B I O M E D I Z I N : Rohstoff Mensch
In amerikanischen Labors hat die Zukunft schon begonnen. Ein Gespräch mit dem Pionier der Stammzellforschung, John D. Gearhart
Neuronen für Alzheimerkranke, Herzzellen für Infarktopfer, Inselzellen für Diabetiker - die Stammzelltechnologie hat bei Forschern und Patienten Euphorie, bei Ethikern herbe Kritik ausgelöst. Die Hoffnungen werden durch eine einzigartige Fähigkeit der Stammzellen genährt: Sie können sich zu allen 270 Zelltypen des menschlichen Körpers ausformen. Doch die Herkunft der Wunderzellen ist anrüchig: Sie stammen aus menschlichen Embryonen.
John D. Gearhart, der Pionier der Stammzelltechnik, kann sich über ethische Bedenken nur wundern. Dem Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe an der School of Medicine der Johns Hopkins University in Baltimore gelang es vor zwei Jahren, Stammzellen aus abgetriebenen Föten im Labor zu vermehren. Seither sind die verheißungsvollen Zellen weltweit zum begehrten Rohstoff der Biomediziner geworden. In Großbritannien soll künftig sogar das Klonen von Menschen erlaubt sein, um Embryonen als Stammzelllieferanten zu gewinnen.
In Deutschland dagegen sind Experimente mit Embryonen verboten, das Embryonenschutzgesetz untersagt aber nicht die Forschung und den Import der aus ihnen hergestellten Stammzellen.
Darf man menschliches Leben in therapeutisches Material verwandeln? John Gearhart fragt zurück: Darf man Kranken mögliche neue Therapien vorenthalten? Die deutschen Forscher, prophezeit er, werden ins Hintertreffen geraten. Dass sie bereits heute Lizenzgebühren an die Amerikaner bezahlen müssten, sei Pech. "Ich fühle durchaus mit den deutschen Kollegen, aber so funktioniert Wissenschaft nun einmal."
DIE ZEIT: Herr Gearhart, haben Sie schon menschliche Stammzellen nach Deutschland exportiert?
GEARHART: Nein, unsere Zelllinien werden noch von der US-Gesundheitsbehörde NIH geprüft. Aber wir haben bereits Anfragen aus Deutschland.
ZEIT: Ursprünglich wurden Embryonen im Labor nur hergestellt, um unfruchtbaren Paaren zu Kindern zu verhelfen. Nun sollen überzählige Embryonen als Gewebeersatz verbraucht werden. Haben Sie damit gar keine Probleme?
GEARHART: Sie spielen darauf an, dass Embryonen potenziell menschliche Wesen sind. In dem Entwicklungsstadium, über das wir reden, sind sie nach meinem Gefühl kaum mehr als ein Haufen Zellen. Ist Ihnen klar, dass 80 Prozent aller befruchteten Eizellen im Mutterleib zugrunde gehen? Es gibt keine Garantie, dass sie menschliche Wesen werden.
ZEIT: Darf man sie deshalb nach Belieben nutzen?
GEARHART: Ich würde das Argument anders wenden: Mit dem Gewebe eines einzigen Embryos werden wir Tausenden von Menschen helfen können. Wenn so ein Embryo von dem spendenden Paar nicht mehr gebraucht wird, würde er normalerweise auch zerstört. Da sehe ich nur Vorteile, wenn man stattdessen das Material nutzt.
ZEIT: ... und womöglich teuer verkauft. Ist es nicht paradox, dass Embryonengewebe zum patentierten und gehandelten Gut wird, zugleich aber die Paare, die es spenden, eine Erklärung unterschreiben, dass sie kein Geld dafür bekommen werden und auch keine Verfügungsrechte darüber haben?
GEARHART: Solche Fragen waren hierzulande Gegenstand mehrerer Gerichtsverfahren. Immer ging es darum, dass Ärzte einzelnen Individuen Zellmaterial entnommen und in verschiedener Weise genutzt hatten. Die Gerichte haben dazu ihr Urteil gesprochen.
ZEIT: Diesen Urteilen zufolge können Ärzte Eigentumsrechte an Zelllinien haben, Patienten aber nicht?
GEARHART: Richtig. Es gibt aber einen Grund dafür: Unsere Zelllinien stammen zwar aus einem Embryo oder Fötus, aber in dieser Form existieren sie normalerweise nicht in einem Embryo oder Fötus. Sie sind ein Artefakt der Petrischale. Und dann müssen wir noch eine ganze Menge Tricks anwenden, um sie zu etwas Nützlichem zu machen. Das therapeutisch verwertbare Zellmaterial ist vom Ausgangsmaterial weit entfernt.
ZEIT: Auch im erwachsenen Menschen gibt es Stammzellen. Wäre es nicht die ethisch sauberere Lösung, diese adulten Stammzellen zu erforschen?
GEARHART: Das ist eine fantastische Möglichkeit. Eventuell sind adulte Stammzellen für bestimmte Anwendungen besser geeignet. Für andere könnten Stammzellen von Embryonen oder Föten besser geeignet sein. Ich denke, es wäre zu diesem Zeitpunkt voreilig zu sagen, nehmen wir halt die Stammzellen von Erwachsenen, und vergessen wir die anderen. Wir sollten auf beiden Gebieten vorangehen.
ZEIT: Embryonen stehen in Deutschland unter besonderem gesetzlichen Schutz. Selbst der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker, plädiert dafür, sich auf adulte Stammzellen zu konzentrieren.
GEARHART: Herr Winnacker hat hier offenbar ein politisches Statement abgegeben, kein wissenschaftliches. Das ist der falsche Ansatz. Man kann die embryonale Stammzellforschung nicht einfach einstellen. Das ist unmoralisch, und es wäre ein Affront gegenüber den Menschen, die Therapien brauchen. Sie haben ein Recht darauf, dass die Forschung in beide Richtungen vorangeht. Wenn die Deutschen die Forschung an embryonalen Stammzellen ignorieren, werden sie ins Hintertreffen geraten. Und die deutsche Bevölkerung wird im Nachteil sein, wenn die ersten Zellen für Therapien zur Verfügung stehen.
ZEIT: Die deutschen Forscher fürchten ohnehin, dass sie Entdeckungen mit der Stammzelltechnik nicht nutzbar machen können. Schließlich besitzt die Firma Geron, die Ihre Forschung, Professor Gearhart, finanziert hat, eine Exklusivlizenz für alle Patente.
GEARHART: Ich fühle durchaus mit den deutschen Kollegen, aber wenn sie unser Verfahren oder unsere Zellen benutzen und daraus etwas entwickeln, unterliegen sie nun mal dem Patentrecht und müssen mit Geron verhandeln. Das ist sicherlich teuer, aber so funktioniert Wissenschaft heutzutage.
ZEIT: Es gibt noch eine Alternative: Es soll möglich sein, die Körperzelle eines erwachsenen Menschen zurückzuprogrammieren.
GEARHART: Daran arbeiten wir gerade. Womöglich können wir differenzierte Körperzellen eines Erwachsenen nehmen, sie im Reagenzglas kultivieren, die eine oder andere Manipulation vornehmen und sie in eine Stammzelle zurückverwandeln, die sich dann wiederum in jede gewünschte Richtung differenzieren lässt. Das scheint mir sogar erfolgversprechender als die Isolierung von Stammzellen aus dem Körpergewebe eines erwachsenen Menschen.
ZEIT: Wer in den vergangenen Wochen die Zeitungen verfolgt hat, konnte den Eindruck gewinnen, die Stammzelltechnik werde bald ganze Nieren und Lebern wie Kürbisse im Gewächshaus wachsen lassen. Es könnte Ihnen womöglich ebenso ergehen wie den Gentherapeuten, die vor zehn Jahren mit großen Hoffnungen gestartet sind und bis heute kaum Erfolge vorweisen können. Versprechen Sie den Menschen nicht zu viel?
GEARHART: Nach allem, was wir bislang wissen, wird sich unser Ansatz auszahlen. Dieser ganze Bereich boomt unglaublich. Man muss sich das einmal vorstellen: Wir verfügen über Zellkulturen, die in undifferenziertem Zustand unbegrenzt haltbar sind. Wenn wir nun beispielsweise Inselzellen der Bauchspeicheldrüse produzieren möchten, ändern wir einfach das Medium ein bisschen und erzeugen große Mengen davon. Wir werden uns durch alle Organsysteme arbeiten. Das ist nur eine Frage der Zeit. Wenn Sie mich fragen, ob wir Organe wachsen lassen können, sage ich nicht nein, obwohl das in absehbarer Zeit nicht geschehen wird. Aber wir werden unsere Zellen im Kontext von Organen benutzen können.
ZEIT: Was meinen Sie damit?
GEARHART: Die Bauchspeicheldrüse hat viele Funktionen. Eine besonders wichtige erfüllen die Inselzellen, sie produzieren das Insulin. Es ist vorstellbar, dass wir Ansammlungen dieser Zellen kultivieren, sie verpflanzen und zum Funktionieren bringen. Das ist zwar kein vollständiges Organ, aber es sind Zellen, die etwas produzieren, und das kann genug sein. Ich bin überzeugt, dass die Stammzellforschung unglaubliche Fortschritte für die Therapie bringen wird.
ZEIT: Was ist mit den Risiken? Die transplantierten Zellen könnten zu Krebs entarten.
GEARHART: Das ist eine reale Gefahr. Eins dazu vorweg: Wir werden nicht die Stammzellen selbst transplantieren, die sich ja unbegrenzt vermehren können, sondern die aus den Stammzellen differenzierten Nerven-, Herz- oder Muskelzellen. Aber ein Risiko besteht. Unsere Arzneimittelbehörde FDA wird diesen Punkt sehr genau untersuchen, wenn wir irgendwann Zellen ins Gehirn verpflanzen wollen.
ZEIT: Es könnte auch Probleme geben, die Differenzierung der Stammzellen sicher in die gewünschte Richtung zu steuern. Was ist, wenn transplantierte Nervenzellen sich in Knorpelzellen verwandeln? Ein Parkinson-Patient ist nach einer Transplantation mit fötalem Hirngewebe gestorben, weil sich in seinem Gehirn Knorpelmasse entwickelt hatte.
GEARHART: Stimmt, aber das hatte nichts mit den transplantierten Hirnzellen zu tun. Da war ein schlechter Chirurg am Werk. Als er in den Föten das Hirngewebe sammelte, ist er mit seinem Messer zu tief geraten und hat auch Knorpelgewebe erwischt.
ZEIT: Die britische Regierung hat angekündigt, das therapeutische Klonen von Menschen zu erlauben. Dabei wird ein Zellkern des zu klonenden Menschen mit einer entkernten Eizelle verschmolzen. Aus dem so entstandenen Embryo kann man wiederum Stammzellen gewinnen. Was halten Sie davon?
GEARHART: Ich bin dafür. Das Ziel des therapeutischen Klonens ist es, Zellen zu gewinnen, die dieselbe genetische Ausstattung besitzen wie der Patient, dem diese Zelllinien einmal transplantiert werden sollen. Das ist eine der Möglichkeiten, das Immunsystem nach einer Transplantation zu überlisten und die massive Gabe von Immunsuppressiva zu vermeiden.
ZEIT: Arbeiten auch Wissenschaftler in den USA am therapeutischen Klonen?
GEARHART: Ich weiß nur von der Firma Advanced Cell Technology in Massachusetts, die Eier von Kühen zum Klonen benutzt.
ZEIT: Dabei würde also eine Art Mensch-Kuh-Chimäre entstehen?
GEARHART: Ich frage mich, ob sie erfolgreich sein werden. Die genetischen Bestandteile im Zytoplasma der Eizelle haben sich bei jeder Art spezifisch entwickelt. Man weiß bereits, dass es zwischen manchen Arten Unverträglichkeiten gibt - der Zellkern der einen Art reagiert nicht auf das Zytoplasma der anderen. Es könnte durchaus sein, dass das auch bei Kuh und Mensch passiert.
ZEIT: Das ist die wissenschaftliche Betrachtungsweise. Aber wie steht es mit der Ethik solcher Experimente? Da wird doch schon wieder eine Grenze überschritten.
GEARHART: Auch ich habe da meine Bedenken. Es gibt verschiedene Typen von Viren, und man sollte schon sicher sein, dass diese Viren nicht in der Kuheizelle enthalten sind.
ZEIT: Sonst haben Sie keine Bedenken?
GEARHART: Ich finde, wir sollten innerhalb der menschlichen Art bleiben. Wir haben genug menschliche Eier zur Verfügung. Also können wir die Experimente mit menschlichen Eiern und Zellkernen durchführen.
ZEIT: Woher nehmen Sie denn menschliche Eizellen? Frauen legen doch nicht Eier wie Hennen.
GEARHART: Die wichtigste Quelle für Eier sind natürlich die Programme zur Reagenzglasbefruchtung. Nahezu jede Klinik, die unfruchtbare Paare behandelt, hat ein Eispendeprogramm.
ZEIT: Diese Eizellen werden durch hormonelle Stimulation gewonnen. Das ist ein belastender und riskanter Eingriff für die Frauen. In Deutschland sind die Spende und der Verkauf von Eizellen verboten.
GEARHART: Ich habe damit keine Probleme. Hierzulande wird die Eispende routinemäßig durchgeführt. Ich bin nicht dagegen, dass die Eier für therapeutisches Klonen verwendet werden. Allerdings arbeite ich nicht selbst auf dem Gebiet. Wir verfolgen einen anderen Ansatz.
ZEIT: Welchen?
GEARHART: Für eine relativ große Gruppe von Menschen hätte das therapeutische Klonen keinen Wert. Wenn jemand zum Beispiel einen Autounfall hätte und bestimmte Zellen bräuchte, könnte man ihn nicht schnell mal eben klonen, seine Stammzellen gewinnen und neue Körperzellen daraus wachsen lassen. Ich bin deshalb dafür, Gewebebanken einzurichten. Man hätte Ersatz für alle Verletzungen zur Verfügung, und sie würden mit einem Minimum von Immunsuppressiva funktionieren.
ZEIT: Das wäre quasi ein "universeller Spender"?
GEARHART: Die Idee dabei ist, in Stammzellen die Gene zu verändern, die am Prozess der Immunabwehr beteiligt sind. Aus Versuchen mit Mäusen wissen wir, dass es funktionieren könnte. Das würde weniger Zeit kosten als das therapeutische Klonen, aber wir hätten am Ende ein Transplantat, das mit einer geringen Menge Immunsuppressiva verträglich wäre.
ZEIT: Lässt sich die Stammzelltechnik auch zur genetischen Verbesserung des Menschen nutzen?
GEARHART: Natürlich. Angenommen, Sie leiden an Zystischer Fibrose. Man nähme eine Ihrer Körperzellen und programmierte sie zur Stammzelle zurück. In diesem Stadium würde man das Krankheitsgen ausmerzen und aus der genetisch manipulierten Stammzelle eine unbelastete Eizelle wachsen lassen. Die könnte dann im Reagenzglas befruchtet werden.
ZEIT: Und wie steht's mit anderen Eigenschaften?
GEARHART: Es gibt natürlich eine dunkle Seite dieser Angelegenheit, wenn die Leute Kinder wollen, die gut Klavier spielen können. Ich bin überzeugt, dass solche Dinge passieren werden. Allerdings wird es noch viele Jahre dauern. Schreiben Sie bloß nicht, das so was derzeit möglich ist!
Mitarbeit Ingrid Schneider






