogen und Ziel. Im Grunde funktionieren die Filme oft wie eine der schönsten Szenen aus O Brother, Where Art Thou?, in der eine riesige Flutwelle Mann und Maus erfasst und die Kamera unter Wasser geht: Drunter und drüber treiben lustige Dinge vorbei.

Die Odyssee gibt ein wenig Halt, und, etwas konkreter, die Geschichte der drei Kettensträflinge Ulysses (George Clooney), Pete (John Turturro) und Delmar (Tim Blake Nelson), die auf der Suche nach einem Schatz und auf der Flucht vor dem Gesetz sind. Ihnen stößt eine Menge zu. Wie alle Coen-Helden haben sie einen schlauen Plan; wie immer ist der ein entscheidendes bisschen zu dumm. Darin unterscheiden sich die Flüchtigen aus Mississippi nicht vom Althippie aus Kalifornien (in The Big Lebowski), vom Autohändler aus Minnesota (in Fargo) oder vom Privatdetektiv aus Texas (in Blood Simple). Dumme gibt es überall, aber was sie tun, sieht im Süden anders aus als im Norden oder im Westen, und mit der Sprache ist es ähnlich. O Brother, Where Art Thou? suhlt sich in diversen Schattierungen des Südstaaten-Slang, und George Clooney als Ulysses redet einen besonders verschrobenen Jargon, eine unvergleichliche Mischung aus altertümelnder Hochsprache und Volksmund (wovon man natürlich nur in der Originalfassung etwas mitbekommt). Angereichert wird das Mississippi-Panorama außerdem mit einem ausgedehnten Streifzug durch die zeitgenössische Volksmusik des Südens, besonders durch Bluegrass und Gospel, sodass O Brother, Where Art Thou? manchmal wirkt wie eine regionale Kulturgeschichte in Pillenform, nach dem alten psychedelischen Rezept turn on, tune in, drop out.

Coens' kleine Kulturgeschichte hält allerdings nicht nur Typen und Gebräuche, Slangs und Moden fest. Der Name Odysseus verpflichtet. Es geht folglich auch um den Kampf des Mythos mit der Moderne, um Aberglauben und Vernunft, wenn nicht gar um die Dialektik der Aufklärung. Jedenfalls gibt Ulysses den großen Verstandesmenschen und bemüht sich redlich, noch die seltsamsten Phänomene "psychologisch" oder "wissenschaftlich" zu erklären. "Sie werden es noch weit bringen", sagt ihm Senator Pappy O'Daniel. Da hat Ulysses gerade aus taktischen Gründen zugelassen, dass der Senator den gefeierten Bluegrass-Auftritt der Soggy Bottom Boys (Ulysses, Pete und Delmar) zur Wahlkampfveranstaltung umfunktioniert. Die falsche Politik wird nun mit richtig guter Laune verkauft - ein früher Triumph der Kulturindustrie, ein Schritt hin zum Verblendungszusammenhang. Am Ende freilich siegt der Aberglaube, alle Prophezeiungen werden auf wundersame Weise erfüllt. Der Seher zuckelt zufrieden dem Horizont entgegen, und der Zuschauer ergibt sich bereitwillig dem Coenschen Verführungszusammenhang.

 
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