L I T E R A T U R Vaterland ist abgeschwollen
Rafael Chirbes' Meisterwerk über das Ende der Franco-Diktatur
Es ist der 19. November 1975. Am Abend dieses Tages stirbt Generalissimus Franco. Seit 1939 hat der Caudillo Spanien als sein klerikal-faschistisches Latifundium regiert. Er stirbt seit zwanzig Tagen. Spanien verharrt im Wartezimmer seiner Zukunft.
An jenem Tag feiert Don José Ricart seinen 75. Geburtstag. Zeit der Bilanzen. Ihm scheint, früher war "das Innere ein Dampfer, der durch das Meer der Außenwelt kreuzte", während seit einiger Zeit "jeder zu einem Spielzeug in maßlos kräftigen Händen" wurde. Es ist nicht ganz klar, ob Don José über die metaphysische Lage oder die Geschäftsordnung räsoniert. Er war jedenfalls nie ein Orthodoxer: Franco hat seiner Möbelfabrik gut getan, zu Gott unterhielt er ebenfalls bloß diplomatische Beziehungen, mit Sicherheit hat er fröhlich gegen sämtliche zehn Gebote verstoßen. Aber in letzter Zeit gestaltet sich die Führung von Familie und Firma schwieriger. Man könnte sagen, das Ölbild des Patriarchen verblasst, und es erscheint die Skizze eines Managers.
Don Josés großes Madrider Haus ist längst keine Familienzentrale mehr. Doch hier kreuzen sich die erstaunlich unterschiedlichen Stimmen der Gegenwart. Kinder und Enkelkinder in allen Varianten, Intellektuelle und Künstler, Dienstboten und Chefs, Schönheitsschwärmerinnen und Wahnsinnige, Macht und Protest, Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Zukunft. Rafael Chirbes lässt sie alle zu Worte kommen - wie sie im Schatten des sterbenden Diktators in ihren Erfahrungen kramen, auf der Suche nach zukunftsweisenden Zeichen.
Am Morgen jenes Tages werden auch zwei "mutmaßliche" Revolutionäre von der Polizei erschossen. Eher ein Betriebsunfall als politische Leidenschaft: Den Wächtern des Systems liegen die Nerven blank. Mürrisch spüren sie den Tod ihrer Werte, ihr Alter und das Alter der Epoche. Vaterland und Ehre sind abgeschwollen. Kommissar Arroyo fürchtet vor allem, dass ihn seine ehemaligen Opfer in Unterhosen durch die Stadt treiben - wie seine portugiesischen Kollegen im Jahr zuvor - und dass er die Hure Lina verliert, seine einzige Liebe: schmutzig, verzweifelt und innig.
Doch auch den Propheten und Märtyrern von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bleibt die Zukunft im Hals stecken. Allzu lange schon ist der Bürgerkrieg zur intimen Lebensform geworden, der Hass zur Routine getrocknet, hat die Gegnerschaft vom Bild des Gegners gelebt. Die subversiven Seminare des feinsinnigen Philosophieprofessors Juan Bartos verdanken allein den Drohungen der Diktatur das unvergleichliche Aroma der Realitätsgefährdung. "Die Franco-Gegner sind Francos Erben. Sie hassen ihn, wie man einen Vater hasst", erklärt ein aus dem mexikanischen Exil zurückgekehrter Marxist verbittert. In den letzten Stunden des Ancien Régime dämmert vielen, dass sie unwissentlich zu Mitgliedern einer dunklen und zerstrittenen Blutsbrüderschaft geworden waren. Mit ihren Widersachern sterben auch sie. Deshalb erwarten sie den Tod des Caudillo wie ein Ende. Die Anfänge werden importiert.
Wir wissen, was nach Francos Tod geschah: Die Furien der Modernisierung krochen aus ihren Verstecken und übernahmen die Herrschaft. Die Geschichtsbücher wissen Genaueres: Gewisse westatlantische Demokratien hatten sich als Garanten der inneren Stabilität der beiden iberischen Diktaturen verabschiedet. Franco hatte bereits die Monarchie in der Requisitenkammer entstauben lassen und auf ihren baldigen Einsatz vorbereitet. Den politischen Parteien war die Demokratie zu den Bedingungen der Diktatur versprochen worden: Amnestie, Amnesie und partielle Aphasie. Blieb ein unberechenbarer Rest: die Spanier. Rafael Chirbes erzählt ausschließlich von diesem Fußvolk des Realen, den Menschen und wie sie in den Sterbestunden des Diktators die Waffen fallen lassen und sich aus dem Staub ihrer Epoche machen.
Jahrzehntelang stand das Land im Zeichen eines Mannes: Franco. Unaufhörlich codierte er das politische Bewusstsein als Feinde und Günstlinge seiner Macht. Die Wirklichkeit ging ihre Wege, so lange bis den einstigen Bürgerkriegsparteien ihre Klientel ausging. Irgendwann schützte der militärisch-klerikale Komplex nur noch die schwachen alten Pfründen und verhinderte die Eroberung des neuen, schnellen Reichtums. Gleichzeitig zerfransten die Ideale des Klassenkampfs in den jungen Praktiken der aufkommenden Individualisierung.
Wir erzeugen pausenlos die Gesellschaft: auf Lebenswegen
Erst während der Agonie des Diktators, in der Spannung des Umbruchs, entdecken die Spanier, dass die Gewissheit der Diktatur in ihren Herzen bereits erloschen war. Madrid fällt. Das Regime und seine Gegner kapitulieren, sie danken ab und ergeben sich den gebieterischen Ziellosigkeiten einer neuen Zeit: Don José spürt seit geraumer Zeit - nicht ohne Melancholie, aber auch ohne Bedauern - den Paradigmenwechsel von altem zu neuem Geld in seinen Knochen und in seiner Fabrik. Kommissar Arroyo, der grau gewordene Bluthund des Regimes, der den Verlust des Glaubens mit der fast religiösen Hingabe an eine Hure tröstet, fürchtet die Gerichte des Kommenden, aber er spürt kein Mandat mehr, sie zu beschiessen. Und die Oppositionellen aller Art kapitulieren vor einer Gesellschaftsordnung, die der Geschichtsphilosophie keine Angriffsfläche mehr bietet und die die Kollektive im Vorübergehen zerstreut.
Der Fall von Madrid ist kein Geschichtsbuch in romanesker Verpackung, sondern durch und durch ein Roman, der von der Geschichte so erzählen kann, dass ein "echter" Historiker verzweifeln müsste. Rafael Chirbes erzählt von jenem 19. November 1975 so spannend, dass wir bis zur letzten Seite glauben, die Realität könnte noch anders ausgehen. Und tatsächlich schien (und scheint) ja nichts unwahrscheinlicher, als dass die Jahre der Diktatur sich in nichts auflösen. Chirbes gibt uns die Ungewissheit der Geschichte zurück. Das Allgemeine, der große Lauf der Dinge, die nachgereichten Konstrukte der Historiker und Soziologen weisen ja nicht gerade in Leuchtschrift den Lebensweg des Einzelnen. Wo findet denn die Gesellschaft in uns statt? Überall, wie Chirbes zeigt. Wir erzeugen sie pausenlos - auf Lebenswegen.
Dieser Romancier hat die Kühnheit, am konkreten historischen Ereignis den Beweis anzutreten: Jener Fall von Madrid wurde nicht in einer großen Volksabstimmung, nicht in politischen Kategorien und auch nicht von der Macht entschieden, sondern in Gesten der Müdigkeit und des Zweifels, in vagen Bildern auf Millionen sonderbarer Privatbühnen in den unterschiedlichsten Formen gelebt.
Jeder große Roman hinterlässt vor allem Fragen, weil er die übliche Kommentierung der Dinge unterläuft. Der Fall von Madrid wird alle die verstören, die lustvoll Dutzende von Vergangenheiten bewältigen. Chirbes bringt die hochbrisante Geschichte vom Ende der Franco-Diktatur geradezu außer Reichweite des gängigen kategorialen Bestecks: hier werden nicht Täter, noch Opfer ermittelt, die Untaten nicht für irgendein Mahnmal des Bösen präpariert und die Schreie der Opfer nicht in erbauliche Musik verwandelt. Die Geschichte kommt als Wunde zurück. Doch wir werden nicht als Ärzte angesprochen.
Rafael Chirbes:Der Fall von Madrid. Roman, aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz; Verlag Antje Kunstmann, München 2000, 302 S., 39,80 DM
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






